Suchen

Chery will unter der Marke Exeed Europa erobern

| Autor / Redakteur: Ampnet/gr / Andreas Grimm

Bislang sind chinesische Fabrikate in Deutschland krachend gescheitert. Nun will sich Chery in Europa etablieren. Statt Getöse setzt Europachef Jochen Tütling auf nachhaltige Entwicklung. Vor 2021 rechnet er nicht mit einem Verkaufsstart.

Erster Ausblick: Mit dem Exeed TX zeigte Chery bereits auf der IAA 2017, was die Chinesen im Autobau drauf haben.
Erster Ausblick: Mit dem Exeed TX zeigte Chery bereits auf der IAA 2017, was die Chinesen im Autobau drauf haben.
(Bild: Seyerlein /»kfz-betrieb«)

Der chinesische Hersteller Chery hat mit seiner Marke Exeed große Pläne für den europäischen Markt. Von Deutschland aus, genauer gesagt aus dem Frankfurter Vorort Raunheim heraus, plant Europa-Chef Jochen Tüting den Siegeszug. Eine Mission, an der bislang noch alle chinesischen Autobauer oder ihre Importeure – wörtlich wie im übertragenen Sinne – krachend gescheitert sind. Schlechte Crashtest-Ergebnisse und Qualitätsprobleme brachten das Aus. Für den eigenen Anlauf bringt Chery nun viel Geduld mit.

Tüting ist 44 Jahre alt, groß, schlank, fast blond, offener Blick und guter Zwirn – ganz der erfolgreiche Automobilmanager. Tüting ist Maschinenbauer aus dem Stall der Autouniversität Darmstadt. Sein offizieller Titel: Geschäftsführer der Chery Europe GmbH. 13 Berufsjahre hat er bei Ford verbracht, seit 2013 arbeitet er für das chinesische Unternehmen, zunächst in China, jetzt in Raunheim in direkter Verlängerung der Startbahnen des Frankfurter Metropol-Flughafens, quasi in Sichtweite des direkten Wegs zur Chery-Zentrale in China.

Bildergalerie

Bildergalerie mit 8 Bildern

Chery ist noch immer eher ein Insider-Tipp. Dabei gilt der Autobauer als der größte Automobilexporteur Chinas. In Russland und in asiatischen Schwellenländern kann Chery auf Erfolge verweisen. Rund 300.000 Fahrzeuge liefert das Unternehmen jedes Jahr dorthin. Jetzt gerät Europa ins Blickfeld. Für den Hersteller ist es ein kompletter Neuanfang.

In einer alten, unter Denkmalschutz stehenden ehemaligen Lederfabrik hat Chery das Hauptquartier bezogen. Rund 50 Mitarbeiter, in der Hauptsache Designer, sollen 2019 dort einziehen. Kevin Rice, der bei Mazda erfolgreich gewordene Designer, soll von hieraus das Design der Marke steuern – wenn auch nur digital. Will er ein Tonmodell sehen, muss das in China nach seinen Zeichnungen geformt werden. Die Besinnung auf Designer mit europäischen Wurzeln hat sich schon bei den Koreanern mit Peter Schreyer, Luc Donckerwolke und Thomas Bürkle bewährt. Der Weg zum Global Player und in die USA fällt offenbar leichter, wenn er über Deutschland und Europa führt.

Darum auch der Sitz in Frankfurt. Es geht eben nicht nur um kurze Wege von und nach China. Frankfurt liegt zentral zu den nächsten Zielmärkten in Deutschland, Österreich, der Schweiz, sowie den Niederlanden und Norwegen. Außerdem sind die Weg zu den wichtigen Automobilzulieferern kurz. Die Boschs, ZFs und Contis sind nicht weit. Und kein chinesischer Hersteller kommt ohne sie aus. Besonders gesucht sind unter ihnen die, die auch für einfache bis strategische Zusammenarbeit infrage kommen.

Tüting: „Wir agieren etwas leiser“

Als wieder ein Jumbojet durchstartet, sagt Tüting: „Wir agieren etwas leiser“ und meint damit den Auftritt von Chery in Europa. Die Erinnerung an „Landwind“ und „Brilliance“ lebt nicht nur in den Archiven der Auto-Medien fort, sondern auch im Bewusstsein der Strategen der chinesischen Hersteller. Die üben sich in Geduld und setzen einen Schritt vor den anderen. Tüting kann sich nicht vorstellen, dass der Verkauf in Deutschland wesentlich vor 2021 starten kann. Der Mietvertrag in Raunheim sei langfristig, betont Tüting und verweist auf die riesigen Brachflächen am westlichen Rand des Industriegebiets. Die halte man in Reserve, sagt der Europachef.

Man bekommt durch die riesige Fläche einen Eindruck davon, was Chery hier wohl noch alles bewegen will. Den Erfolg in Europa soll die Marke Exeed bringen. Den Namen Chery will Tüting nur dann verwenden, wenn das markenrechtlich nicht anders möglich sein wird. Die Exeed-Modelle sollen die heute typischen chinesischen Produktmerkmale aufweisen: Sie sind das rollende Internet, das Smartphone auf vier Rädern, designorientiert, gut ausgestattet und elektrifiziert. Tüting nennt ihr Erscheinungsbild „international“.

Was darunter zu verstehen ist, zeigte Chery/Exeed im September 2017 auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt. Ein mittelgroßes SUV und ein aggressiv auftretendes Concept-Car. Auf der Messe sah man entsprechende Modelle der chinesischen Marke Qoros, die in Europa bereits einige Bekanntheit erlangt hat. Damals war Chery noch zu 50 Prozent am Qoros-Projekt beteiligt. Jetzt steht nur noch eine Minderheitenbeteiligung zu Buche, und Tüting lässt keinen Zweifel daran, dass Chery/Exeed einen eigenen Weg gehen wird. Er ist ja noch jung, die Chinesen sind geduldig und das Reservegelände in Raunheim groß.

(ID:45627096)