27.10.2009 | Redakteur: Norbert Rubbel

Die zukünftigen Herausforderungen im Servicemarkt, praxisnahe Informationen und Vorträge über den Zugang zu den technischen Daten der Automobilhersteller, zur Neuregelung der GVO und zu den Marktchancen im Glasgeschäft standen im Fokus der 18. Fachtagung für Freie Werkstätten und Servicebetriebe. „Der Besuch des Branchentreffens ist für viele Inhaber von Kfz-Betrieben bereits zur Tradition geworden. Die Fachtagung bietet den Teilnehmern eine geeignete Plattform, um mit Kollegen und Experten zu diskutieren und gibt ihnen wichtige Impulse für ihr Tagesgeschäft.“ Mit diesen Worten begrüßte Ernst Haack, Geschäftsführer der Vogel Business Media GmbH & Co. KG, die rund 200 Tagungsteilnehmer im Würzburger Vogel Convention Center.
Auch Reinhard Ott, Vorsitzender der Bundesfachgruppe Freie Werkstätten, lobte die Veranstaltung des ZDK und der Redaktion »kfz-betrieb«: Sie liefere den Teilnehmern ein ganzes Bündel an Unternehmensstrategien und rücke die aktuellen Branchenthemen in den Mittelpunkt. „Wir haben ein vitales Interesse daran, dass unser Geschäftsmodell ,Freie Werkstatt‘ in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird“, sagte Ott. Verlängerte Garantien und die Flatrate-Konzepte der Automobilhersteller stellten eine Diskriminierung für die fabrikatsunabhängigen Servicebetriebe dar. Die Bundesfachgruppe werde diesen Praktiken nachhaltig entgegenwirken. „Wir wollen einen fairen Wettbewerb auf Basis von Qualität, nicht mehr und nicht weniger“, fordert der Bundesfachgruppenvorsitzende.
Wie erfolgreich die Freien Werkstätten im Servicemarkt agieren, demonstrierte »kfz-betrieb«-Chefredakteur Wolfgang Michel, der die diesjährigen Service-Award-Gewinner in der Kategorie „Freie Betriebe“ vorstellte. „Die Gebrüder Welchner GmbH im schwäbischen Zell dokumentiert eindrucksvoll den hohen Stellenwert der fabrikatsunabhängigen Unternehmen.“
Ihre rund 2.000 Stammkunden binden die Brüder Matthias und Uwe Welchner nicht nur mit einem breiten Angebot von Serviceleistungen in den Geschäftsfeldern Pkw, Nutzfahrzeuge, Zweirad und Oldtimer, sondern auch mit einer individuellen Kundenbetreuung. „Unsere Mitarbeiter und die persönliche Beratung durch den Chef sind das A und O unseres Erfolgs“, erläuterte Matthias Welchner den Tagungsteilnehmern.
Besonders stolz sind die Brüder auf ihre Karosserie- und Lackabteilung, in der selbst die Werksvertretungen von MAN, Mercedes-Benz und Scania ihre Nutzfahrzeuge instand setzen lassen. Aber auch viele Versicherungsunternehmen sind von den professionellen Unfallreparaturen des Bosch-Servicebetriebs überzeugt. Immerhin zählen rund 30 Assekuranzen zu den Geschäftspartnern der Welchners. „Wir arbeiten in der Schadenabwicklung mit den Versicherungen zusammen, weil wir im Wettbewerb mit den Fabrikatsbetrieben bestehen müssen“, erklärte Uwe Welchner. Trotz harter Verhandlungen mit den Gesellschaften sei dies im Großen und Ganzen eine faire Partnerschaft, fügte Bruder Matthias hinzu.
Um ihren Kunden eine gleichbleibende Servicequalität garantieren zu können, führen die Betriebsinhaber eigene Werkstatttests durch und kümmern sich intensiv um die Ausbildung ihres 25-köpfigen Werkstattteams. „Die geeigneten Mitarbeiter für unseren Betrieb erziehen wir uns selbst. Deshalb bilden wir Mechaniker, Karosseriebauer, Lackierer und Bürokaufleute aus, die wir auch übernehmen“, sagte Uwe Welchner.
Dass „Deutschlands Pkw-Werkstätten spitze sind“, betonte ZDK-Vizepräsident und Bundesinnungsmeister Wilhelm Hülsdonk. Dies sei das Urteil der Verbraucher im Kundenmonitor 2009. „Mit der Note ,vollkommen zufrieden‘ beweisen die Servicebetriebe der Kfz-Branche ihre herausragenden Leistungen“, so Hülsdonk.
Weniger erfreulich seien allerdings die Verkaufsförderungsprogramme mancher Automobilhersteller wie die All-Inklusiv-Angebote, Service-Flatrates und Sechsjahresgarantien. „Sie führen zu Erlösschmälerungen im Werkstattgeschäft“, bedauert der Bundesinnungsmeister. Zudem befinde sich das Kfz-Gewerbe in einem strukturellen Veränderungsprozess. Der treffe aber in erster Linie die Vertragspartner der Automobilhersteller und weniger die Freien Werkstätten.
