Brüssel will Verkehrschaos bändigen

Tempo 30 und weniger Diesel

| Autor: dpa

195 Stunden verbrachte ein durchschnittlicher Pendler 2018 in Brüssel im Stau.
195 Stunden verbrachte ein durchschnittlicher Pendler 2018 in Brüssel im Stau. (Bild: Brussel street / Leszek Kozlowski / CC BY 2.0)

Brüssel ist eine der Stau-Hauptstädte in Europa. 195 Stunden verbrachte ein durchschnittlicher Pendler 2018 in der Stadt im Stau, wie der Verkehrsdatenanbieter Inrix berechnet hat. In Berlin waren es im selben Zeitraum 154 Stunden, in München 140. Wie viele andere Städte kämpft Brüssel zudem mit hoher Luftverschmutzung.

Ein Ansatz um den Emissionen entgegenzuwirken, sind Dieselfahrverbote. Diese sind nicht nur in der Bundesrepublik ein Zankapfel – auch in Belgien ist das Thema umstritten. In vielen deutschen Städten gibt es Umweltzonen in verschiedenen Größen, in denen sehr alte Diesel nicht erlaubt sind. Vereinzelt gibt es Streckenabschnitte, die für Fahrzeuge bis einschließlich Abgasnorm Euro 5 gesperrt sind. Eine ähnliche Zone gibt es nun auch in Brüssel, sie deckt allerdings fast das gesamte Stadtgebiet ab.

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Die Anforderungen an diese Zone sollen außerdem immer strenger werden. Seit Beginn dieses Jahres dürfen keine Dieselwagen mit Abgasnorm 3 mehr in die Stadt, ab 2025 nur noch solche mit der Norm 6. Eine Regelung, die unter anderem die Brüsseler Polizei vor Probleme stellt. Sie muss einem Medienbericht zufolge nun alte Autos austauschen – oder in anderen Regionen einsetzen.

Problem mit der Verkehrssicherheit

Doch nicht nur die Luftverschmutzung ist in Brüssel problematisch. Auch die allgemeine Verkehrssicherheit sei ein Problem in der Großstadt, meint der Verkehrsexperte Benoit Godart vom Belgischen Institut für Verkehrssicherheit (VIAS). Während die Zahl der Verkehrstoten in den vergangenen zehn Jahren stagniere, gebe es deutlich mehr Unfälle mit Radfahrern und Fußgängern. Um diese Verkehrsteilnehmer zu schützen, setzt Brüssel vermehrt auf Tempo 30: Während in Deutschland immer mal wieder über die Ausweitung von Tempo-30-Zonen diskutiert wird, soll ab 2021 auf fast allen Straßen der EU-Metropole diese Geschwindigkeit als Standard gelten. Nur große Verkehrsadern sind ausgeschlossen.

Schon jetzt gilt die Beschränkung für rund 60 Prozent der Straßen. Ruhigere Wohngegenden, eine Förderung von Rad- und Fußverkehr sowie weniger Unfälle erhofft man sich von dem Plan, sagt eine Sprecherin der Verkehrsbehörde. Ebenfalls Teil des neuen Verkehrsplans: Auch der öffentliche Nahverkehr und Mobilitätsangebote wie E-Scooter für kurze Wege sollen unterstützt werden. „25 Prozent der Fahrten in Brüssel sind weniger als einen Kilometer lang“, sagt die Sprecherin.

Ausbau der Infrastruktur nötig

Verkehrsexperte Godart glaubt, dass die Maßnahmen auch zu weniger Staus führen könnten. Er warnt aber: Ohne einen entsprechenden Ausbau der Infrastruktur würden sich kaum Autofahrer an die Tempo-Begrenzungen halten oder auf ein anderes Verkehrsmittel umsteigen. Das werde alles Jahre dauern, aber der Plan gehe in die richtige Richtung, sagt er. Fortschritte gibt es: Der öffentliche Nahverkehr boomt. 2019 zählte die Brüsseler Nahverkehrsgesellschaft Stib 434 Millionen Fahrten mit ihren Bussen, Straßen- und U-Bahnen – ein neuer Rekord.

Spricht man mit Fahrern von Taxiunternehmen oder Fahrtenvermittlern ist die Skepsis jedoch groß. Sie fürchten noch mehr Staus und Luftverschmutzung. Auch die Nahverkehrsgesellschaft wünscht sich auf bestimmten Strecken Ausnahmen von der Tempobegrenzung.

Gescheiterter Versuch

Doch nicht alle Ideen um das Verkehrschaos zu bändigen, gehen auf. Belgien gilt als Land der Dienstwagen. Schätzungen zufolge sollen es mehr als 20 Prozent aller Autos sein. Und es werden mehr: 2019 war nach Angaben des belgischen Automobilverbandes Febiac ein Rekordjahr. Über 315.000 Fahrzeuge wurden von Unternehmen und Selbstständigen gekauft oder geleast. Auch diese Masse soll zum zähen Verkehr in Brüssel beitragen.

Ein Versuch der Regierung, die Zahl der Dienstwagen zu reduzieren, scheiterte. Das „Cash for Car“-Programm, ein Tausch des Dienstwagens gegen eine steuerbefreite Zulage zu den Sozialversicherungsbeiträgen, wurde von fast niemandem in Anspruch genommen. Mitte Januar annullierte das Verfassungsgericht das entsprechende Gesetz sogar.

Godart glaubte nach eigener Aussage ohnehin nicht, dass die Maßnahme eine „Wunderlösung“ war. „Wenn morgen alle Firmenwagen weg sind, heißt das nicht, dass viele Autofahrer dann nicht einfach ein anderes Auto kaufen“, sagt er. Es sei ein Paket von Maßnahmen notwendig. „Es gibt viele Lösungen, und eine einzige wird niemals alle Stauprobleme lösen.“

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