Autonomes Fahren: Ethikkommission kann Dilemma nicht lösen

Manche Entscheidungen „nicht eindeutig normierbar“

| Autor: jr/dpa

Eine Expertenrunde hat am Dienstag ethische Leitlinien für zeitweise selbstfahrende Autos auf deutschen Straßen vorgestellt. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hatte dazu eine Kommission unter Leitung des früheren Verfassungsrichters Udo Di Fabio eingesetzt. In ihren Empfehlungen geht es darum, was automatisierte Fahrsysteme künftig dürfen und was aus ethischen Gründen ausdrücklich nicht.

Nicht zuletzt war von der Kommission allerdings erwartet worden, dass sie eine Empfehlung abgibt, wie die Technik mit so genannten Dilemma-Situationen umgehen soll. Damit sind kritische Fahrsituationen gemeint, in denen der Computer in Sekundenbruchteilen beispielsweise angesichts einer unvermeidlichen Kollision entscheiden muss, ob das Fahrzeug in eine Personengruppe oder in den Gegenverkehr ausweichen soll.

Diese kniffelige Aufgabe konnte allerdings selbst die hochkarätig besetzte Kommission nicht lösen. Unter Punkt 8 des Ergebnis-Papiers heißt es lediglich:
Echte dilemmatische Entscheidungen, wie die Entscheidung Leben gegen Leben, sind von der konkreten tatsächlichen Situation unter Einschluss 'unberechenbarer' Verhaltensweisen Betroffener abhängig. Sie sind deshalb nicht eindeutig normierbar und auch nicht ethisch zweifelsfrei programmierbar.

Wobei die Erkenntnis eigentlich nicht überraschend ist, dass ein Computer keine „Entscheidung eines sittlich urteilsfähigen, verantwortlichen Fahrzeugführers ersetzen oder vorwegnehmen könnte.“ Schließlich gibt die Kommission den Entwicklern doch noch einen merkwürdigen Leitsatz an die Hand: „Eine allgemeine Programmierung auf eine Minderung der Zahl von Personenschäden kann vertretbar sein.“

In einem anderen wichtigen Punkt legen sich die Experten allerdings unmissverständlich fest:
„Bei unausweichlichen Unfallsituationen ist jede Qualifizierung nach persönlichen Merkmalen (Alter, Geschlecht, körperliche oder geistige Konstitution) strikt untersagt. Eine Aufrechnung von Opfern ist untersagt.“ Damit soll beispielsweise verhindert werden, dass der Computer eine fünfköpfige Personengruppe schützenswerter einstuft als ein Passanten-Paar.

Fast schon selbstverständlich: Im Falle eines Unfalls solle die Fahrzeugsteuerung stets Sachschäden etwaigen Personenschäden vorziehen. „Der Schutz von Menschen hat Vorrang vor allen anderen Nützlichkeitserwägungen", heißt es wörtlich in den Empfehlungen.

Zudem warnen die Experten vor einer Totalüberwachung der Verkehrsteilnehmer. Fahrzeughalter und -nutzer müssten „grundsätzlich über Weitergabe und Verwendung ihrer anfallenden Fahrzeugdaten“ entscheiden dürfen. Auch auf die Gefahr einer Manipulation der Fahrzeugsteuerung weist die Kommission hin.

Klar ist auch, dass die jetzt formulierten Leitlinien die Autoindustrie nicht wirklich bindend in die Pflicht nehmen. Dobrindt sieht in ihnen „Eckpfeiler für nationale und internationale Regelwerke“ – doch faktisch sind die „Ethischen Regeln“ nur Empfehlungen. Zudem betreffen sie erst die übernächsten Stufen der Automatisierung: vollautomatisierte und fahrerlose Autos. Sollte es sie eines Tages geben, können sich längst neue Fragen stellen.

„Noch hat die Technik Schwierigkeiten, auf der Autobahn eine Plastiktüte von einem Vogel zu unterscheiden“, sagt Kommissionschef Di Fabio. Er sieht den Bericht als Diskussionsgrundlage. „Wir kommen nicht vom Berg Sinai mit fest stehenden normativen Geboten.“

Die Kommission hatte im Herbst ihre Beratungen aufgenommen. Ihr gehören Wissenschaftler sowie unter anderem Vertreter von Autobranche, Verbraucherschützern und vom Autofahrerclub ADAC an.

Computer dürfen in Autos in Deutschland künftig Fahrfunktionen übernehmen – der Mensch am Lenkrad muss aber immer wieder eingreifen können. Der Rechtsrahmen dafür war im Mai verabschiedet worden.

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