Betriebsschließungen in der Kfz-Branche: Noch bestehen Unklarheiten

Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus umfassen die Schließung von Betrieben des Einzelhandels. Davon sind auch Autohäuser betroffen, aber keine Werkstätten. Doch die meisten Fabrikatshändler sind Mischbetriebe. Was erlaubt ist, und was nicht, ist teilweise unklar.

Firmen zum Thema

(Bild: »kfz-betrieb« / Jakob Schreiner)

Zur Eindämmung und Bekämpfung des Corona-Virus haben sich die Bundesregierung und die Landesregierungen am Montagabend auf weitere Maßnahmen geeinigt, die zu massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft führen. Davon betroffen ist auch der Autohandel, weil er als Einzelhandel gilt und in der Schließungsanordnung benannt beziehungsweise nicht wie beispielsweise der Lebensmittelhandel ausgenommen ist.

Allerdings liegt die Umsetzung in der Verantwortung der Länder. Und die verhalten sich unterschiedlich – auch was die Geschwindigkeit der Umsetzung angeht. Das sorgt aktuell für einige Unklarheiten.

Mischbetriebe: Was ist erlaubt, was nicht?

Der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) geht davon aus, dass der Autohandel ab Mittwoch geschlossen werden muss. Von der Schließungsverordnung ausgenommen sind laut der Leitlinie der Bundesregierung die Tankstellen und Kfz-Werkstätten. Ein Großteil der Kfz-Betriebe sind jedoch Mischbetriebe, das heißt, sie verkaufen und betreiben eine Werkstatt. Dürfen diese weiter geöffnet bleiben und dann auch verkaufen, oder dürfen Mischbetriebe nur ihr Werkstattgeschäft anbieten? Diese Frage treibt aktuell die Branche um.

Um eine eindeutige Aussage zu bekommen, hat der ZDK eine Anfrage ans Bundeswirtschaftsministerium gestellt. Diskussion in der Branche gibt es auch um die praktische Umsetzung eines möglichen Verkaufsverbots eines Mischbetriebs. Häufig sind die Verkaufsräume der Werkstätten zugleich der Wartebereich der Werkstattkunden.

Insgesamt ist die Stimmung in den Betrieben doch sehr ernüchtert, aber durchaus unterschiedlich. Einige halten die Auslegung möglicher Öffnungsszenarien für Kaffeesatzleserei. Schließlich gebe es jetzt schon eine starke Kaufzurückhaltung. In Zeiten von Corona-Krise mit drohender Ausgangssperre und Wirtschaftskrise mache sich kein Kunde mehr auf den Weg, ein Auto zu kaufen. Zudem seien auch immer mehr Zulassungsstellen geschlossen, so dass das Offenhalten des reinen Autohandels keinen Sinn mache. Andere argumentieren dennoch, genügend Arbeit im Autohandel zu haben und die Kundenbetreuung auch per Mail organisieren zu können. Zudem würden Autos auf den Höfen stehen, die teilweise schon bezahlt oder finanziert, aber noch nicht ausgeliefert sind.

Bayern schließt als direkte Konsequenz aus dem am Montag von Ministerpräsident Markus Söder ausgerufenen Katastrophenfall ab Mittwoch alle Ladengeschäfte des Einzelhandels. „Tankstellen und Kfz-Werkstätten sind davon nicht betroffen“, sagt Präsident Vetterl. „Das bedeutet, dass die Betriebe des bayerischen Kraftfahrzeug- und Tankstellengewerbes dazu beitragen, dass die Mobilität der Bürgerinnen und Bürger auch unter diesen besonderen Umständen aufrechterhalten werden kann.“ Zu der Frage, ob es eine Differenzierung der Kfz-Betriebe gibt, wollte der Landesverband aktuell keine Stellung beziehen.

Sorgen machen sich die Verbände nicht allein wegen der drohenden Schließungen und massiven Ausfälle, sondern auch um die Gesundheit der Mitarbeiter und informieren die Betriebe, vor allem die Werkstätten, über empfohlene Hygienemaßnahmen. „Die Gesundheit unserer Kunden sowie unserer rund 140.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Auszubildenden hat absolute Priorität“, sagte Präsident Vetterl.

Ähnlich wie Bayern hatte es auch Nordrhein-Westfalen (NRW) bereits am Wochenende beschlossen: Ab Dienstag dürfen nur noch Geschäfte und Betriebe geöffnet haben, die der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung dienen, dazu zählen nach derzeitigem Stand auch die Kfz-Werkstätten. Das hatte auf Nachfrage von »kfz-betrieb« die Staatskanzlei des Landes bestätigt. Der Beschluss soll vorerst bis einschließlich 19. April gelten.

