Detroit: Gute Stimmung im Boom-Land USA

Autor / Redakteur: sp-x/aw / Andreas Wehner

Die glänzenden Verkäufe in den USA sorgen für fröhliche Gesichter. Auf der Autoshow in Detroit wollen in- und ausländischen Hersteller den Trend bestärken – mit rassigen Sportwagen und neuen Nischen-Modellen.

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(Foto: General Motors)

Wenn die Auto Show in Detroit ein Indikator für den Verlauf der kommenden Monate ist, wird 2013 ein gutes Jahr. Selten sah man auf der ersten großen Branchenschau des Jahres so viele lächelnde Gesichter und gut gelaunte Mienen. Der US-Markt hat 2012 deutlich zugelegt und wird wohl weiter wachsen. Das verspricht gute Geschäfte.

Auch eine der wichtigsten Premieren der diesjährigen Messe-Ausgabe kann als Zeichen für Optimismus gelten: das Debüt der siebten Generation der Chevrolet Corvette. Die Neuauflage der Sportwagenikone war in den vergangenen Jahren immer wieder verschoben worden, 2007 stellte General Motors die Entwicklung sogar kurzzeitig ein. Nun aber will man sich wieder ein Prestigemodell leisten.

Mit rund 30.000 verkauften Fahrzeugen pro Jahr ist die wirtschaftliche Bedeutung zwar gering, doch um in der Spitzengruppe der internationalen Automobilhersteller mitzuhalten - vor allem gegen die europäische Konkurrenz - braucht der Konzern einen zweisitzigen Sportwagen. Als Symbol für das neue Selbstverständnis erhält die Corvette wieder den Beinamen Stingray, mit dem 1963 die Erfolgsgeschichte des einzigen ernstzunehmenden US-Sportwagens neben Chryslers Viper erst richtig begann.

Bei all der Hysterie – sogar die Türme der Firmenzentrale trugen zum Messestart das Corvette- statt des GM-Logos – tritt der eigentliche Umsatzgarant dezent in den Hintergrund. Um nicht komplett im Schatten des Sportwagens unterzugehen, wurde die Premiere des Pickup-Modells Silverado kurzerhand um zwei Wochen vorgezogen. In Detroit ist die Nummer zwei der US-Bestsellerliste jedoch erstmals öffentlich zu sehen.

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Aber auch die deutschen Hersteller sind bester Stimmung. Im vergangenen Jahr konnten sie ihren Absatz bei den Light Vehicles (Pkw und Light Trucks) in den USA um 21 Prozent auf rund 1,27 Millionen erhöhen. „Das Autojahr 2012 ist damit für unsere Hersteller das bislang erfolgreichste überhaupt auf dem US-Markt“, sagte der Präsident des Verbands der Automobilindustrie, Matthias Wissmann. Der gesamte US-Markt war um 13 Prozent auf 14,4 Millionen Fahrzeuge gewachsen.

Auch für 2013 ist der VDA optimistisch. „Angesichts der Modelloffensive, die unsere Mitgliedsunternehmen in Detroit zeigen, spricht alles dafür, dass wir auch im achten Jahr in Folge in Nordamerika zulegen werden“, sagte Wissmann.

Damit der positive Trend anhält, hat beispielsweise Mercedes eigens ein neues Einstiegsmodell für die US-Kundschaft entwickelt, das viertürige Kompakt-Coupé CLA. Unterhalb der C-Klasse angesiedelt, soll es mit dynamischem Styling und relativ günstigen Preisen künftig vor allem Neukunden locken. In Deutschland, wo der Einstig in die Mercedes-Welt mit der in den USA nicht angebotenen A-Klasse startet, wird der CLA ab April ebenfalls angeboten. Auf der Messe selbst steht aber die umfassend geliftete E-Klasse im Zentrum des Daimler-Standes. Mit geglättetem Design und neuen Assistenzsystemen soll sie den verlorenen Boden gegenüber Audi A6 und BMW 5er wieder gut machen.

Wie wichtig das US-Geschäft mittlerweile ist, zeigt auch Volkswagens neue Studie Cross Blue. Die speziell für den amerikanischen Markt entwickelte Langversion des Tiguan könnte ab 2015 die ideelle Nachfolge des gemeinsam mit Chrysler gebauten Vans Routan antreten. Mit fünf Metern Länge, einem Radstand von drei Metern, sechs bis sieben Sitzplätzen und im beliebten SUV-Stil soll er die aus Normalversion und Coupé bestehende Tiguan-Familie ergänzen. Für den Antrieb sorgt zumindest in der Studie eine Kombination aus Diesel und zwei Elektromotoren.

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Vergleichsweise gelassen geht BMW das neue Jahr an. Neben dem 412 kW/560 PS starken M6 Gran Coupé in der Serienversion gilt das Interesse vor allem zwei Studien, deren Serienversionen noch für das laufende Jahr erwartet werden. Das 4er Coupé Concept gibt dabei den Startschuss für die neue 4er-Reihe, die die ehemals der 3er-Familie zugeschlagenen Mittelklasse-Coupés und Cabrios umfasst. Die Neubenennung zum Generationswechsel leitet gleichzeitig eine Höherpositionierung von Coupé und Cabrio ein – was sich an Motorenauswahl, Ausstattung und vor allem am Preis zeigen dürfte.

