Servicehefte: Wettbewerbsknebel oder digitaler Fortschritt?

Jeder kocht sein eigenes Süppchen

18.08.2010 | Autor: Steffen Dominsky

Ab in die Tonne: Bei immer mehr Fahrzeugherstellern und Importeuren sind die Tage klassischer Servicehefte gezählt. Elektronische Datenbanksysteme ersetzen hier gedrucktes Papier auf das bisher jedermann Zugriff hatte.
Ab in die Tonne: Bei immer mehr Fahrzeugherstellern und Importeuren sind die Tage klassischer Servicehefte gezählt. Elektronische Datenbanksysteme ersetzen hier gedrucktes Papier auf das bisher jedermann Zugriff hatte.

Herr Meier liebt zünftigen Gerstensaft genauso wie deftiges Essen und Urlaub an der Adria. Auch was Autos betrifft, ist Herr Meier typisch deutsch: Nach zwei bis vier Jahren kehrt er mit seinem Wagen dem Markenbetrieb des Fahrzeugherstellers den Rücken und bringt sein „liebstes Kind“ zu einer Freien Werkstatt seines Vertrauens.

Nachdem Herr Meier – ebenfalls typisch deutsch – Wert auf einen guten Pflege- und Technikzustand seines Wagens und dessen lückenlose Dokumentation legt, stempelt seine Werkstatt durchgeführte Wartungsarbeiten gewissenhaft im Serviceheft ab. Doch damit könnte bald Schluss sein. Der Grund: Immer mehr Fahrzeughersteller und Importeure liefern ihre Autos ohne das traditionelle Wartungsheft in gedruckter Form aus. An seine Stelle tritt ein „elektronisches Serviceheft“. Und das hat weitreichende Folgen für fast alle Kfz-Betriebe, vor allem jedoch für Freie Werkstätten – aber der Reihe nach.

Das elektronische Serviceheft ist nichts anderes als eine zentral geführte Datenbank, die sämtliche Wartungsdaten speichert und bei Bedarf preisgibt – so weit, so gut. „Erfinder“, zumindest auf dem deutschen Markt, waren nicht die Schweizer, sondern die Japaner – genauer gesagt Mazda. Bereits 2005 ersetzte der Hersteller aus Nippon beim Modell Mazda 5 und ab Juli 2006 bei sämtlichen Fahrzeugen den „papierenen Lebenslauf“ durch den digitalen Servicenachweis. Weitere Hersteller sprangen auf den Zug der Digitalisierung, der in zahlreichen Bereichen unseres täglichen Lebens immer näher kommt, auf.

Hersteller forcieren Datenbanksysteme

Folgende Marken haben bereits ein elektronisches Serviceheft für einzelne Fahrzeuge oder die gesamte Modellpalette im Programm (Details siehe Tabelle Serviceheftkonzepte der Hersteller/Importeure im Kasten „Mehr zum Thema“ rechts):

  • Daihatsu
  • Honda
  • Mazda
  • Mercedes-Benz

Dass damit noch keinesfalls das Ende der Fahnenstange erreicht ist, damit rechnet auch die Mehrheit der Kfz-Betriebe (siehe Grafik 2 im Kasten „Mehr zum Thema“ rechts).Denn weitere Automobilunternehmen sehen ebenfalls die Tage gedruckter Wartungsnachweise gezählt (in Klammern das Datum der Einführung eines elektronischen Servicehefts):

  • Toyota (April 2010)
  • Renault (Mitte 2010)
  • Nissan (ab 2011)
  • BMW (2012)
  • Mitsubishi (in Vorbereitung, Stichtag steht nicht fest)

Anstelle eines Servicehefts bekommt der Kunde bei diesen Herstellern/Importeuren lediglich einen Ausdruck der aktuellen elektronisch archivierten Servicearbeiten für seine Unterlagen (siehe Beispiel Servicebericht im Kasten „Mehr zum Thema“ rechts).

Ziel der Übung: Das elektronische Serviceheft soll den Werkspartnern die tägliche Arbeit erleichtern. Einen Computerserverklau einmal ausgeschlossen sind die Daten ein Autoleben lang sicher archiviert und können – anders als ein Papierheft – nicht verloren gehen. Auch Sätze des Kunden beim Werkstattservicetermin wie „Oh das Heft habe ich leider vergessen“ gehören damit der Vergangenheit an.

Vorteile zentraler Archivierung

Zudem soll der jeweilige Servicebetrieb (z. B. bei Daimler) durchgeführte bzw. anstehende Wartungsarbeiten beim Verkauf des Fahrzeugs ins Ausland oder auch dem Import nach Deutschland lückenlos einsehen und in der Landessprache weiterführen können.

Stichwort Verkauf: Nicht selten kommt es vor, dass die Kilometerstände von Fahrzeugen und damit auch die Servicehefte „frisiert“ werden. Dieser Praxis ist laut Daimler dank der elektronischen Archivierung ein Riegel vorgeschoben. Denn Manipulationen sollen am „Digital Booklet“ – so der Name des 2007 bei E-Klasse und CLS eingeführten elektronischen Servicehefts, das der Konzern 2008 auf sämtliche Modelle ausgeweitet hat – nicht möglich sein. Auch Mazda sieht hier einen der Hauptvorzüge des neuen Systems – ein Vorteil für Gebrauchtwagenkäufer wie -verkäufer.

Inhalt des Artikels:

Kommentare werden geladen....

Ihr Kommentar zum Thema

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 337283 / Service)

Plus-Fachartikel

Motoreninstandsetzung: So gut wie neu

Motoreninstandsetzung: So gut wie neu

Lkw-Motoren halten lange, sehr lange. Irgendwann ist jedoch für alle Schluss – bei einem kapitalen Motorschaden greifen viele Betriebe dann sofort zu einem teuren Neu- oder Austauschmotor. Es gibt jedoch eine preiswertere Alternative: die Reparatur. lesen

LKW-Achsvermessung: Freiheben war gestern

LKW-Achsvermessung: Freiheben war gestern

Es ist fast schon selbstverständlich, dass Pkw-Werkstätten bei der Dialogannahme die Spur der Kundenautos prüfen. Mit dem richtigen Equipment gelingt das jetzt auch bei Lkws. lesen