Kundenbetreuung auf elektronischem Weg

Jan-Nikolas Sontag, Geschäftsführer des Landesverbands Schleswig-Holstein geht nach dem Stand der Dinge davon aus, dass am Mittwoch alle Kfz-Betriebe in dem Bundesland noch öffnen dürfen. „Ich habe eine Anfrage an die zuständige Staatskanzlei in Schleswig-Holstein gestellt und solange ich nicht eine Verbotsverfügung habe, bleiben wir geöffnet.“ Eine Verbotsverfügung würde im Prinzip alle Kfz-Betriebe betreffen, da nur ein minimaler Prozentsatz nur verkaufe, die meisten Betriebe seien Mischbetriebe.

„Der Autohandel kann meiner Ansicht auch ohne direkten Publikumsverkehr geöffnet haben und weiterarbeiten. Ganz viel Kundenbetreuung kann auf elektronischem Weg erfolgen, nicht zuletzt die der gewerblichen Kunden“, sagte Sontag. Er sieht Betriebe akut in ihrer Existenz bedroht, wenn sie beispielsweise bereits finanzierte Fahrzeuge nicht mehr ausliefern dürfen. „Ich kann doch den Schlüssel rausgeben, zu Fahrzeugen, die auf dem Hof stehen.“

Geschäftsführer Roger Seidel vom Landesverband Hessen verweist auf die Landesregierung, die sich an den Leitlinien des Bundes orientiere. „Wir gehen davon aus, dass ab Mittwoch der stationäre Autohandel geschlossen ist.“ Da die meisten Betriebe auch Service anbieten, hofft er, dass sie öffnen können, aber im Wartebereich der Kunden ein Schild aufstellen, dass vorübergehend keine Beratungs- und Verkaufsgespräche stattfinden.

Joachim Czychy, Landesverbandssprecher von Niedersachsen und Bremen, teilte mit, dass die Regelungen für Niedersachsen und Bremen analog zu Bayern zu verstehen sind. „Das heißt, die Werkstätten haben ab Mittwoch alle auf, aber in den Verkaufsräumen darf es keine Beratung und keinen Verkauf geben.“

Der Landesverband Rheinland-Pfalz hat bislang noch keine Information an die Mitglieder herausgegeben. Er will zunächst die Anfrage abwarten, die die Rechtsabteilung dazu an das rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerium gestellt hat.

Bislang noch keine Informationen zur Umsetzung der beschlossenen Leitlinien sind dem Landesverband Baden-Württemberg bekannt. „Wir müssen da noch abwarten, laut Pressekonferenz heute scheint die Umsetzung aber analog zu den Beschlüssen in Bayern und Nordrhein-Westfalen zu sein“, sagte Hauptgeschäftsführer Carsten Beuß vom Kfz-Landesverband Baden-Württemberg. Wann die dann gültig ist, sei noch nicht bekannt.

In Thüringen geht man aktuell nicht von einer Schließung der Verkaufsräume aus. Denn im Erlass des Thüringer Ministerpräsidenten vom Montag ist vom Einzelhandel aktuell keine Rede. „Dennoch lassen wir gerade prüfen, inwieweit uns bestimmte Formulierungen betreffen könnten“, sagt Alexander Hoffmann, Referent beim thüringischen Kfz-Landesverband.

Umsetzung mit Augenmaß erwartet

Renée Werner, Geschäftsführerin des Landesverbands Mecklenburg-Vorpommern, rechnet aktuell damit, dass ab Mittwoch kein Verkauf mehr stattfindet. Inwieweit beispielsweise der Verkauf von Ersatzteilen betroffen sei, müsse noch abschließend geklärt werden. „Wir gehen davon aus, dass alles was direkt eingebaut wird, unproblematisch ist“, sagte Werner. Man erwarte letztlich eine Umsetzung mit Augenmaß.

Das Kfz-Gewerbe Berlin-Brandenburg wartet laut Präsident Hans-Peter Lange aktuell noch auf offizielle Informationen aus der Politik.

Saarland: Reifenersatzgeschäft gehört zum Werkstattgeschäft

Der saarländische Kfz-Verband hat vom dortigen Wirtschaftsministerium inzwischen eine vorläufige Auskunft erhalten, wie Betriebe vorzugehen haben. Demnach ist der Verkauf ab Mittwoch zu schließen, die Werkstatt kann jedoch weiterbetrieben werden. Es müssen lediglich organisatorische Maßnahmen getroffen werden, um den Kunden zu signalisieren, dass Beratung und Verkauf derzeit unterbleiben. Laut Ministerium gehören der Reifenwechsel und das dazugehörige Reifenersatzgeschäft zum Werkstattgeschäft und dürfen weiterlaufen. Lediglich ein isolierter Verkauf der Reifen ohne Montage ist untersagt.

(ID:46414216)

Über den Autor

 Andreas Wehner

Andreas Wehner

Redakteur Newsdesk Automotive