Kfz-Gewerbe Baden-Württemberg Agentursystem gefährdet auch den Gebrauchtwagenhandel

Von Holger Zietz

Auch wenn die E-Mobilität auf dem Vormarsch ist, müssen sich die Kfz-Betriebe technologieoffen auf die zukünftigen Anforderungen einstellen. Dazu brauchen sie staatliche Hilfen, erklärte Präsident Michael Ziegler auf der Delegiertenversammlung des Kfz-Gewerbes in Stuttgart.

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Michael Ziegler, Präsident des Kfz-Gewerbes Baden-Württemberg, betonte in seinem Bericht: „Ohne das Kfz-Gewerbe geht der Mobilitätswandel nicht.“
Michael Ziegler, Präsident des Kfz-Gewerbes Baden-Württemberg, betonte in seinem Bericht: „Ohne das Kfz-Gewerbe geht der Mobilitätswandel nicht.“
(Bild: Zietz/»kfz-betrieb«)

Der Transformationsprozess in der Kfz-Branche ist nicht aufzuhalten. Die Zeichen stehen auf E-Mobilität. Darauf muss sich die Branche einstellen und ihr Geschäftsmodell finden. Welche Technologie dabei das „Rennen macht“, könne niemand seriös voraussagen, erklärte Michael Ziegler, Präsident des Landesverbands Baden-Württemberg. Nach wie vor stehe das Auto für den Verbraucher für flexible Mobilität und auch für individuelle Freiheit. Der Güterverkehr werde nach wie vor zu 80 Prozent auf der Straße abgewickelt. Neben der Umstellung auf neue Antriebsformen kämen die Agenturmodelle der Hersteller auf den Handel zu, die fair ausgestattet werden müssten.

Das machte Michael Ziegler am Donnerstag auf der Delegiertenversammlung in Stuttgart in seinem Jahresbericht unmissverständlich klar. Auch wenn die Politik die Weichen zugunsten der Elektromobilität gestellt habe, deuteten alle Prognosen darauf hin, dass im Jahr 2030 noch immer rund 80 Prozent der Kraftfahrzeuge mit Verbrennungsmotoren unterwegs seien.

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Das bestätige auch eine Studie von Bosch, aus der Ziegler zitierte. Deshalb gebe es nur eine Schlussfolgerung: „Klimaschutz kann zunächst nur im Bestand der Fahrzeuge stattfinden“, so Ziegler. Mit E-Autos allein ließen sich noch keine nennenswerten Effekte erzielen.

Der Ausbau der E-Fuel-Produktion und die Beimischung von E-Fuels zu den mineralischen Kraftstoffen sei deshalb notwendig, um bei den Klimazielen voranzukommen. Darüber dürfe der Ausbau des Ladenetzes für Elektrofahrzeuge nicht vergessen werden, sondern müsse beschleunigt werden.

Auf die Elektromobilität setzten schließlich die Hersteller. Für die Betriebe bedeute das Einbußen im Werkstattgeschäft und im Vertrieb. „Wir müssen uns auch auf weniger Mitarbeiter und weniger Betriebe in der Zukunft einstellen“, so Ziegler.

Um diese Neuausrichtung in den Betrieben zu meistern, fordert Ziegler finanzielle Hilfen von der Politik für das Kfz-Gewerbe. Die Betriebe müssten sich immer schneller auf die Veränderungen einstellen. Das könnten sie alleine nicht mehr stemmen. Der Politik müsse klar sein, dass der Mobilitätswandel ohne das Kfz-Gewerbe nicht zu schaffen sei, betonte Ziegler.

Warnung vor dem Agenturmodell

Zusätzlich müsse sich der Autohandel geänderten Vertriebsmodellen stellen – viele Hersteller setzten auf das Agenturmodell. Durch den Markteintritt von Tesla „haben die angestammten Hersteller große Augen bekommen“, erklärte Ziegler. „Pro Fahrzeug verdient Tesla circa 11.000 Euro“, sagte Ziegler.

Und das ohne Netz für Handel und Werkstatt. Das habe Begehrlichkeiten bei anderen Autobauern geweckt. Das traditionelle System von Vertragshandel und Werkstatt ließe sich jedoch nicht von heute auf Morgen abschaffen.

Deshalb setzten Hersteller auf das Agenturmodell, meinte Ziegler. Aber bei dem echten Agentursystem müsse der Hersteller alle Kosten des Vertriebs übernehmen. Dazu gehörten auch die Personalkosten sowie die Kosten für Marketing, Verkauf und das Gebäude. Der Handel gebe dabei sein Unternehmertum ab und habe keinen Einfluss mehr auf Preis und Menge.

Ferner würden die Autobauer so auch die juristische Grundlage schaffen, um im zweiten Schritt das lukrative Gebrauchtwagengeschäft der Markenhändler zu übernehmen. „Wir können die Agentur nicht verhindern, aber wir können darauf achten, dass es fair zugeht“, sagte Ziegler.

Diskussion um die Neugestaltung des Kfz-Mechatronikers

Weiterer Tagesordnungspunkt der Delegiertenversammlung war der Bericht von Joachim Syha aus dem Bereich ZDK-Berufsbildung. Er erläuterte den Stand der Dinge bei der geplanten Neuausrichtung des Kfz-Mechatronikers. Anschließend wurde diskutiert.

Rund 6.900 Kfz-Mechatroniker werden derzeit in den baden-württembergischen Betrieben ausgebildet, rund 2.200 machen jährlich die Abschlussprüfungen. Um auch weiter ein hohes Niveau dieser künftigen Fachkräfte zu gewährleisten, müsse die Ausbildung „die komplette Breite“ des Berufs abdecken, forderte Ziegler.

Bis September sollen sich die Kfz-Innungen in Baden-Württemberg deshalb Gedanken dazu machen, wie der Ausbildungsberuf weiter angepasst werden könnte. „Schrauber und Elektroniker werden gebraucht“, hieß es. Ob das zwei Berufsbilder sein könnten oder ob beides wie bisher unter einen Hut zu bringen sei, sei dabei die Kernfrage.

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Auslöser der Diskussion sind die Ergebnisse der Gesellenprüfungen, deren Durchschnittswerte besser sein könnten, so die Meinung einiger Teilnehmer. Frühestens zum 1. Januar 2025 wären eine Überarbeitung des Berufsbilds und eine Änderung der Ausbildungsverordnung möglich.

Im Anschluss an die Delegiertenversammlung tagten die Obermeister der Kfz-Innung aus Baden-Württemberg mit dem Fachverband Elektro- und Informationstechnik Baden-Württemberg. Der neue Hauptgeschäftsführer des baden-württembergischen Handwerkstags (BWHT), Peter Haas, warb für strategische Allianzen im Handwerk: „Dann können wir von den Großen nicht einfach übergangen werden.“ Im Ländle wollen deshalb die beiden Verbände des Kfz- und des Elektrohandwerks enger zusammenarbeiten. Auf Innungsebene soll ebenfalls zusammengearbeitet werden, um Kunden bei E-Autoverkauf und Ladeinfrastruktur ein Komplettangebot machen zu können.

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