Drei Jahre E-Call Automatischer Notruf ist noch keine große Hilfe

Autor / Redakteur: sp-x / Marie Lücke

Der Unfall-Notruf E-Call soll hunderten Autofahrern pro Jahr das Leben retten. Bislang klappt das nur mäßig gut. Die Probleme sind dabei nicht ausschließlich technischer Natur.

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Der E-Call kann sein Potenzial bislang nicht voll ausspielen.
Der E-Call kann sein Potenzial bislang nicht voll ausspielen.
(Bild: Bosch)

Seit rund drei Jahren ist das automatische Notrufsystem E-Call für neue Pkw-Typen vorgeschrieben. Bei einem Unfall übermittelt es die Fahrzeugposition und andere wichtige Daten an die Rettungskräfte – hilfreich vor allem, wenn die Insassen selbst dazu nicht in der Lage sind. Seine gewünschte Wirkung kann der elektronische Helfer aber heute immer noch nicht voll entfalten. Die Hindernisse dabei sind nicht ausschließlich technischer Natur.

Die Ursprünge von E-Call reichen bis in die 1980er-Jahre zurück, als AEG-Telefunken und die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) ein Auto-Notrufsystem entwickelten, das als Ergänzung zu den damals zahlreichen Notrufsäulen gedacht war. Die Idee: Dank schnellerer Unfallmeldung und besserer Lokalisierbarkeit der Havarierten sollten Menschenleben gerettet oder gesundheitliche Unfallfolgen zumindest abgemildert werden.

Nicht zuletzt wegen hoher Infrastruktur- und Ausstattungskosten konnte sich die Idee damals jedoch nicht durchsetzen. Erst die Ausbreitung des Mobilfunks sorgte im neuen Jahrtausend für neuen Schwung, der schließlich dazu führte, dass die EU einen verpflichtenden Einbau beschloss. Der allerdings verzögerte sich bis April 2018 – und gilt seitdem außerdem nicht für alle Neuwagen, sondern nur für neue Pkw-Typen.

Hersteller umgehen Einbaupflicht

Genaue Zahlen zur Verbreitung von E-Call in Deutschland gibt es nicht. Der Automobilclub ADAC fürchtete aber noch Ende 2019, dass bisher nur die wenigsten Fahrzeuge über das System verfügen. Offenbar umgehen viele Hersteller bislang die Einbaupflicht, indem sie für neue Fahrzeugmodelle nur die Betriebsgenehmigung von Vorgängermodellen fortschreiben, so dass sie nicht zu einer Ausstattung mit dem europäischen Notruf verpflichtet sind. Ein nicht unüblicher Vorgang, der den Herstellern Zeit und Geld für Neuzertifizierungen spart, im Nebeneffekt aber auch die Umsetzung neuer Regelungen verzögert.

Dass die Zahl der bislang genehmigten Fahrzeugtypen mit E-Call eher gering ist, legen auch Daten des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) nahe, die die Bundesregierung Mitte 2020 auf Nachfrage des Parlaments veröffentlicht hat. Demnach hatten die deutschen Autohersteller seit April 2018 gerade einmal 24 neue Typgenehmigungen für Pkw-Modelle mit dem Notrufsystem beantragt. Bis für ein Auto eine neue Typgenehmigung fällig wird, vergehen schon mal zwei Modellgenerationen, was durchaus anderthalb Jahrzehnten entsprechen kann.

E-Call technisch überholt

Dass die Konzerne in Sachen E-Call eher zögerlich sind, dürfte auch mit den technischen Beschränkungen des Notrufsystems zu tun haben. Unter anderem arbeitet es noch mit 2G und 3G-Technik, während der Mobilfunk bereits bei 5G ist und der alten Funk-Infrastruktur perspektivisch die Abschaltung droht. Zudem erfolgt die Übertragung der Daten bei E-Call analog, was im digitalen Zeitalter nicht nur ein Anachronismus ist, sondern auch viel länger dauert.

Eine simple Umstellung von 4G- oder 5G, etwa durch den Tausch der SIM-Karten, erlaubt die E-Call-Spezifikation nicht. Das Problem ist auch der Politik bekannt, die an einer Modernisierung des Standards arbeitet. Entsprechend wenig attraktiv ist es für die Industrie aktuell, den Einbau des Notrufsystems der heutigen Bauart in ihren Modellen zu forcieren.

Hersteller bevorzugen leistungsfähigere Systeme

Generell ist das Interesse der Branche an Vernetzung zwar groß. Weil aber bei der Diskussion um die Einführung große Datenschutzbedenken laut wurden, ist die Menge und Art der erhobenen und gesendeten Daten bei E-Call extrem gering. So gering zumindest, dass die Autohersteller die Technik nicht als Basis für ihre eigenen Konnektivitäts-Bemühungen nehmen wollten.

Sie zogen stattdessen vernetzte Systeme auf, die technisch leistungsfähiger, deutlich smarter und vielfältiger sind. So sollen sie etwa mit Echtzeit-Verkehrsdaten, automatischen Software-Updates oder Parkplatzfinder-Diensten die zunehmend digital interessierte Kundschaft locken. Auch eine Notruffunktion ist meist integriert – allerdings eine, die in der Regel vergleichsweise langsam und umständlich arbeitet.

Statt Notruf Anruf bei Hersteller-Hotline

Anstatt bei einem Unfall direkt die Rettungsleitstelle unter der Nummer 112 zu informieren, stellten die Herstellersysteme zunächst eine Verbindung zu ihrem eigenen Callcenter her, betrieben meist von einem externen Dienstleister. Erst der Telefonist alarmiert dann Krankenwagen oder Feuerwehr. Das kostet Zeit und ist fehleranfällig, etwa wenn Positionsdaten mündlich falsch weitergegeben werden.

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