Kühlerfiguren Aufwendig produzierte Markenzeichen

Autor / Redakteur: dpa / Lena Sattler

Früher schmückten allerlei Figuren die Kühler: Unter ihnen Elefanten, Schwäne und Götterboten. Fußgängerschutz und der Kampf gegen den Luftwiderstand haben die Bühne am Bug bereinigt, der hohe Aufwand für Markenzeichen blieb.

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Bentley hat zur Premiere des Flaggschiffs Flying Spur wieder ein neues Flying B für den Kühler entwickelt.
Bentley hat zur Premiere des Flaggschiffs Flying Spur wieder ein neues Flying B für den Kühler entwickelt.
(Bild: Bentley)

Ein Dutzend Einzelteile und ebenso viele Arbeitsschritte, vom Druckguss bis zur Politur, die Montage von Hand und danach eine mechanische Endkontrolle für jedes einzelne Exemplar: Wo andere einfach nur eine Plakette ans Auto pappen, treibt der Zulieferer Witte Automotive für den Stern hoch oben auf dem Kühler der meisten Mercedes-Modelle einen großen Aufwand.

„Jeder Stern geht durch zehn Hände, bevor er unser Werk in Wülfrath verlässt“, sagt Pressesprecherin Bettina Janke und nennt imposante Zahlen: So werden für die bis zu 30.000 Sterne im Monat fast sieben Tonnen einer speziellen Zinklegierung verarbeitet.

Die Produktion mag kompliziert sein, doch kreativ ist sie nicht. Schließlich gibt es bei Mercedes nur die eine Kühlerfigur. Und selbst die macht immer öfter Platz für einen großen Stern im Grill.

Sammlung mit über 1.500 Figuren

Früher war das ganz anders, sagt Ruth Schumacher. Die Waiblingerin hat eine der größten Sammlungen an Kühlerfiguren zusammengetragen.

Dass sie mittlerweile über circa 1.500 verschiedene Kühlerfiguren und Embleme aus Mythologie und Tierwelt ihr Eigen nennt, liegt an der Kreativität der ersten Autokäufer. Denn in den Kindertagen des Automobils waren es nicht die Hersteller, sondern die Kunden, die eine entsprechende Figur beim Kunsthandwerker ihrer Wahl in Auftrag gegeben haben, so Schumacher.

Schwäne, Schweine und tanzende Elefanten

Wer bei Oldtimertreffen durch die Reihen schreitet, sieht deshalb gläserne Schwäne, goldene Löwen, silberne Schweine, Indianerköpfe aus Bleikristall und sogar tanzende Elefanten. Die stammen vom Bildhauer Rembrandt Bugatti und gelten laut Schumacher als die Blaue Mauritius unter den Kühlerfiguren.

Denn als Persiflage auf die Spirit of Ecstasy des Konkurrenten Rolls-Royce für den Royale seines Bruders Ettore entworfen, wurden davon nur sechs Exemplare gefertigt. Die werden heute für mehr als 50.000 Euro gehandelt, so die Sammlerin.

Mehrtägige Herstellung für den „Geist der Verzückung“

Während den Bugatti-Elefanten allerdings nur Experten kennen, ist der „Geist der Verzückung“, so die offizielle Übersetzung der Rolls-Royce-Patin so geläufig, dass die meisten die leicht bekleidete Muse sogar beim Spitznamen kennen: Lady Emily heißt die Dame, deren Skulptur in einer kleinen Manufaktur bei Southampton weitgehend von Hand hergestellt wird.

Die mehrtägige Prozedur beginnt dem Hersteller zufolge mit einem 3D-Abbild des Originals, aus dem im nächsten Schritt ein Werkzeug entsteht, dessen kleinste Details zusätzlich von Spezialisten mit extrem feinen Messern nachgearbeitet werden. Diese Formen werden bei 1.600 Grad Celsius mit flüssigem Edelstahl gefüllt.

