Tempolimit: Auch schon gut 100 Jahre auf dem Buckel

Aktuelle Diskussion erinnert an frühere Zeiten

| Autor: Steffen Dominsky

Bereits seit 109 Jahren präsent: Geschwindigekitsbegrenzungen in Deutschland.
Bereits seit 109 Jahren präsent: Geschwindigekitsbegrenzungen in Deutschland. (Bild: © Uwe Bumann)

Das erste deutschlandweit verbindliche Tempolimit ist deutlich jünger als das Auto selbst. In der „Verordnung über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen“ vom Februar 1910 wurde erstmals eine zulässige Höchstgeschwindigkeit definiert: Innerorts durften Pkws 15 km/h und Lkws 12 km/h schnell bzw. langsam sein. Letzteres galt auch für die damals noch bekannten Straßenlokomotiven und Dampftraktoren. Trotz des neuen Reichs-Gesetzes – ab 1923 war innerorts eine Geschwindigkeit von 30 km/h erlaubt – blieben viele Geschwindigkeitsbeschränkungen Ländersache, bis die Nationalsozialisten im Mai 1934 alle lokal und regional geltenden Limits aufhoben. So sollte das neue Verkehrsmittel in einem von Geschwindigkeit besessenen Zeitalter populär gemacht werden. Die Abschaffung der Kfz-Steuer und die ideologisierende Förderung des Rennsports schlugen in die gleiche Kerbe.

Rund fünf Jahre hielt die freie Fahrt für unfreie Bürger an, dann stoppten die Nazis die regellose Raserei wieder. Sie hatte einfach zu viele Opfer gefordert. Außerorts waren in der Folge maximal 100 km/h erlaubt, in der Stadt höchstens 60. Nach Kriegsbeginn wurden beide Limits noch einmal um 20 km/h gesenkt, vor allem um Benzin zu sparen und möglicherweise auch, um Soldatenleben für die Front zu erhalten. Allerdings waren private Autofahrten zu diesem Zeitpunkt sowieso nur noch in Ausnahmefällen gestattet.

Frei Fahrt nach dem Krieg

Die nächste große Entregelung der Reisegeschwindigkeit erfolgte in der Bundesrepublik 1953, als in der Begeisterung über die startende Massenmobilisierung kurzerhand sämtliche Tempolimits für Pkws und Motorräder aufgehoben wurden. Auch innerhalb geschlossener Ortschaften konnten die Vorfahrer des Wirtschaftswunders so aufs Gas treten, wie es immer schnellere und potentere Modelle wie Porsche 356, Mercedes 300 SL und Co. hergaben. Allerdings wieder nur für kurze Zeit: Schon im Sommer 1957 wurde – begleitet von emotionalen Debatten – erneut eine Geschwindigkeitsbeschränkung eingeführt, zumindest innerorts war dann maximal Tempo 50 erlaubt. Diese sollte die beunruhigend hohe Zahl von Verkehrstoten senken helfen, 1956 kamen mehr als 13.000 Menschen bei Autounfällen ums Leben.

Die neu eingeführte Geschwindigkeitsbeschränkung sorgte aber nur kurz für Entlastung, bereits 1959 stieg die Opferzahl wieder. Kein Wunder, wandten die Tempolimit-Gegner ein und betonten, nicht die Geschwindigkeit sei der Grund für Unfälle, sondern der schlechte Zustand der Straßen. Auch die mangelnden Fahrfähigkeiten einzelner Autobesitzer wurden gerne angeführt.

Heute „nur“ gut 3.000 Tote im Jahr

Die Einwände verhinderten nicht, dass 1972 die nächste Regelverschärfung folgte. Zunächst befristet, wurde das Maximaltempo außerorts abseits von Autobahnen auf 100 km/h begrenzt, 1976 wurde das Limit dann endgültig eingeführt. Auch hierbei spielte die hohe Zahl der Verkehrstoten – mittlerweile starben rund 15.000 Menschen pro Jahr – die entscheidende Rolle. Zeitgleich trat aber auch ein neuer, altbekannter Grund für die Beschneidung der Geschwindigkeit auf die Bildfläche: Die Ölkrise verlangte nach Ressourcenschonung, der knapper werdende Treibstoff sollte nicht mehr für Tempoorgien verfeuert werden, sondern für den wichtigen Waren- und Personentransport gespart werden. Auch deshalb wurde die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h auf Autobahnen eingeführt, zunächst probehalber, ab 1974 permanent. In der DDR galt immer ein generelles Tempolimit von 100 km/h auf der Autobahn sowie 80 km/h außerorts und 50 km/h innerorts.

Mehr als 40 Jahre gelten die aktuellen Temporegeln auf (west-)deutschen Straßen nun. Keine Regierung hat in dieser Zeitspanne ernsthaft versucht, die Geschwindigkeit auf den Straßen in großem Stil zu kappen. Auch, weil sich die deutschen Autohersteller in den Achtzigerjahren eine Selbstbeschränkung auferlegten und zumindest einen Großteil ihrer Modelle bei 250 km/h elektronisch einbremsten. Ob ein Tempolimit heute eine Chance hat, bleibt abzuwarten. Die Argumente dafür sind die gleichen wie vor vier Jahrzehnten: Sicherheit und Ressourcenschonung. Zumindest in der Vergangenheit haben sich diese auf lange Sicht immer durchgesetzt.

Newsletter Classic Business Das Geschäft mit Old- und Youngtimern boomt, das zeigen die Ideen, Angebote und Aktionen spezialisierter Kfz-Betriebe. Auf der anderen Seite kommen neue Produkte und Dienstleistungen auf den Markt.
Bleiben Sie für ihr Geschäft mit dem alten Blech auf dem Laufenden und abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter Classic Business.

Kommentare werden geladen....

Ihr Kommentar zum Thema

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45742407 / Classic Business)

Plus-Fachartikel

Nutzfahrzeugwerkstatt: Mit vereinten Kräften

Nutzfahrzeugwerkstatt: Mit vereinten Kräften

Das Truckcenter Schüttorfer Kreuz ist aus der Kooperation dreier Einzelunternehmen entstanden und vereint eine markenunabhängige Nfz-Werkstatt und eine Vertragswerkstatt für diverse Fabrikate unter einem Dach. Dabei war alles ganz anders geplant. lesen

Autohaus Jakob: Dodge und Ram wagen

Autohaus Jakob: Dodge und Ram wagen

Mit Nissan und Jeep haben Peter Jakob und sein Sohn Benjamin zwei Marken an Bord, die das Familienunternehmen derzeit stark herausfordern. Als wäre das nicht schon genug, vermarktet das Autohaus seit Kurzem auch noch Dodge und Ram. lesen