Volkswagen Herbert Diess und die Vertrauensfrage

Autor / Redakteur: dpa / Andreas Wehner

Kriegt der VW-Chef noch die Kurve? Was der Vorstandsvorsitzende von Volkswagen und seine Kontrolleure genau voneinander erwarten, scheint unklarer denn je. Wieder machen Gerüchte über einen baldigen Showdown die Runde. Dabei treiben die Belegschaft ganz andere Sorgen um.

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Wie fest sitzt Herbert Diess bei VW noch im Sattel?
Wie fest sitzt Herbert Diess bei VW noch im Sattel?
(Bild: Volkswagen)

Manchmal sind es das Schweigen oder die Botschaften zwischen den Zeilen, die auf einen möglichen Bruch hindeuten. Oder, wie bei Herbert Diess, zumindest auf eine fortlaufende Entfremdung. Der VW-Konzernchef sitzt - offiziell - weiterhin fest im Sattel. Doch vor dem Jahresende gibt es Signale, dass der im Sommer gerade noch so entschärfte Eklat mit dem Aufsichtsrat Nachwirkungen haben könnte. In letzter Minute hatten sich beide Seiten damals zusammengerauft - Diess soll dem Rausschmiss nur knapp entgangen sein, nachdem er Teilen des Gremiums ein strafbares Verhalten vorgeworfen hatte.

Gut ein halbes Jahr später kursieren neue Spekulationen über die Motivlage des gern forsch auftretenden Top-Managers. Er soll abermals um eine vorzeitige Verlängerung seines Vertrags gebeten haben, der bis zum Frühjahr 2023 läuft. Obwohl man darüber auch beim weltgrößten Autokonzern in der Regel frühestens zwölf Monate vorher spricht. Dem Vernehmen nach hatte Diess schon einmal eine Initiative gestartet, was nicht nur bei einigen Vertretern der Kapitalseite Stirnrunzeln hervorrief. Die bei VW besonders mächtige IG Metall sprach ihm im Mai gar in einem offenen Brief wegen des hohen Stresses in der Produktion und der Art der Kommunikation über weite Strecken das Misstrauen aus.

Will Diess jetzt den Spieß umdrehen, ein Bekenntnis zu seinem Kurs erzwingen? Sucht er Bestätigung durch eine Vorfestlegung der höchsten Entscheider? Aus Konzernkreisen ist mitunter zu hören, der 62-Jährige könnte seine VW-Zukunft von dieser Vertrauensfrage abhängig machen. An diesem Dienstag will sich das Präsidium des Aufsichtsrats treffen. Die Sitzung habe vorbereitenden Charakter, heißt es. Der engste Zirkel der Kontrolleure spreche die Themen für die nächste größere Runde durch. Nach bisheriger Planung soll es nicht um Vertragsfragen gehen. Es sei denn, der Vorstandschef macht sich selbst zum Thema.

Wachsender Unmut

Die zuständigen Unternehmenssprecher wollen keine Stellung nehmen. Aber auch sonst mutet die Stille bisweilen vielsagend an. Bei manchem Insider ist hinter vorgehaltener Hand wachsender Unmut herauszuhören. Eigentlich habe VW, habe die Wirtschaft zurzeit andere Probleme als sich mit dem Vertragspoker ehrgeiziger Manager und atmosphärischen Dauerdifferenzen zu befassen, heißt es etwa. Während die Belegschaft in Corona-Zeiten alle Mühe habe, den Laden am Laufen zu halten.

Nach außen demonstriert man Rückendeckung, doch die Geduld dürfte nicht unendlich sein. „Die Eigentümer stehen weiter hinter Herrn Diess“, lautete die bekannte Formel, als jüngst dessen angebliche Vorstellungen zur Nachbesetzung von Vorstandsressorts durchsickerten. Es sei jedoch nicht so weit, hier Pflöcke einschlagen zu müssen, stellten Aktionärsvertreter klar. Gleiches gelte für eine frühzeitige Verlängerung mit Diess: „Die Frage stellt sich derzeit nicht.“

Es ist kein Geheimnis, dass der Vorstandschef seit der Vorhaltung von „Straftaten“ und „Zeichen fehlender Integrität“ an die Adresse einiger Aufseher unter einer Art Bewährung steht. Im engsten Machtzirkel sitzen neben Chefkontrolleur Hans Dieter Pötsch Vertreter der Familien Porsche/Piëch, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), IG-Metall-Chef Jörg Hofmann und hohe Betriebsräte.

Große Investoren beobachten ebenfalls genau, ob die Nagelprobe gelingt, die ID-Familie und weitere Elektrofahrzeuge mit komplexer Software nach Anlaufproblemen in ausreichender Zahl an die Kunden zu bringen. Aber das Verkaufen von Autos ist nicht alles: An einem guten Verhältnis zur IG Metall und zum zweitgrößten Anteilseigner Niedersachsen führte für alle bisherigen VW-Chefs kein Weg vorbei.

Wenig Harmonie mit Arbeitnehmervertretern

Zum Festakt zu 75 Jahren Mitbestimmung im Konzern kam vorige Woche auch Altkanzler Gerhard Schröder - der Vorstand, bis auf Personalchef Gunnar Kilian, fehlte. Schröder, von 1990 bis 1998 Ministerpräsident, betonte in seiner Rede: „Die enormen Produktivitätsfortschritte, die deutsche Unternehmen und die Wirtschaft gemacht haben, waren und sind nur durch das vertrauensvolle Zusammenwirken von Betriebsräten auf der einen und Unternehmensleitungen auf der anderen Seite möglich.“

Diess schickte ein Grußwort. Darin der Satz: „Effizienzsteigerungen sind notwendig und für den Fortbestand von Unternehmen nicht zu unterschätzen. Hier haben wir bei Volkswagen noch Nachholbedarf.“ Er wünsche „den Vertretern der Mitbestimmung eine glückliche Hand“.

Betriebsratschef Bernd Osterloh - Mitglied im Aufsichtsratspräsidium - sagte: „Bei uns geht es immer um nachhaltige Konzepte gleichermaßen für Beschäftigungssicherung und Wirtschaftlichkeit.“ Er und Diess waren im Frühjahr erneut aneinandergeraten, als Beschäftigte über immer mehr Druck an den Linien klagten. Seither wird Harmonie beteuert - hinter den Kulissen will man sich aber noch nicht klar zur Vertragsfrage positionieren. Ministerpräsident Weil sagte, er lege „größten Wert darauf“, mit den Betriebsräten auch während des harten Umbruchs zur E-Mobilität und Digitalisierung eng zusammenzuarbeiten.

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