Continental: Versuchslabor für Kautschuk aus Löwenzahn

Alternative zum Tropen-Kautschuk

| Autor: dpa

Reifen könnten künftig Kautschuk aus Löwenzahn enthalten.
Reifen könnten künftig Kautschuk aus Löwenzahn enthalten. (Bild: Continental)

Die weiße Pflanzenmilch im Löwenzahn klebt: Sie enthält Kautschuk. Der Reifenhersteller Continental will sich dies zunutze machen und künftig Naturkautschuk für Autoreifen aus Löwenzahnwurzeln statt nur aus tropischen Kautschukbäumen gewinnen. Versuche dazu gab es schon in den 1930-er Jahren unter anderem in der Sowjetunion sowie während und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Doch es haperte an geeigneten Pflanzen und einer vernünftigen Extraktionstechnik, wie Professor Dirk Prüfer von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster sagt. Er ist Leiter eines Teams, das gemeinsam mit dem Reifenproduzenten nach Möglichkeiten suchte, den Kautschuk aus Löwenzahnwurzeln zu extrahieren. Am Donnerstag hat Continental in Anklam (Landkreis Vorpommern-Greifswald) ein Forschungs- und Versuchslabor zur Kautschukgewinnung eröffnet. Naturkautschuk ist heute noch für Lkw-Reifen und Winterreifen für Pkw unerlässlich.

An dem Projekt haben Wissenschaftler der Universität Münster und des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME, Pflanzenzüchter, das Julius-Kühn-Institut Quedlinburg und Continental jahrelang gearbeitet. Als Rohstoff dient Russischer Löwenzahn, der kleiner ist, aber einen viel höheren Kautschukgehalt besitzt als die einheimische Pflanze, wie Prüfer erläutert. Etwa 15 Prozent der Wurzel sei Kautschuk. „Schon bei den ersten Experimenten zeigte sich, dass der Kautschuk so gut ist wie vom Kautschukbaum“, sagt der Wissenschaftler. Inzwischen sei der Löwenzahn züchterisch so optimiert worden, dass der Gehalt an Inhaltsstoffen stabil ist.

So funktionieren Anbau und Verarbeitung

Bei der Standortwahl für das Versuchslabor, das „Taraxagum Lab“ nach dem lateinischen Namen Taraxacum für Löwenzahn, half der Zufall mit. Prüfer stellte die Idee 2013 in Anklam auf Biotechnologietagen vor und stieß in der Stadt auf Interesse. Alles weitere ergab sich: Geeignete Böden und große Flächen in der Umgebung, Landwirte, die zum Anbau des „Unkrauts“ bereit waren, sowie Erfahrungen in der Stadt mit der Verarbeitung von Wurzeln - von Zuckerrüben. In Anklam produziert die einzige Zuckerfabrik Mecklenburg-Vorpommerns.

2017 bauten Landwirte von vier Unternehmen rund um das nahegelegene Ducherow erstmals in größerem Umfang Löwenzahn an, auf etwa 30 Hektar. Anfang der Woche erntete die Ducherower Agrar GmbH ihre 12 Hektar große Fläche ab, wie ein Mitarbeiter sagt. Das Blattgrün bleibe auf dem Acker, die Wurzeln würden nach Anklam gebracht. Sorgen, dass der Löwenzahn sich in der Region jetzt überall verbreitet, gebe es in der Bevölkerung nicht.

Der Russische Löwenzahn wildert nicht aus, wie Prüfer versichert. Er vermehrt sich im Unterschied zum einheimischen geschlechtlich. Daher sei er einfacher zu kreuzen und zu züchten. Ziel seien größere Wurzeln und ein Ertrag von einer Tonne Kautschuk pro Hektar. Das entspräche dem Ertrag auf Kautschukplantagen, vergleicht Prüfer. Geerntet werden die Wurzeln vorläufig mit einer Möhrenerntemaschine.„Es muss aber eine spezielle Erntemaschine gebaut werden“, sagt er.

Im Labor werden die Wurzeln in Mühlen mit Wasser zerquetscht, wobei der Kautschuk ausgewaschen wird, ohne dass giftige Lösungsmittel nötig seien. Die Rückstände können in die Biogasanlage gehen oder zu Bioethanol verarbeitet werden. Auch das ist Prüfer zufolge ähnlich wie bei der Zuckerrübenverarbeitung.

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