Bis dass der Tod uns scheidet?

Illusion "lebenslange Motorölfüllung": regelmäßige Wechsel sind technische Notwendigkeit

14.03.2008 | Redakteur: Steffen Dominsky

Über die Länge des einen oder anderen Ölwechselintervalls lässt sich streiten. Über die Folgen eines Verzichts darauf sicher nicht, denn dadurch können kapitale Motorschäden auftreten.

Bereits in grauer Vorzeit soll es Menschen gegeben haben, die aus wertlosen Steinen pures Gold machen konnten. Mehrere Jahrhunderte später gibt es „Erfinder“, die behaupten, über ein Motoröl zu verfügen, das nie mehr gewechselt werden muss. Was haben beide gemeinsam? Die Illusion!

Anfang des Jahres vermeldete das ZDF-Politmagazin Frontal 21 das scheinbar Unmögliche. Die Macher des Beitrags berichteten von einer Entdeckung, die alles, was in den letzten 120 Jahren über Automobilschmierstoffe bekannt gewesen ist, auf den Müllhaufen der Geschichte werfe.

„Lifetime Technologies“, so der Name einer kleinen Firma im oberbayerischen Ismaning, soll es gelungen sein, das Motoröl „Lifetime“ zu produzieren, das für immer im Motor verbleiben kann. Das Interessante dabei: Es ist angeblich keine Neuentwicklung. Bereits seit mehr als zehn Jahren ist das „lebenslange Motoröl“ auf dem Markt. Und nach wie vor wechselt alle Welt regelmäßig das Öl von Millionen Fahrzeugen? Jawohl – und das aus gutem Grund. Denn regelmäßige Ölwechsel sind eine technische Notwendigkeit. Warum sie das sind? Ganz einfach: Motoröl ist ein Verschleißteil.

Seit einiger Zeit gibt es Pkw-Getriebe, bei denen der Schmierstoff nicht mehr gewechselt werden muss. Warum ist das nicht auch bei Motoren möglich? „Der Unterschied ist, dass beim Verbrennungsprozess Rückstände in das Öl gelangen. Dieses Verbrennungsendprodukt reagiert chemisch mit Wasser und Luftsauerstoff und bildet Säuren und andere Reaktionsprodukte. Genau das gibt es beim Getriebeöl nicht“, so Gerd Martin, Produktmanager Automobil-Schmierstoffe von Fuchs.

Die Ursachen, wie und warum diese Verbrennungsrückstände in das Motoröl gelangen, kennt jeder Kfz-Mechaniker: In der Mechanik brauchen Bauteile für eine uneingeschränkte Funktion ein so genanntes Laufspiel. Deshalb kann die Zylinder-Kolben-Kombination den Brennraum und das Kurbelgehäuse, in dem sich das Motoröl befindet, niemals 100-prozentig gegeneinander abdichten. Entlang des Kolbens gelangen Verbrennungsgase und -rückstände sowie Wasser und unverbrannter Kraftstoff in das Kurbelgehäuse.

Ist der Ölwechsel verzichtbar?

Das alles führt zu einer chemischen und physikalischen Verunreinigung und somit zu Einbußen in der Leistungsfähigkeit und der Lebenserwartung des Motoröls. Des Weiteren belastet mechanischer Abrieb den Schmierstoff. Doch dieser lässt sich dank eines Motorölfilters nahezu vollständig abscheiden.

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Meinung

„Es ist nicht möglich, mit einem Ölfilter flüssige Bestandteile zu entfernen. D. h. flüssige Alterungsprodukte und saure Substanzen im Öl werden nicht entfernt. Ebenso werden auch verbrauchte Additive nicht mehr ergänzt“, so Gerd Martin weiter. Anders ausgedrückt: In Kaffee gelösten Zucker kann kein Sieb der Welt herausfiltern.

So hat jedes Motoröl mit gelösten Schadstoffen zu kämpfen. Nun könnte man meinen, es liegt vielleicht an der Geheimrezeptur des „Lifetime“-Öls, dass es – im Gegensatz zu den bekannten Produkten der Mineralölindustrie – mit dieser Belastung besser fertig wird. Vielleicht resultiert daraus seine angeblich lebenslange Verwendung? Um den negativen Einflüssen auf das Motoröl entgegenzuwirken, werden dem Grundstoff Öl zahlreiche Zusätze – so genannte Additive – zugegeben. Wäre diesen Additiven ein ewiges Leben beschieden, wäre vielleicht auch eine sehr lange Einsatzdauer des flüssigen Schmierstoffs denkbar.

Additive helfen

Doch genau das ist der Knackpunkt: „Das Problem sind nicht so sehr die Grundöle, als vielmehr die Additive. Gerade bei hochwertigen Motorölen ist deren Anteil besonders hoch. Teilweise macht er bis zu einem Drittel aus. Und diese Zusätze nutzen sich ab“, beschreibt Uwe Krügel, Leiter Forschung und Entwicklung bei Liqui Moly, die Situation.

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Gründe für den Ölwechsel

Wer nun getreu dem Motto „viel hilft viel“ meint, man müsse einfach den Anteil der Zusatzstoffe im Motoröl erhöhen, um z. B. Säuren zu neutralisieren und damit die Standzeit der Öle zu verbessern, der irrt. „Je länger das Öl im Einsatz ist, desto mehr Säuren entstehen und umso höher müssen die Beigaben von Neutralisierungsstoffen sein. In zu großer Menge verstopfen sie jedoch in einer Kettenreaktion das Ölfiltersystem in immer kürzeren Abständen“, erklärt Gabriele Radke, Pressesprecherin von Exxon-Mobil. Die Viskosität des Motoröls erhöht sich im Laufe seiner Nutzungsdauer. Das Öl wird dicker und seine Schmiereigenschaften verschlechtern sich.

„Das kann so weit gehen, dass ein modernes 5W40-Synthetiköl so zähflüssig wie ein 60-er Einbereichsöl wird. Mit allen negativen Konsequenzen“, erläutert Peter Weismann, technischer Leiter des größten unabhängigen deutschen Schmierstofflabors Wearcheck.

Vielleicht liegt dann das Geheimnis des „Lifetime“-Öls in seinen besonders hochwertigen Grundölen? „Unsere Analyse hat ergeben, dass das Basisöl des Produkts „Liftime Spezial“ der Firma Lifetime Technologies kein modernes Syntheseöl ist. Die Additivierung basiert auf einem SHPD-Öl, wie es Anfang der achtziger Jahre auf den Markt kam“, sagt Weismann weiter.

Das Ergebnis zeigt, dass sich der Traum vom lebenslangen Motoröl auch weiterhin nicht erfüllen wird. Und dass Vieles, was heutzutage für teures Geld angeboten wird, oft nur Augenwischerei ist.

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