Audi punktet mit Leistung

Weniger Wert auf ökologische Überlegungen legen in Detroit Audi und Porsche. Die Ingolstädter zeigen mit dem SQ5 eine 354 PS starke Hochleistungsversion des Q5, die dem deutschen Markt jedoch vorenthalten bleibt. Außerdem dabei: die RS-Version des A7 Sportback mit 560 PS. Die Konzernschwester aus Zuffenhausen hat als Premiere den Cayenne Turbo S mit 405 kW/550 PS im Programm.

Auch die Japaner setzen in Detroit selbstbewusste Zeichen. Mit dem Supersportwagen NSX hat Honda sogar einen der Messehöhepunkte am Start. Die Neuauflage des Nippon-Ferraris aus den neunziger Jahren soll dank V6 und zweier Elektromotoren überlegene Fahrleistungen und niedrigen Verbrauch kombinieren.

Toyota-Tochter Lexus zeigt erstmals sein Mittelklassemodell IS. Die Limousine orientiert sich nun stärker am größeren Bruder GS und erhält neben konventionellen V6-Benzinern auch einen Hybridantrieb. Ohne die Spritspartechnik muss zunächst der Infiniti Q50 auskommen. Die Limousine tritt die Nachfolge des Infiniti G an und ist das erste Modell der Nissan-Tochter, das nach der neuen Q-Nomenklatur benannt ist.

Leidtragender der guten Konjunktur ist das Elektroauto. Anders als in den Vorjahren haben die Stromer ihre prominente Stellung auf den Messeständen eingebüßt. Noch vor wenigen Monaten, als in den Vereinigten Staaten die Benzinpreise stiegen, die Abhängigkeit vom Öl der Anderen für manchen Amerikaner unerträglich wurde, da prangte das Kürzel EV in allen Schattierungen auf den Exponaten der Automessen in der Neuen Welt. Electric Vehicle, Elektrofahrzeuge, die schienen das Allheilmittel gegen hohe Treibstoffpreise und drohende Immobilität in Amerika zu sein. Das Jahr 2013 hingegen offenbart eine ausgeprägte Abstinenz elektrisch angetriebener Autos auf Automesse in Detroit.

Der Grund: Neu entdeckte Vorkommen an Erdöl und Erdgas haben in den Vereinigten Staaten zu einer Wende am Energiemarkt geführt. „Fracking“ heißt die Methode, bislang verborgene und nicht nutzbare fossile Brennstoffe zu fördern. Unter hohem Druck werden Chemikalien und Wasser in die Bohrlöcher gepumpt, um die begehrten Ressourcen aus dem tiefen Gestein zu fördern.

Das ist nicht unumstritten, in manchen Regionen des Landes wird von plötzlichen Stichflammen aus Wasserhähnen berichtet, da sich das Gas schon mal eigene Wege sucht, um an die Oberfläche zu gelangen. Strömt es an den eigentlich dafür vorgesehenen Leitungen vorbei, kann es ins Trinkwasser gelangen und tritt über die heimischen Zapfstellen aus, kann sich gar entzünden.

Aber Amerika wittert Morgenluft. Endlich scheint ein Weg gefunden, dem geliebten Blubbern der Verbrennungsmotoren weiter lauschen zu können. Und so sind es nur wenige Autos in der Detroiter Cobo Hall, die weiter auf den elektrischen Antrieb setzen. Tesla stellt die Studie X-Concept vor, einen Sechssitzer mit Flügeltüren im Fond, der eine Batterie statt des Tanks und eine E-Maschine statt des Verbrennungsmotors hat. Und Cadillac schiebt den ELR in Scheinwerferlicht, ein Derivat des Chevrolet Volt und des Opel Ampera mit dem gleichen Antriebsstrang wie diese, nur in edlerer Ausführung. Nissan ist natürlich auch dabei, avisiert den Leaf in einer etwas einfacheren und damit billigeren Ausstattungsversion. BMW hat natürlich die bereits gezeigten Konzept-Autos der i-Baureihe dabei.

Die anderen deutschen Hersteller haben sich ohnehin eher bedeckt gehalten bei der Entwicklung elektrischer Antriebe. Gewiss habe man geforscht und konstruiert, aber im Grunde seien Elektrofahrzeuge nur ein probates Mittel, um die Vorgaben zur Reduzierung der CO-Emissionen der Flotte zu erreichen, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Die vollmundigen Ankündigungen eines rein elektrisch betriebenen Automobils wurden so buchstäblich in letzter Sekunde vor der Markteinführung widerrufen. Einen Audi E-Tron wird es nicht wie avisiert in diesem Jahr geben, wenn überhaupt.

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Unentwegt geben sich chinesische Anbieter dem elektrischen Gedanken hin. Wohl rein zufällig sieht der E-Jet der GAC Group dem CLA von Mercedes-Benz mehr als ähnlich. Er erinnert zumindest stark an das Konzeptfahrzeug, das die Stuttgarter im vergangenen Jahr präsentierten. Und: Der E-Jet fährt elektrisch.

Auch Nissan setzt weiter konsequent auf die Elektrifizierung des Automobils. Dem Vernehmen nach plant die Marke ein neues Werk in den Vereinigten Staaten, das eine Kapazität von 150.000 Fahrzeugen im Jahr haben soll. Vorzugsweise könnten dies Leaf-Modelle sein. Bislang allerdings hat Nissan in Amerika keine Verkaufserfolge erzielt, die diese Entscheidung plausibel machen. Gerade 10.000 Leaf wurden bisher zugelassen. Aber – die nächste Krise kommt bestimmt.

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