Mercedes-Benz 50 Jahre „Experimental Safety Vehicles“

Autor Steffen Dominsky

Das „ESF 05“ und seine Brüder waren eine Reaktion der Ingenieure auf die hohe Zahl der Getöteten im Straßenverkehr Ende der Sechziger. Technisch nahmen die „Panzer auf Rädern“ vieles vorweg, was später Einzug in der Serien-Automobilbau hielt.

Firmen zum Thema

Vor 50 Jahren stellte Mercedes-Benz auf Basis der Baureihe W 114 („Strich-Acht“) auf der zweiten internationalen ESV-Konferenz seinen „ESF 05“ vor.
Vor 50 Jahren stellte Mercedes-Benz auf Basis der Baureihe W 114 („Strich-Acht“) auf der zweiten internationalen ESV-Konferenz seinen „ESF 05“ vor.
(Bild: Daimler AG)

Mitte der Sechzigerjahre steigt die Motorisierung in Deutschland massiv an und mit ihr die Zahl der Verkehrsunfälle. 1970 kommt es zu einem traurigen Rekord: Allein auf den westdeutschen Straßen verlieren 19.193 Menschen ihr Leben. Diese Entwicklung verläuft in anderen Ländern ähnlich und ist bereits in den Jahren zuvor absehbar. Als Reaktion darauf startet 1968 das US-amerikanische Verkehrsministerium (Department of Transportation, „DOT“) ein Programm zur Entwicklung von Experimental-Sicherheits-Fahrzeugen. Daraus entsteht die seit 1970 veranstaltete „Technical Conference on the Enhanced Safety of Vehicles“.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 11 Bildern

Die amerikanische Regierung möchte das Programm international aufstellen. So wird ebenfalls 1970 das „European Enhanced Vehicle-safety Committee“ (EEVC) ins Leben gerufen. Mercedes-Benz als einer der Vorreiter auf dem Gebiet der passiven Sicherheit unterstützt die neuen Organisationen von Beginn an. Die Anforderungen an die ESF-Fahrzeuge werden definiert. Dazu gehören der Front- und Heckaufprall auf ein festes Hindernis mit 80 km/h und ein Seitenaufprall auf einen Mast mit 20 km/h. Kleinere Unfälle mit bis zu 16 km/h sollen die Fahrzeuge ohne bleibende Verformungen an Front und Heck überstehen. Ebenso ist ein automatisches Gurtsystem vorgesehen.

Safety first beim Experimental-Sicherheits-Fahrzeug

Für ihr ESF-Projekt kann die Marke Mercedes-Benz auf umfangreiche Erfahrungen zurückgreifen. Das ESF 05 zeichnen zahlreiche Besonderheiten aus: Neben selbst anlegenden Dreipunktgurten hat es mehrere Airbags. Sie sind vor Fahrer und Beifahrer untergebracht und zudem in den Rücklehnen der Vordersitze, wo sie die Fondpassagiere schützen. Umgesetzt sind zudem Maßnahmen, um die Anforderungen an Front- und Heckaufprall zu erfüllen: Die Karosseriestruktur des Forschungsfahrzeugs ist vorn und seitlich versteift. Außerdem hat es eine Radstandverlängerung um 100 Millimeter, eine Vorbauverlängerung um 370 Millimeter, einen V6-Versuchsmotor, um Raum für Verformungen zu gewinnen, eine Armaturentafel mit Blechprallkörper im Bereich des Beifahrers sowie zahlreiche Polsterungen diverser Aufprallbereiche durch Polyurethanschaum.

In den Türen sind die vorderen Ausstellfenster entfallen, und elektrische Fensterheber machen die Drehkurbeln in Türen überflüssig. Die Scheinwerfer erhalten eine Leuchtweitenregulierung und eine Scheibenreinigungsanlage, Front- wie Heckscheibe bestehen aus Verbundglas. Schließlich ist das ESF 05 mit einer ABS-Bremse ausgerüstet. Die Gesamtlänge steigt um 655 auf 5.349 Millimeter im Vergleich zur Serienlimousine, und das Leergewicht wächst um stolze 655 auf 2.060 Kilogramm.

Die Fortsetzung des ESF-Programms

Insgesamt entwickelt Mercedes-Benz 35 Fahrzeuge im Rahmen des ESF-Programms und stellt zunächst vier davon zwischen 1971 und 1974 der Öffentlichkeit vor. Nach dem ESF 05 ist es im Juni 1972 in Washington anlässlich der dritten ESV-Konferenz das ESF 13, eine stilistische Weiterentwicklung des ESF 05. Das ESF 22 entsteht auf Basis der S-Klasse der Baureihe 116 und wird im März 1973 während der vierten ESV-Konferenz in Kyoto gezeigt. Heute ist es im Mercedes-Benz-Museum zu sehen. Auf der fünften ESV-Konferenz präsentiert die Marke eine weiter modifizierte S-Klasse derselben Baureihe.

Fahrzeuge wie das Mercedes-Benz ESF 05 haben mit ihren Sicherheitsinnovationen ihren Teil dazu beigetragen, dass die Zahl der Todesfälle im Straßenverkehr seit 50 Jahren drastisch abnimmt. Um noch einmal auf Deutschland zu schauen: Im Jahr 2020 liegt die Zahl der Todesfälle bei 2.719 – für das gesamte heutige Bundesgebiet. Nicht viel weniger Menschen (2.139) starben 1970 allein in der ehemaligen DDR – bei einem Bestand von gerade einmal 116.000 Pkw. Die aktuelle Zahl ist eine enorme Verbesserung bei einer gleichzeitigen erheblichen Zunahme der gefahrenen Kilometer im Straßenverkehr.

(ID:47757067)