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Bugatti: Als die Schlumpf-Saga begann

| Autor: Steffen Dominsky

Vor rund 60 Jahren kaufte Fritz Schlumpf nach zähen Verhandlung 30 Bugattis. Damit gelangte die weltgrößte Bugatti-Sammlung zurück nach Frankreich.

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Vor 60 Jahren begann das exzessive Wachstum der berühmten Bugatti-Sammlung der Schlumpf-Brüder.
Vor 60 Jahren begann das exzessive Wachstum der berühmten Bugatti-Sammlung der Schlumpf-Brüder.
(Bild: David Gullick)

Ihre Liebe zu klassischen Fahrzeugen im Allgemeinen und zur Marke Bugatti im Besonderen war groß. Mehrere Dutzend der seltenen Luxus- und Sportwagen aus dem Elsass trugen Fritz und Hans Schlumpf in Jahrzehnten zusammen. Die umfangreichste Sammlung an Bugatti-Fahrzeugen sollte es werden.

Fritz Schlumpf kauft 1928, mit gerade 22 Jahren, seinen ersten Bugatti. Er fährt damit am Wochenende. Und er fährt bei Rennen mit. Der Auto-Enthusiast hält den Kontakt zum Elsässer Unternehmen Bugatti in den nächsten Jahren. Derweil arbeitet er als Makler für Wolle, 1929 steigt sein zwei Jahre älterer Bruder Hans mit ins Textilunternehmen ein. 1935 gründen sie die Société Anonyme pour l'Industrie Lainière (SAIL), eine Aktiengesellschaft, die mit Wolle handelt. Die Brüder kaufen nach Kriegsende mehrere Fabriken und Spinnereien im Elsass auf, bis sie die Textilindustrie im Osten Frankreichs fast völlig dominieren.

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Schlumpf kontaktiert weltweit Bugatti-Besitzer

1957 erwerben sie im elsässischen Mulhouse eine stillgelegte Wollmanufaktur, um dort ihr eigenes Automobilmuseum zu errichten – zu Ehren ihrer geliebten Mutter und Ettore Bugattis, aber vor allem für Fritz Schlumpf selbst. Denn das Sammeln von Bugattis ist bei ihm längst zur Obsession geworden. Ab 1961 erwirbt Fritz Schlumpf viele klassische Fahrzeuge und steigt damit zum bedeutendsten Bugatti-Sammler auf.

Um das zu erreichen, schreibt Schlumpf Anfang der Sechzigerjahre Bugatti-Besitzer weltweit an. Die Adressen erhält er aus einem Register von Hugh Conway. Mitglied des britischen Bugatti Owners Club, der ihm 1962 einen Kontakt zum amerikanischen Sammler John W. Shakespeare aus Hoffman, Illinois, herstellt. Shakespeare widmet sich schon seit den Fünfzigerjahren Bugattis. Sein erstes Auto ist ein Type 55 von 1932, dazu kommen ein Type 41 Royale Park Ward, das dritte und letzte Kundenfahrzeug, zwölf Type 57, drei Type 55 sowie Ettore Bugattis persönliches Elektroauto Type 56 von 1931. Insgesamt besitzt Shakespeare mit etwa 30 Bugattis die größte Bugatti-Sammlung weltweit.

30 Bugatti-Fahrzeuge auf einem Zug

Schlumpf muss diese Autos einfach haben, er bietet Shakespeare pauschal 70.000 US-Dollar an. Der fordert mindestens 105.000 Dollar, worauf Schlumpf 1963 die Sammlung von dem Bugatti-Kenner Bob Shaw aus Illinois prüfen lässt. Der kommt zu einer wenig schmeichelhaften Einschätzung: „Die meisten Autos befinden sich in einem Teil des Gebäudes mit einem schmutzigen Boden, zerbrochenen Fenstern, undichtem Dach und nistenden Vögeln. Jedes Auto ist in irgendeinem Zustand der Demontage und seit mindestens 18 Monaten ist keines von ihnen gelaufen.“ Shaw rät vom Kauf ab, doch Schlumpf hat sich verbissen, bietet nun 80.000 Dollar für alle Fahrzeuge. Nach zähen Verhandlungen, gegenseitigen Drohungen und Erpressungen, einigen sich Schlumpf und Shakespeare ein Jahr später auf die Kaufsumme von 85.000 Dollar, die heute etwa 720.000 Dollar entsprechen, inklusive dem Transport nach Frankreich. Aus heutiger Sicht ein mehr als gutes Geschäft, ein wahres Schnäppchen.

Am 30. März 1964 verlassen die 30 Bugattis auf einem Zug der Southern Railway Illinois Richtung New Orleans, um dort auf ein niederländisches Frachtschiff verladen zu werden. Ein Foto zeigt den offenen Zug mit den vielen seltenen Fahrzeugen. Wenige Wochen später erreicht der Frachter den französischen Hafen Le Havre, wo Fritz Schlumpf seinen Schatz entgegennimmt. Damit ist er seinem Ziel, der größte Bugatti-Sammler zu werden, ein Riesenstück näher gekommen. Erst 1965 machen die Schlumpf-Brüder ihre Sammlung durch einen kleinen Pressebericht öffentlich – und die Idee eines Museums entsteht. Doch offiziell eröffnet wird es von Fritz Schlumpf nie.

Zu bewundern im weltgrößten Automuseum

Auch hält die Freude über die schönen Autos nur wenige Jahre an, die Brüder Schlumpf haben wenig Gelegenheit, ihre einzigartige Sammlung zu genießen: Großflächige Streiks nach ihren fragwürdigen Geschäftspraktiken und der Niedergang der französischen Textilindustrie in den Siebzigerjahren veranlassen sie zur Flucht in die Schweiz. Ein Bericht der verblüfften Arbeiter, die 1977 den heimlich angehäuften Schatz finden, geht in die Automobilgeschichte ein.

Die exklusiven Fahrzeuge sind in einer außergewöhnlichen und einzigartigen Ausstellung zu sehen: Mitten im Elsass, in Mülhausen, befindet sich heute die größte Automobilausstellung der Welt: die „Cité de L´Automobile Nationalmuseum Collection Schlumpf“, die Sammlung Schlumpf. Auf über 25.000 Quadratmetern stehen 400 der wertvollsten, prachtvollsten und seltensten Autos der Welt – darunter rund 100 Bugatti-Modelle, unter anderem zwei der nur sechs gebauten Bugatti Type 41 Royale. Eines davon ist das ehemalige Shakespeare-Fahrzeug mit der Karosserie Park Ward. Andere Stücke des 1964 erfolgten Kaufs von 30 Fahrzeugen parken im unrestaurierten Originalzustand im Mullin Automotive Automobile Museum in Oxnard (Kalifornien). Dort und im Elsass können sie nach ihrer fast 60-jährigen Odyssee von Besuchern bewundert werden.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group, Vogel Business Media GmbH & Co. KG