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Bratzel sieht explosive Mischung auf Handel zukommen

Autor: Julia Mauritz

Der Automobilexperte rechnet in den kommenden Monaten mit hohen Rabatten und stark sinkenden Restwerten. Doch der Handel könne gegensteuern – zumindest ein wenig.

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Branchenexperte Prof. Stefan Bratzel rechnet in diesem Jahr im besten Fall mit einem Neuzulassungsrückgang von 18 Prozent.
Branchenexperte Prof. Stefan Bratzel rechnet in diesem Jahr im besten Fall mit einem Neuzulassungsrückgang von 18 Prozent.
(Bild: CAR)

Automobilexperte Prof. Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach sieht auf den Autohandel gravierende Corona-Nachwehen zukommen: Er rechnet im günstigsten Fall für das Gesamtjahr mit einem Neuzulassungsrückgang von 18 Prozent auf 2,9 Millionen Einheiten. In einer virtuellen Pressekonferenz betonte er, der Handel müsse sich in den kommenden Monaten auf eine starke Kaufzurückhaltung einstellen.

Verschärft werde die ohnehin schwierige Situation durch die Tatsache, dass die Händlerhöfe aktuell prall gefüllt seien. Bratzel geht davon aus, dass der hohe Verkaufsdruck für den Neu- und Gebrauchtwagenbestand geringere Transaktionspreise zur Folge haben werde – mit spürbar negativen Auswirkungen auf die Restwerte und letztlich auch auf die Händlerrendite. Zwischen 20 und 30 Prozent der deutschen Händler seien als sogenannte „Low-Performer“ von den Folgen der Corona-Krise existenziell bedroht. Die Folge davon könnten löchrige Vertriebsnetze und eine Verschärfung der Konsolidierung im Automobilhandel sein.

Staatliche Kaufanreize seien unabdingbar

Staatliche Kaufanreize sieht er als unabdingbar an, um den Nachfragestau aufzulösen. Sein Vorschlag: eine Aufstockung der Umweltprämie für Elektrofahrzeuge. Als Summe nennt er für reine Stromer 4.000 Euro und für Plug-in-Hybride 1.500 Euro, finanziert je zur Hälfte vom Staat und von den Autoherstellern.

Aber auch der Handel könne aktiv agieren, so Bratzel: nämlich indem er den stark verunsicherten Kunden flexiblere Mobilitätsdienstleistungen anbietet, beispielsweise Autoabos. Diese sieht der Automobilexperte auch als Testmöglichkeit für Elektroautos: „Ein Autoabo spricht die Kunden mit einer derzeit wichtigen Flexibilität und einem einfachen, digitalen Buchungsprozess an. Die durch die Corona-Krise verunsicherten Verbraucher und Unternehmen werden langfristige Vertragsbindungen derzeit eher meiden“, glaubt Bratzel. Er fügt hinzu: „Die Menschen kennen Abomodelle bereits aus anderen Lebensbereichen, wie zum Beispiel das Streamen von Filmen und Musik oder auch die Angebote im Fitnessbereich.“

Mittlerweile gibt es einige Rundum-sorglos-Anbieter von Autoabos, die es Händlern ermöglichen, ihre Bestandsfahrzeuge in Eigenregie zur flexiblen Nutzung anzubieten – mit einem geringen administrativen Aufwand. Neben Vive La Car, einem Stuttgarter Start-up, das mittlerweile 200 angeschlossene Händler mit 400 Standorten hat, bieten auch das Rottendorfer Start-up Faaren und All In One Cars ein solches Geschäftsmodell an. Letzteres Start-up aus Unterschleißheim hat wie auch Vive La Car einen Autohaushintergrund.

Abo-Verträge sind flexibel kündbar

Allen Autoabo-Anbietern gemeinsam ist, dass Kunden über eine Plattform mit wenigen Klicks ein geeignetes Fahrzeug auswählen und abonnieren können. Die monatliche Aborate beinhaltet stets alle Mobilitätskosten außer Tanken, die Mietdauer startet je nach Angebot bei vier Wochen bis zu drei Monaten, der Vertrag ist flexibel kündbar.

Was die Gestaltung des Aboangebots für den Handel angeht, unterscheiden sich die Systeme voneinander. Während bei All In One Cars und Faaren beispielsweise dem Händler die Gestaltung der monatlichen Aborate obliegt, kalkuliert Vive la Car diese anhand des DAT-Einkaufspreises. Der Händler erhält bei diesem Modell eine monatliche Gutschrift, die automatisch errechnet wird und die sich aus Zinsen, der Abschreibung, GEZ-Gebühren und der Kfz-Steuer zusammensetzt. Mathias R. Albert, CEO von Vive La Car, sieht die schnelle und flexible Mobilisierung des eigenen Fahrzeugbestands über Autoabos als idealen Weg, um gerade in der aktuellen Situation den Preisdruck aus dem Markt zu nehmen. Aktuell warteten über eine Million Fahrzeuge über alle Marken hinweg im Handel auf Käufer. Bratzel betont: „Die Händler sind klug beraten, das Autoabo für sich zu entdecken und neue Kunden anzusprechen.“

Albert sieht aktuell auch seitens der Hersteller Interesse für das Thema Autoabo: Vive la Car sei aktuell in Gesprächen mit fünf Fabrikaten. In dieser Woche gestartet ist bereits eine Testkooperation mit Jaguar Land Rover Deutschland: Der Kronberger Importeur öffnet dem Stuttgarter Aboanbieter die Türen zu seinen Handelspartnern.

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Über den Autor

 Julia Mauritz

Julia Mauritz

Stv. Ressortleiterin