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2030 statt 2035 Briten ziehen Verbrenner-Verbot fünf Jahre vor

Autor / Redakteur: dpa / Christoph Seyerlein

In Großbritannien sollen Automobilhersteller in zehn Jahren keine Neuwagen mit reinen Verbrennungsmotoren mehr verkaufen dürfen. Das könnte Signalwirkung für ganz Europa haben, meinen Branchenkenner.

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Branchenexperten werten die Pläne der Briten als Signal für den gesamten Kontinent.
Branchenexperten werten die Pläne der Briten als Signal für den gesamten Kontinent.
(Bild: BMW)

Der britische Premierminister Boris Johnson will von 2030 an den Verkauf von Dieselwagen und Benzinern verbieten. Der Verkauf von Hybrid-Modellen soll bis 2035 erlaubt bleiben. Zuletzt hatte die Politik auch für Verbrenner ein Enddatum im Jahr 2035 auf der Insel angepeilt. Nun soll es also schneller gehen.

1,3 Milliarden Pfund sollen in die Lade-Infrastruktur fließen und knapp 600 Millionen in Kauf-Anreize für umweltfreundliche Fahrzeuge. Die Pläne sind Teil eines Gesamtpakets, mit dem Johnson bis 2030 zwölf Milliarden Pfund (etwa 13,4 Milliarden Euro) in grüne Projekte investieren will.

Der britische Herstellerverband SMMT sprach angesichts der Regierungspläne von einer Herkulesaufgabe und mahnte zusätzliche Hilfen an: „Um den Markt vollständig zu elektrifizieren und die Produktionsbasis und Arbeitsplätze zu sichern, benötigen wir mehr als ein willkürliches Datum.“

Johnson setzt mit den Plänen nach Ansicht von Branchenkenner Stefan Bratzel die Industrie im Vereinigten Königreich unter Druck. Es sei „ein starkes Signal“ für die britischen Autobauer, ihre Aktivitäten in Sachen E-Mobilität zu verstärken: „Bislang sind die dortigen Autobauer jetzt nicht so stark bekannt für das Thema Elektromobilität“, sagte der Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Ausnahme sei Nissan. Die Japaner stellen in Großbritannien zahlreiche Fahrzeuge auch für den EU-Markt her.

Dudenhöffer bezeichnet Verbrenner als „totgerittenen Gaul“

Bratzel wertete die Pläne sowohl zudem auch als Signal an Europa. „Wenn so ein großer Markt relativ schnell eine Wende einläutet, kann das einen Dominoeffekt auslösen.“ Ähnlich äußerte sich Ferdinand Dudenhöffer. Das Ende des Verbrennungsmotors im Pkw werde Stück für Stück kommen, sagte er der dpa. „Von daher sollten wir auch in Deutschland alles dafür tun, so schnell wie möglich die Anpassung und Umstellung auf das Elektroauto voranzubringen. Es bringt nichts, auf einem totgerittenen Gaul in die Zukunft gehen zu wollen.“

Dudenhöffer hält ein Verbot von Verbrennungsmotoren für machbar für die britische Autoindustrie. Je früher Großbritannien aussteige, umso besser sei die dortige Autoindustrie für die Zukunft gerüstet. „Der frühe Vogel fängt den Wurm“, sagte der Professor vom Duisburger Center Automotive Research (CAR).

Die deutschen Hersteller müssten keine Angst vor der britischen Konkurrenz haben, betonte Bratzel. Die Autoindustrie hierzulande habe den Wandel hin zur Elektromobilität eingeleitet und sei „im Aufholprozess“. Eine echte britische Autoindustrie oder größere Kompetenzen als hierzulande gebe es zudem gar nicht. Nach Meinung von Dudenhöffer kann sich Großbritannien aber einen Wettbewerbsvorteil verschaffen: „Die britische Autoindustrie ist mit einem schnellen Neustart besser bedient als mit einem langsamen Auslaufprogramm mit totgerittenen Pferden.“

No-Deal-Brexit als größere Bedrohung

Eine größere Bedrohung für britische Autobauer ist aus Sicht der Branchenexperten ein möglicher No-Deal-Brexit, also ein EU-Austritt des Vereinigten Königreichs ohne Handelsabkommen. Der Handel werde dadurch ebenso erschwert wie der Austausch und Einsatz von Personal, der zeitliche Aufwand wachse. „Die Kosten steigen“, sagte Bratzel: „Das sind keine wirklich guten Rahmenbedingungen für die Entwicklung einer britischen Autoindustrie.“ Dudenhöffer sprach von einem großen Drohszenario: „Ein ungeregelter Brexit wird sehr viel zerstören.“

Die britische Autoindustrie kritisierte die bestehende Unsicherheit. Ein „katastrophaler“ No-Deal-Brexit würde bedeuten, dass die Branche in den nächsten fünf Jahren 47 Milliarden Pfund benötige – zusätzlich zu den Corona-Kosten, warnte der Autoverband SMMT (Society of Motor Manufacturers and Traders) jüngst. Mit Blick auf die Pläne zu mehr Elektromobilität sagte SMMT-Chef Mike Hawes nun: „Wir brauchen eine Branche, nicht nur einen Markt.“

Der Verlust von Arbeitsplätzen müsse vermieden werden. Dazu müssten die Investitionsbedingungen verbessert sowie die Wettbewerbsfähigkeit erhalten werden und sichergestellt sein, dass Großbritannien seine Ambitionen erfüllen könne, weltweit führend in der Elektromobilität zu sein.

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