Jensen Classic Altes Rundes im neuen Eckigen

Autor: Steffen Dominsky

K&L-Zentren kümmern sich fast ausschließlich um aktuelle Fahrzeuge. Nicht so das der Unterbergers. Bevor ein renommierter Oldtimerrestaurator für immer seine Tore schloss, hat die Autohausgruppe diesen kurzerhand übernommen und in ihren neuen Betrieb integriert.

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Neues und Altes in trauter Eintracht: Im K&L-Zentrum Inntal werden die Oldtimer von Jensen Classic und die Alltagsfahrzeuge der Unterberger-Gruppe unter einem Dach versorgt.
Neues und Altes in trauter Eintracht: Im K&L-Zentrum Inntal werden die Oldtimer von Jensen Classic und die Alltagsfahrzeuge der Unterberger-Gruppe unter einem Dach versorgt.
(Bild: Dominsky/»kfz-betrieb«)

Fast könnte man meinen, die Restaurierung von Oldtimern hätte etwas mit Kommunismus zu tun. Schließlich war eines seiner „Markenzeichen“ die sogenannte Mangelwirtschaft. Es fehlte an fast allem. An einem Mangel leiden heutzutage auch zahlreiche auf das Classic Business spezialisierte Betriebe: Sie finden einfach nicht genug Fachkräfte. Das führt mit dazu, dass es an jenen mangelt, die klassische Automobile auf hohem Level wieder neu auferstehen lassen. Umso fataler für den Markt ist es, wenn ein solcher Betrieb eines Tages sein Geschäft an den Nagel hängen will oder muss.

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Um ein Haar wäre auch er ein Nagelhänger geworden: Helge Jensen aus dem bayerischen Grassau. Zum einen hatte der auf Porsche- und englische Automobile spezialisierte Restaurator mit 65 Jahren ein Alter erreicht, das den Übergang in den Ruhestand plausibel erscheinen ließ. Zwar sollte Jensens Tochter – sie ist Kfz-Lackiermeisterin – den Betrieb übernehmen, doch dann kam zum anderen der Vermieter der Werkstatt mit einer Hiobsbotschaft um die Ecke: Das Areal, auf dem sich diese befand, sollte einem Wohnbauprojekt weichen.

Betrieb eingepackt und ab über die Grenze

Mit anderen Worten: Zwei handfeste Gründe, nach fast 35 Jahren dem Prinzip „Klappe zu, Affe tot“ zu huldigen, dachte Helge Jensen. Doch genau das sah einer seiner Freunde ganz anders. Das Know-how des Klassikprofis müsse auf jeden Fall weitergereicht, das Geschäft irgendwie fortgeführt werden, so dessen Überzeugung. Ergo knüpfte der Freund kurzerhand Kontakt zu Fritz Unterberger senior. Der aus dem gut 40 Kilometer entfernten österreichischen Kufstein stammende Kfz-Unternehmer betreibt zusammen mit seinen Söhnen im benachbarten Alpenland und im südlichen Bayern eine Autohausgruppe.

Mit seinem Anliegen stieß Jensens Freund bei Fritz Unterberger senior auf offene Ohren. Weshalb? Ganz einfach, weil der Österreicher zum einen selbst ein Faible für rollendes Kulturgut hat und zum anderen gerade dabei war, ein großzügiges Karosserie- und Lackierzentrum zu errichten. Was also lag näher, als den Betrieb aus dem bayerischen Grassau samt seinen fünf Mitarbeitern zu übernehmen, ihn kurzerhand über die Grenze nach Kufstein zu verfrachten und Jensen Classic zum zentralen Baustein von Unterberger Classic zu machen?

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Helge Jensen
Besser als andere

Bereits während seiner Lehrzeit, die er ab 1970 in einem VW-Porsche-Autohaus absolvierte, kam Helge Jensen mit den Sportwagen der Zuffenhausener Marke in Kontakt. Und nicht nur da: Jede freie Minute verbrachte er an Rennstrecken im In- und Ausland – dem Faible seines Juniorchefs, Rennen zu fahren, sei Dank. Nach seiner Lehre als Mechaniker qualifizierte er sich nicht nur hier als Meister, sondern auch im Gewerk der Fahrzeuglackierer und Karosseriebauer. 1986 machte er sich schließlich im bayerischen Grassau, unweit des Chiemsees, selbstständig. Der Fokus bei Arbeiten an klassischen Fahrzeugen lag und liegt nach wie vor auf Porsche. Doch auch bei englischen Marken hat sich der kleine, aber feine Betrieb im Lauf der Jahre einen Namen als Anbieter hochwertiger Restaurierungen gemacht. „Es gibt viele Firmen, die an Oldtimern schrauben. Aber es gibt nur wenige, die vom Karosseriebau über die Lackierung und Mechanik bis zur Elektrik und Innenausstattung alle Bereiche unter einem Dach bearbeiten können“, fast Helge Jensen den eigenen Anspruch zusammen. Zwischen 100.000 und 400.000 Euro kostet eine Restaurierung durch Jensen Classic.

Jung und Alt im Alltag getrennt und doch vereint

Aus dieser auf den ersten Blick ziemlich fixen Idee wurde in gerade einmal sechs Monaten Realität, aus einem vermeintlichen Hirngespinst Nägel mit Köpfen. Insgesamt 3,5 Millionen Euro haben die Unterbergers dafür in die Hand genommen und eine 1.900 Quadratmeter große K&L-Anlage geschaffen, die zu einer der modernsten Europas zählen dürfte. Sie beherbergt zum einen das „Karosseriezentrum Inntal“ für aktuelle, zum anderen „Jensen Classics“ für historische Fahrzeuge. Neben einer logistischen ist das ständige Miteinander von Jung und Alt im Arbeitsalltag vor allem eine technische Herausforderung. Wo es notwendig ist, gehen beide Unternehmensteile getrennte Wege, wo es Sinn macht, vereinen sie sich.

Beispiel Karosseriebau: Der ist für klassische Fahrzeuge in einem separaten, besonders schallgeschützten Raum untergebracht. Es ist das Reich von Marian Felegi. Der Karosseriebauer lässt in vielen Hundert Stunden Karosserien, die nach der Tauchbad-Entlackung eher an österreichischen beziehungsweise Schweizer Käse erinnern, mithilfe vieler Quadratmeter Tafelblech wieder in alter Schönheit erstrahlen. Und dabei ist es im egal, ob diese einst aus Stahl- beziehungsweise Aluminiumblech oder auch aus Kunststoff gefertigt wurden. Schließlich ist Felegis Arbeitsplatz eine Hightech-Einrichtung. Genauer gesagt handelt es sich um einen Multimix-Arbeitsplatz vom Typ „Cameleon“ aus dem Hause Sehon. Egal ob Trennen, Schweißen, Sägen, Schleifen, Kleben, Nieten, Montieren, Verformen, Saugen oder Reinigen: Sämtliche Stäube, Gase, Funken usw. entfernt und separiert die Einweg-Direktabsaugung schnell und sicher – Staubexplosionen etc. ausgeschlossen.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group