DAT-Chef: „Die Standtage sind der Killer“

DAT-Geschäftsführer Jens Nietzschmann im Interview

| Autor: Wolfgang Michel

Von Audi bis Volvo: Wie ermittelt denn die DAT konkret ihre Gebrauchtfahrzeugwerte?

Gebrauchtfahrzeugwerte werden nur an einer Stelle real gebildet. Jemand bietet ein Fahrzeug an, ein anderer hat daran Interesse und beide akzeptieren den dafür vereinbarten Preis. Diese Transaktionspreise, d. h. die Werte, zu denen der Handel ein Fahrzeug an einen Endkunden verkauft, bilden die Basis für unsere Notierungen. Wir erhalten entsprechende Daten bundesweit aus ganz unterschiedlichen Quellen: von Autohäusern, Händlerverbänden, Herstellern, Importeuren, Kfz-Sachverständigen sowie von den zahlreichen Nutzern unsere Silver-DAT-Produkte. Insgesamt liegen uns jährlich Daten vor, die circa 20 Prozent aller gewerblichen Verkaufsaktivitäten umfassen und damit repräsentativ sind. Unsere Marktbeobachter stehen je nach ihrem Fahrzeugsegment in sehr engem Dialog mit zahlreichen Vertretern der Autobranche und verfolgen natürlich immer auch die Entwicklung der Angebotspreise in den Online-Marktplätzen. Hier interessiert uns insbesondere der Zusammenhang zwischen Fahrzeugalter und Laufleistung. In keinem Fall übernehmen wir aber die ermittelten Transaktionspreise eins zu eins in unsere Notierungen. Sie dienen alle lediglich der Validierung eigener, intensiver Recherchen pro Segment, Hersteller, Modellreihe und Ausstattungsoptionen. Da Dritte unsere Notierungen permanent kritisch beobachten und wir sie auch selbst regelmäßig kontrollieren, wissen wir, dass wir mit unserer Vorgehensweise die Marktentwicklung ziemlich präzise abbilden. Maximale Abweichungen von plus/minus einem Prozent sind dabei unser Benchmark.

Diese Diesel erfüllen bereits die Euro-6d-Temp-Norm

Was antworten Sie Kritikern, die behaupten, die DAT hinke mit ihren Restwertannahmen rund sechs Monate hinterher und weise in ihren Gutachten viel zu optimistische Restwerte aus?

Je nachdem, wen Sie fragen, erhalten Sie stets unterschiedliche Meinungen zu unseren Werten. Als neutrale Institution dürfen wir es – ähnlich einem Schiedsrichter in der Bundesliga – auch keinem recht machen. Ihre Frage zielt wohl auf die Aussage eines Händlers in einem Ihrer jüngsten Artikel zum Thema ab. Im Kern geht es dabei um zwei unterschiedliche Sachverhalte: Zum einen den zeitlichen Verzug bei der Aktualisierung unserer Daten und zum anderen die Erstellung von Gebrauchtfahrzeug-Gutachten oder -Zustandsberichte. Wenn der kritische Händler direkt in unsere Systeme hineinsehen würde, sähe er sehr wohl, dass wir durch die monatlichen Updates sehr nah am Markt sind und bei den Werten über die letzten Jahre immer wieder zum Teil sehr deutliche Korrekturen bei Fahrzeugen mit hoher Laufleistung und insbesondere bei Diesel-Pkws vorgenommen haben. Ganz besonders in Bezug auf die Reduzierung der Händler-Einkaufswerte. Die Aussage des Händlers ist daher nicht haltbar. Zum Thema Gutachten ist zu sagen, dass die DAT generell nicht selbst Gutachten zu Gebrauchtfahrzeugen erstellt. Diese erstellen die freiberuflich tätigen und von uns völlig unabhängig agierenden Sachverständigen der Expert-Partner-Organisation oder die Gutachter anderer Organisationen, sofern diese mit unseren Systemen arbeiten. Wir analysieren unsere Daten sehr kritisch, und die Händler, die uns kritisieren, liefern häufig keine Transaktionspreise an uns. Wir stellen uns aber gern dieser Diskussion. Schlussendlich glauben wir, dass ein gewisses Vertrauen in die Arbeit der DAT erforderlich ist, damit Marktwirtschaft in Deutschland überhaupt funktioniert. Und da sowohl Hersteller als auch Händler in unseren Gremien sitzen, sprechen wir diese Themen regelmäßig an.

Welche Erwartungen haben Sie an die neue Bundesregierung bzw. an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer in Sachen Diesel?

Andreas Scheuer wird sich der Diskussion um Fahrverbote sehr schnell stellen und dazu ebenso so schnell wirksame Maßnahmen auf den Weg bringen müssen. Die Zeit ist überreif, dass endlich Unklarheit und Verunsicherung ein Ende finden. Fahrverbote sind – und in diesem Punkt stimmen wir mit den bisherigen Aussagen der Politik überein – die denkbar schlechteste aller Lösungen.

Hat der Dieselmotor aus Ihrer Sicht überhaupt noch eine Zukunft?

Aber natürlich! Was leider oft unerwähnt bleibt, ist die Tatsache, dass das Stickoxidproblem mit den modernen Dieseln gelöst ist, dass der Pkw-Bestand sukzessive durchgetauscht wird und der Diesel für eine Reihe von Fahrzeugsegmenten und Einsatzarten alternativlos ist. Wer den Abgesang auf den Dieselmotor anstimmt, hat grundsätzliche Herausforderungen unserer Branche nicht verstanden.

Wie haben sich in den vergangenen Monaten eigentlich die Restwerte von Fahrzeugen mit Hybrid- oder Elektromotor entwickelt?

Es ist auch den Verbrauchern nicht verborgen geblieben, dass sich Fahrzeuge mit alternativen Antrieben technologisch sehr schnell weiterentwickeln. Was gestern noch eine hippe Innovation war, ist heute kalter Kaffee. Bei diesen Fahrzeugen verhält es sich quasi wie beim Smartphone: Ein gebrauchtes Smartphone wird eher weniger gekauft, weil man – wenn man sich für eine solche Technologie entscheiden – die neueste und nicht eine „alte“ Technologie haben möchte. Es ist daher kein Wunder, dass gebrauchte Pkws mit alternativen Antrieben aktuell deutlich länger als Benziner oder Diesel-Pkws auf den Höfen stehen – aktuell sind dies rund 120 Tage. Ein besonderes Problem stellt dabei auch der Ausbildungsstand des Verkaufspersonals dar. Dieses bietet solche Fahrzeuge teilweise deshalb seltener proaktiv an, weil ihm in Zeiten endloser Dieseldiskussionen mit den Verbrauchern häufig schlicht die Zeit dafür fehlt, sich das Wissen über die neuen Technologien anzueignen.

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