Classic Business droht zunehmend ein Engpass im Service

Schweiz mit eigenem Oldtimer-Berufsbild

| Autor: Steffen Dominsky

Geteilt wie ein Schnittmodel präsentiert sich aktuell der Classic-Markt: Während im Handel der große Boom vorbei zu sein scheint, brummt das Geschäft im Handwerk.
Geteilt wie ein Schnittmodel präsentiert sich aktuell der Classic-Markt: Während im Handel der große Boom vorbei zu sein scheint, brummt das Geschäft im Handwerk. (Bild: Dominsky)

Bereits Ende 2016 reifte im Handel mit klassischen Automobilen die Erkenntnis, dass blühende Landschaften nicht ewig blühen. Eine Entwicklung, die sich im vergangenen Jahr fortsetzte. „Das Preisniveau hat sich weitgehend stabilisiert, nur wenige Fahrzeuge haben weiterhin im Preis nachgegeben. Die meisten Edelkarossen im zweistelligen Millionenbereich werden derzeit zurückgehalten und nicht auf den Markt gebracht. Deren Besitzer warten ab, bis die Investitionslaune international wieder gestiegen ist“, berichtet Frank Wilke vom Marktanalysten und Oldtimerbewerter Classic-Analytics.

Und auch Dietrich Hatlapa, Chef der Historic Automobile Group International (HAGI), ein ebenso renommierter Classic-Car-Beobachter, sagt: „Der Markt hat sich vom Umsatz her deutlich beruhigt verglichen mit den Jahren 2012 bis 2015. Die Umsatzniveaus sind wieder auf denen der Jahre vor 2012.“ So stieg der „HAGI Top Index“ für seltene Klassiker – ein Bewertungsindex über alle Marken hinweg – 2017 lediglich um 1,66 Prozent, der schwächste Anstieg seit 1999. Und der HAGI-Index für Porsche lag letztes Jahr sogar leicht im Minus.

Retro Classics 2018: Auch mal auf Alt gemacht

Überrascht hat der Verlauf der letzten gut 18 Monate nicht, wohl aber der der Jahre zuvor: „Eine marken- und modellübergreifende Preisentwicklung wie in den fünf Jahren zuvor hat es vorher noch nie gegeben“, bringt Frank Wilke die Euphorie der jüngsten Vergangenheit auf den Punkt. Die Gründe dafür dürften jedem bekannt sein: Neben einer (moderat) wachsenden Begeisterung für das automobile Kulturgut befeuerte vor allem die irrationale Nachfrage nach Oldtimern den Boom – das Thema Nullzinspolitik lässt schön grüßen.

Doch muss der Handel mit alten Automobilen nun die Zukunft fürchten und mit starken bzw. immer stärkeren Schwankungen rechnen und leben, wie man es von Aktienbörsen kennt? „Das nicht!“, beruhigen die Branchenexperten. Preisschwankungen hat es im Oldtimerbereich schon immer gegeben, auch nach unten. Was unnormal war, war der Hype der vergangenen rund fünf Jahre. Ergo rechnen die Fachleute künftig mit dem, was Seeleute unter einer „ruhigen See“ verstehen: Ein bisschen auf, ein bisschen ab, aber zweistellige Zuwachsraten sind künftig wohl passé.

Ganz anderes Bild im Service

Anders die Situation in den Betrieben, die sich mehrheitlich oder ausschließlich der Wartung und Reparatur des automobilen Kulturguts verschrieben haben: In vielen Werkstätten quellen die Auftragsbücher über. Aber auch hier herrscht zum Teil eine zweigeteilte Welt: „Nach wie vor verabschieden sich viele Betriebe vom Nebenbei-Werkstattgeschäft für Oldtimer, weil ihnen die Strukturen und das Personal fehlen“, sagt Matthias Kemmer, Inhaber eines Restaurierungsbetriebs und bekannter Oldtimerdozent an der Akademie des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes (TAK). Und unter einem anhaltenden Fachkräftemangel leiden Betriebe im Classic Business noch mehr als andere. Ihnen fehlt noch mehr als normalen Betrieben der Nachwuchs.

„Woher also nehmen und nicht stehlen?“, die Frage ist schwer zu beantworten. Nachdem der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) sein langjähriges Pilotprojekt „Zusatzqualifikation für Old- und Youngtimertechnik“ 2016 sang- und klanglos beerdigt hat, ist guter Rat teuer. Eine „Zwischenlösung“ oder Option bietet hier ein brandneues Seminarangebot der TAK: der „Servicespezialist Oldtimer und Youngtimer“. Der rund 80-stündige Kurs richtet sich an Personen, die ihr Wissen speziell bezüglich der Fahrzeugtechnik der Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahre auffrischen oder generell ein solches aufbauen wollen.

Möglichkeiten der Qualifikation

Was Oldtimerfachbetriebe jedoch wirklich benötigen und wovon sie schon lange träumen, das gibt es bis dato nur in der Schweiz: das Berufsbild des Fahrzeugrestaurators. Vor zwei Jahren haben die Eidgenossen ihre ersten Kurse hierzu gestartet. Gerade legen die ersten Teilnehmer ihre Prüfungen ab. Bestehen sie diese, haben sie einen begehrten „Abschluss der höheren Berufsbildung“ in der Tasche.

Eine Alternative in Sachen Oldtimerqualifikation könnte sich hierzulande auf Handwerksebene ergeben. So gibt es in einigen Gewerken bereits seit etlichen Jahren die Zusatzqualifikation „Restaurator des Handwerks“. Ein Haken an der Sache: Vor 2021 dürfte das mit dem Kfz-Restaurator nichts werden, denn erstens lässt sich – Stichwort deutsche Bürokratie – eine neue Zusatzqualifikation nicht mal eben im Vorbeigehen einführen, und zweitens gilt es gewisse Widerstände zu überwinden: Nicht jeder sieht in einem alten stinkenden Vehikel ein historisches Kulturgut, das einem jahrhundertealten Denkmal gleichzusetzen wäre.

Ein weiterer Casus knacksus: Die neue Qualifikation richtet sich ausschließlich an Meister, nicht an Gesellen. Damit schränkt sie den Kreis der infrage kommenden Personen ziemlich ein. Etwas Vergleichbares wie in der Schweiz – der Fahrzeugrestaurator bedingt „nur“ eine abgeschlossene Lehre – das wäre was. Doch dürfte hier der Wunsch Vater des Gedankens bleiben.

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