Die Renditen der Fabrikatsbetriebe stünden unter starkem Kostendruck, da sie die hohen qualitativen Standards der Fahrzeughersteller erfüllen müssten und sich im Neuwagengeschäft mörderische Rabattschlachten lieferten. Auch die Überproduktionen der Autobauer und deren Direktvertrieb sowie die verrückten Finanzierungsangebote und falsch kalkulierten Restwerte und Gebrauchtwagenpreise hinterließen ihre Spuren.
„Meine Sorge ist, dass die Dummheiten, die die Hersteller im Fahrzeugvertrieb machen, nun auch im Service ankommen“, gab Hülsdonk zu bedenken. Denn wenn die Fahrzeughersteller Inspektionen in ihre niedrigen Finanzierungsraten einkalkulierten, erhielten die Kfz-Betriebe vermutlich weniger Lohn für ihre Wartungs- und Reparaturarbeiten. Der dadurch entstandene Renditeverlust im Service treffe zuerst die Werkstätten und letztendlich die gesamte Automobilwirtschaft.
Der Bundesinnungsmeister wies auf die Neuregelung der GVO im Juni 2010 hin, die den Wettbewerb im Sinne der Verbraucher verbessern soll. So komme die EU-Kommission in ihrem Evaluierungsbericht zu dem Ergebnis, dass die Konkurrenz im Neuwagenvertrieb zwar stark genug sei, im Aftersales-Geschäft jedoch nicht ausreiche. Zurzeit prüften die Brüsseler Wettbewerbshüter vier Alternativen:
Das letzte Wort habe die EU-Kommission zwar noch nicht gesprochen, so Hülsdonk, doch stehe die Richtung bereits fest: „Für den Service könnte es künftig eine Mini-GVO geben, ergänzt um kfz-spezifischen Leitlinien.“ Es sei davon auszugehen, dass jede Werkstatt, die die Standards des Herstellers erfülle, Zugang zu dessen Servicenetz erhalte.
Zudem plane die EU-Kommission, die missbräuchlichen Garantieversprechen zu unterbinden. Das bedeutet, dass der Fahrzeughalter auch während der Garantie- beziehungsweise Gewährleistungszeit die Möglichkeit hat, Wartungen an seinem Auto von nicht autorisierten Werkstätten durchführen zu lassen.
Gute Nachrichten für die Tagungsteilnehmer hatte Hülsdonk auch zum Thema „Zugang zu den technischen Daten der Fahrzeughersteller“. So enthalte die Euro-5- und Euro-6-Verordnung (EG) Nr. 715/2007 nicht nur die Abgasgrenzwerte für eine Typengenehmigung. Sie regle auch die uneingeschränkte Weitergabe der Reparatur- und Wartungsinformationen an markenfremde Werkstätten (siehe dazu Beitrag auf Seite 24).
Auch Qualifizierungsmaßnahmen wie die Ausbildung an Hybridfahrzeugen oder Serviceangebote für Oldtimer und der Einstieg ins Autoglasgeschäft sicherten die Zukunft der Kfz-Betriebe, betonte der Bundesinnungsmeister. Mit dem Zusatzzeichen „Fachbetrieb für historische Fahrzeuge“ könnten die Werkstätten ihre Fachkompetenz signalisieren und neue Kunden gewinnen. Die Auszeichnung müsse der Servicebetrieb bei seiner zuständigen Innung beantragen. Zudem prüfe ein Sachkundiger bestimmte Voraussetzungen für die Vergabe des Zeichens. Danach stehe dem spezialisierten Unternehmen für eine erfolgreiche Positionierung im Wachstumsmarkt der Young- und Oldtimer nichts mehr im Wege.
Zusätzliche Erträge ließen sich auch im Glasgeschäft erwirtschaften, so Hülsdonk. Die regelmäßige Werbung von Carglass veranlasse die Verbraucher, nicht nur auf größere Steinschlagschäden zu achten, sondern schon nach Mikroschäden in der Frontscheibe zu suchen. „Unser Problem in der Vergangenheit war jedoch, dass das Glasgeschäft bisher auf breiter Front an uns vorbeiging“, bekennt der Bundesinnungsmeister.
Doch das soll sich nun ändern. Denn exklusiv für Innungsmitglieder habe das Kraftfahrzeuggewerbe die Marke „Autoglas-Plus“ konzipiert. „Mit dem neuen Markenzeichen haben wir für unsere Mitgliedsbetriebe ein System entwickelt, mit dem wir uns bundesweit positionieren können und den Wettbewerb mit den selbsternannten ,Glasspezialisten‘ nicht scheuen müssen“, resümierte Hülsdonk.
Jede Menge Tipps, informative Referate und kompetente Aussteller erwarten auch die Teilnehmer der 19. Fachtagung im nächsten Jahr. Schon heute sollten sich alle Interessenten den Termin und den Tagungsort vormerken: 30. Oktober 2010 im Würzburger Vogel Convention Center.
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