Figur zieht sich beim Parken in die Haube zurück

Danach werden Gussreste im Luftstrom mit Stahlkügelchen von 0,04 Millimetern Durchmesser entfernt. Erst dann erzeugen die Polierer mit viel Fingerspitzengefühl und noch mehr Zeit jenen besonderen Hochglanz, der jede Emily so ungemein kostbar schimmern lässt.

Dummerweise schmeichelt das nicht nur den Kunden, sondern auch Dieben und Souvenirjägern. Deshalb zieht sich Emily beim Parken oder bei einer unsittlichen Berührung automatisch in die Haube zurück.

Erste Figur im 19. Jahrhundert

Die Spirit of Ecstasy, die es gegen Aufpreis auch aus massivem Gold gibt, ist das mit Abstand bekannteste Kunstobjekt auf dem Kühlergrill eines Autos. Und trotz ihres jugendlichen Looks hat die Dame bereits über 100 Jahre auf dem Buckel, seit sie 1911 erstmals montiert wurde.

Doch die älteste Kühlerfigur ist sie damit noch lange nicht, sagt Schumacher und gewährt diese Ehre einem anderen Engländer: Der Christopherus, den sich Lord Montagu of Beaulieu 1899 auf den Kühler seines Daimlers hat schrauben lassen, gilt als erste und damit älteste Kühlerfigur der PS-Welt.

Design für Bentleys Flying B dauerte ein Jahr

Beim Blick zurück ist Ruth Schumacher zwar redselig. Doch wenn sie nach den aktuellen Autos schaut, hat sie nicht mehr viel zu sagen: „Der Fußgängerschutz und die Aerodynamik machen der Kühlerfigur das Leben schwer“, sagt die Sammlerin und klagt über eine zunehmende Leere im Blickfeld des Fahrers. Wo es früher zuging wie im Skulpturengarten, ist die Kühlerfigur heute zur Seltenheit geworden.

Sie prangt nur noch auf den Hauben von Rolls-Royce, Mercedes, Maybach und auf manchen Exportmärkten mit laxen Sicherheitsanforderungen auch von Jaguar. Das heißt allerdings nicht, dass die Marken diese Figuren nicht mehr wertschätzen.

So hat Bentley zur Premiere des Flaggschiffs Flying Spur auch wieder ein neues Flying B für den Kühler entwickelt. Allein für das Design dieses geflügelten und auf Wunsch auch beleuchteten Buchstabens hat man sich mehr als ein Jahr Zeit gelassen, hat der damalige Chefdesigner Stefan Sielaff verraten.

Plaketten statt Figuren

Nur weil sie die Kühlerfiguren ausgemustert haben, mangelt es aber auch den anderen Marken nicht gleich an der Liebe zum eigenen Label.

Klar, der Opel-Blitz, der Peugeot-Löwe und selbst der berühmte Dreizack von Maserati, die platt auf dem Blech kleben, sind Massenartikel aus dem Aluminium- oder Kunststoff-Spritzguss und kosten nur ein paar Cent. Doch beweisen andere Marken, dass man auch für solche Applikationen einen großen Aufwand treiben kann.

Die Special Vehicle Operations (SVO) von Jaguar und Land Rover etwa führt mit dem neuen Range Rover auch ein neues Badge ein, das eigens aus Keramik hergestellt wird und deshalb optisch wie haptisch ganz neue Eindrücke verspricht, sagt SVO-Chef Michael van der Zande.

Bugatti-Figur für über 500 Euro

Und das ist nur eine Spielerei gemessen an dem Aufwand, den Bugatti treibt: Schließlich wird das Markenlogo vorn im Hufgeisengrill des Chiron nach Angaben des Unternehmens bei einem Juwelier in Süddeutschland aus massivem Sterling-Silber gegossen und so aufwendig emailliert, dass die Produktion mehrere Tage dauert und pro Teil schon im Einkauf allein 500 Euro kostet.

Damit dürfte die Plakette aktuell die teuerste sein, der in der PS-Branche zum Einsatz kommt. Wobei: Gemessen am Grundpreis des Chiron von rund drei Millionen Euro ist das Bugatti-Logo dann auch nicht viel teurer als das VW-Zeichen für einen Golf.

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