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Conti-Chef diagnostiziert „Herzstillstand der Autobranche“

| Autor / Redakteur: dpa / Andreas Grimm

Für Continental-Vorstandschef Elmar Degenhart ist die Lage der Automobilindustrie brenzlig. Ausbleibende Umsätze und der laufende technologische Wandel sorgen in vielen Unternehmen für zu hohe Kosten. Es drohen Milliardenverluste und eine Pleitewelle.

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Continental-Vorstandschef Elmar Degenhart sieht die Automobilbranche in einer extrem schwierigen Situation und befürchtet viele Pleiten.
Continental-Vorstandschef Elmar Degenhart sieht die Automobilbranche in einer extrem schwierigen Situation und befürchtet viele Pleiten.
(Bild: Continental/Marcus Prell)

Continental Chef Elmar Degenhart sieht die Automobilbranche in einer tiefen Krise. Schon der schwierige Strukturwandel aus Digitalisierung, E-Mobilität und Assistenzsystemen sei für viele kleine Firmen kaum zu schaffen, sagte er im Interview der Deutschen Presse-Agentur und der Finanz-Nachrichtenagentur „DPA-AFX“, „Obendrauf kommt eine Marktkrise, die so seit 1930 nicht mehr da war. Wenn sich im Sommer keine deutliche Belebung des Marktes in Europa abzeichnet, befürchten wir trotz aller Stützungsmaßnahmen eine Reihe von Konkursen.“

Bei Continental selbst war in einer internen Videokonferenz jüngst von einer möglichen Verschärfung des Sparkurses die Rede. „Auch bei Continental ist eine Garantie für den Fortbestand mancher Jobs nicht mehr möglich“, sagte Degenhart. „Es dürfte dazu kommen, dass wir über Kündigungen verhandeln müssen.“ Er sorge sich aber auch um andere Unternehmen.

„Die bisherigen Zahlen sprechen für sich“

Die Situation in der Autobranche ist aus seiner Sicht mehr als brenzlig. „Die bisherigen Zahlen in diesem Jahr sprechen für sich. Die Produktion bewegt sich in China und Amerika bei minus 25 Prozent, in Europa bei minus 40 Prozent“, sagte er. Insgesamt sehen viele Marktbeobachter für 2020 die globale Produktion auf unter 70 Millionen Fahrzeugen sinken, das wäre ein Rückgang von über 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die Erholung werde in Europa am langsamsten verlaufen, die Autoindustrie im zweiten Quartal Milliardenverluste schreiben. Für europäische und insbesondere deutsche Systemzulieferer verheißt das nichts Gutes. „Das zweite Quartal wird wohl wirtschaftlich das schwierigste der Nachkriegszeit.“

Der deutschen Schlüsselbranche machen ausbleibende Autokäufe und Probleme in den Lieferketten zu schaffen. Bei Herstellern stauen sich die Fahrzeuge in den Lagern, bei Zulieferern gehen die Bestellungen in den Keller. „Viele Unternehmen haben im Vergleich zum gesunkenen Umsatz jetzt zu hohe Kosten. Bei einer nur langsamen Erholung können wir das mit Maßnahmen wie Kurzarbeit nicht aussitzen“, analysierte der Manager. Man tue alles, um Ausgaben intelligent zu senken und Stellenstreichungen zu minimieren. Hätten die Maßnahmen keinen Erfolg, könnten zahlreiche Jobs wegfallen – „in Deutschland und Europa sowie in Hochlohnländern rund um die Welt“.

Stromstoß zur Wiederbelebung notwendig

„Unsere Branche hat in Europa einen Herzstillstand erlitten“, betonte Degenhart. „Ein solcher lässt sich nicht mit einer hohen Dosis Vitamin C beheben – es bedarf vielmehr eines Defibrillators.“ Es hätte kräftigerer Konjunkturimpulse bedurft. „Diese Chance wurde verpasst.“ Wichtig sei Unterstützung aus der Politik nun vor allem beim Thema Energiekosten: „Sie bleiben in Deutschland mit am höchsten, die EEG-Umlage könnte 2021 einen erheblichen Sprung machen.“ Das Finanzierungskonzept der Energiewende müsse auf den Prüfstand.

Einen kompletten Wechsel von Verbrennern auf alternative Antriebe hält Degenhart in der Autoindustrie erst bis 2040 für möglich. Die Geschwindigkeit des US-Elektroauto-Pioniers Tesla könne man mit deutschen Anbietern nur schwer vergleichen. „Das Unternehmen hat nicht dieselbe Produktbasis wie ein traditioneller Hersteller mit einem Volumen von fünf bis zehn Millionen Fahrzeugen pro Jahr, die transformiert werden müssen. Der Ansatz war der einer Neugründung auf der grünen Wiese und Nischenproduktion.“ Besonders wertvoll sei Tesla wegen seiner Kompetenz bei Elektronik, Programmierung und Vernetzung.

„Als Branche haben wir keinen Grund, uns zu verstecken“

Generell sieht er die Branche in Sachen E-Mobilität auf der Höhe der Zeit. „Als Branche haben wir keinen Grund, uns zu verstecken. Ein Blick in die aktuelle Patentstatistik genügt.“ Auch in puncto Digitalisierung der Produkte und der Prozesse sieht er Hersteller und Zulieferer „sehr gut aufgestellt“.

Beim automatisierten und autonomen Fahren habe die Industrie dagegen die Komplexität unterschätzt. „Auf mittleren bis höheren Automatisierungsstufen geht die ökonomische Rechnung für Pkw momentan noch nicht auf.“ Degenhart sieht daher das Risiko, „dass es Firmen aus dem Silicon Valley gelingt, Plattform-Lösungen für das autonome Fahren zu etablieren, an denen die Industrie später nicht mehr so leicht vorbeikommen wird“.

Das bisherige Konjunkturprogramm des Bundes sieht der Manager mit gemischten Gefühlen. „Dieses 130-Milliarden-Paket beinhaltet eine Vielzahl positiver Elemente für die Gesamtwirtschaft.“ Die Absenkung der Mehrwertsteuer bis zum Jahresende werde zwar „einen gewissen Effekt“ haben. Aber der Ausschluss moderner Verbrenner aus den Autokaufprämien sei für ihn enttäuschend, so Degenhart: „Man muss sich vergegenwärtigen, dass E- und Hybridautos in Deutschland einen Marktanteil von 8 Prozent haben. Das zeigt, dass die Wirkung begrenzt bleiben wird.“ Sehr gut seien dagegen die aufgestockte Förderung der Ladeinfrastruktur sowie der Ausbau von Forschung und Entwicklung.

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