Servicehefte: Wettbewerbsknebel oder digitaler Fortschritt?

Jeder kocht sein eigenes Süppchen

18.08.2010 | Autor: Steffen Dominsky

Ab in die Tonne: Bei immer mehr Fahrzeugherstellern und Importeuren sind die Tage klassischer Servicehefte gezählt. Elektronische Datenbanksysteme ersetzen hier gedrucktes Papier auf das bisher jedermann Zugriff hatte.
Ab in die Tonne: Bei immer mehr Fahrzeugherstellern und Importeuren sind die Tage klassischer Servicehefte gezählt. Elektronische Datenbanksysteme ersetzen hier gedrucktes Papier auf das bisher jedermann Zugriff hatte.

So weit die schöne (Hersteller-) Theorie. Die Ernüchterung folgt auf dem Fuße. Denn der Knackpunkt an der digitalen Service-Idee ist der Zugang zu den Datenbanken des jeweiligen Herstellers/Importeurs. Und hier steht nicht nur jede Freie Werkstatt vor einer Herausforderung, sondern auch der fremde Markenbetrieb. Denn auch dieser ist hier quasi „unabhängiger Marktteilnehmer“ und steht vor dem Problem, einen entsprechenden Datenbankzugang zu bekommen, um alte Servicenachweise einzusehen bzw. neue einzutragen. Auch wenn bisher die meisten Kfz-Betriebe noch keinen Kontakt mit der modernen Form der Wartungsnachweise hatten (siehe Grafik 1 im Kasten „Mehr zu Thema“ rechts), sie werden sich in absehbarer Zeit mit einem Zugang zu diesen auseinandersetzen müssen.

Problem Datenbankzugang: Beispiele

Doch wie erfolgt dieser Zugang? Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Beispiel Pionier Mazda: Um Zugang zur Datenbank (www.portal.mazdaeur.com) zu bekommen, müssen sich Kfz-Betriebe lediglich mit einem Geschäftsbrief und einem Auszug aus dem Handelsregister bzw. der Handwerksrolle legitimieren und schon können sie Bits und Bytes austauschen. Analog verfährt Daimler: Hier müssen sich interessierte Werkstätten unter www.service-and-parts.net registrieren. Genügsam wie die Schwaben sind, erheben sie genauso wie Mazda und Toyota keinen Cent für die Nutzung. Und was das Prozedere betrifft: Aus Sicht der Mehrzahl der Kfz-Betriebe, die sich bisher für einen Datenbankzugang haben registrieren lassen, ist eine Anmeldung relativ einfach (siehe Grafik 3 im Kasten „Mehr zu Thema“ rechts)

Anders sieht die Sache beim Hersteller Honda aus, der 2008 damit begonnen hat, seine Fahrzeuge ohne Papierserviceheft auszuliefern. Hier muss sich der Fremdbetrieb ebenfalls schriftlich bei Honda Deutschland akkreditieren. Den Serviceeintrag darf bzw. kann jedoch auch dann nur der autorisierte Honda-Partner durchführen – zumindest vorerst: Honda denkt darüber nach, künftig auch anderen Betrieben einen Onlinezugang zu ermöglichen.

Stand heute bedeutet diese Praxis für den Fremdbetrieb jedoch jede Menge zeitlichen und finanziellen Aufwand, muss er doch einen Mitarbeiter abstellen und ihn zum nächsten Honda-Partner schicken – die Servicewüste Deutschland lässt grüßen. Thomas Funke, Rechtsanwalt und ausgewiesener Experte in Sachen Kfz-GVO und Wettbewerbsrecht, sieht Betriebe durch die Honda-Praxis in ihrer Wettbewerbsfähigkeit eindeutig beeinträchtigt – siehe dazu das Interview mit Thomas Funke.

Daihatsu gegen den Rest

Keinen weiß-blauen Bilderbuchhimmel zeichnet auch die Marke BMW. Aus wettbewerbsrechtlicher Sicht kaum zu beanstanden, zeugt die geplante Maßnahme der Münchener jedoch keineswegs von bayerischer Gastlichkeit: BMW möchte anderen Kfz-Betrieben den Zugriff auf seine „Service Historie Prozesse“, die der Hersteller ab 2012 stufenweise einführt, ebenfalls in Rechnung stellen. Über das Onlineportal „OSS“ können Werkstätten die Zugänge kaufen. Die Gebühren reichen von sechs Euro für eine Stunde bis zu 4.100 Euro für einen Jahreszugang. Einziges Trostpflaster: Mittels des OSS können Nicht-BMW-Betriebe im Rahmen der Euro-5/6-Regelung auch andere Informationen wie Reparatur- und Wartungsdaten abrufen.

Vermutlich jenseits der Legalität bewegt sich die Marke Daihatsu: Sie verwehrt sämtlichen Kfz-Betrieben außerhalb ihrer Organisation den Zugang zu ihrem elektronischen Servicesystem EWN. Es sei denn, die Werkstatt ist bereit, sich analog eines Daihatsu-Servicepartners zertifizieren zu lassen. Im Klartext bedeutet das: Sie muss eine monatliche Lizenzgebühr von 75 Euro für diverse EDV-Systeme (siehe auch Tabelle Seviceheftkonzepte der Hersteller/Importeure rechts „Mehr zum Thema“) entrichten und an Schulungen für etliche Hundert Euro teilnehmen. Als wäre das nicht genug, kommen noch zirka 600 Euro für einen Batterieprüfer hinzu – sein Prüfergebnis ist Bestandteil jedes Daihatsu-Kundendienstes, der im Rahmen des EWN gemeldet wird.

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