IAA Mobility Die Autozulieferer entdecken neue Welten

Autor: Jan Rosenow

Neue Mobilität statt klassischer Autohersteller bei der IAA? Daran passen sich auch die Zulieferkonzerne an. Ein Überblick über die Novitäten vom elektronischen Superhirn für autonome Fahrzeuge bis hin zu Motoren für Transportdrohnen.

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Brose-Elektromotoren sollen in Zukunft nicht mehr nur in Autos und Fahrrädern, sondern auch in Drohnen zu finden sein.
Brose-Elektromotoren sollen in Zukunft nicht mehr nur in Autos und Fahrrädern, sondern auch in Drohnen zu finden sein.
(Bild: Michael Fleischmann)

Die neue IAA Mobility, die vom 7. bis zum 12. September in München stattfindet, will die Mobilitätsbranche in ihrer ganzen Vielfalt darstellen. Und schon heute gibt es ja viele neue Fahrzeugkonzepte, die das klassische Duo aus Pkw und Nutzfahrzeugen ergänzen und auch ein Stück weit ersetzen. Seien es fahrerlose Transportsysteme (sogenannte People Mover), elektrisch unterstützte Tretroller oder Lastenfahrräder für den innerstädtischen Transport – hier entstehen neue Produktsegmente mit großen Stückzahlen, die auch für Autozulieferer als Absatzmarkt interessant sind.

Zumal die Antriebstechnik in diesen Marktbereichen prinzipiell die gleiche sein wird: nämlich der Elektroantrieb. Und so prägen vor allem Neuheiten für die Elektromobilität das Ausstellungsprogramm der Zulieferunternehmen. Beispielsweise bei Schaeffler: Der fränkische Konzern, der mit dem früher oft verwendeten Begriff „Wälzlagerspezialist“ nur noch sehr unzureichend beschrieben werden kann, stellt in München neben erwartbaren Lager- und Dämpfertechniken für Hybridgetriebe auch eine neue 800-Volt-Leistungselektronik für E-Achssysteme sowie ein hochintegriertes Thermomanagement-System vor.

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Die skalierbare Leistungselektronik ermöglicht Dauerleistungen von bis zu 330 kW und Spitzenleistungen von bis zu 500 kW. Außerdem hat die Komponente einen großen Einfluss auf die Effizienz des Antriebsstrangs. Schaeffler hat nach eigenen Angaben die Verlustleistung im Vergleich zur bisherigen Technik verringert und erreicht in manchen Lastbereichen Wirkungsgrade von über 99 Prozent. Dies steigert die Gesamtreichweite von Elektrofahrzeugen merklich. Durch die 800-Volt-Spannungslage sind zudem deutlich höhere Ladegeschwindigkeiten möglich. Schaeffler kombiniert das neue Produkt auf Wunsch zu einem komplett integrierten E-Antrieb aus Motor, Getriebe und Leistungselektronik, der sich an unterschiedlichste Fahrzeugplattformen anpassen lässt.

Autonome Fahrzeuge wie jene People Mover, die gar keinen Fahrereingriff mehr brauchen, können auch auf die klassischen Bedienelemente wie Lenkrad und Pedale verzichten. Und bei teilautonomen Fahrzeugen sind neue Innenraumkonzepte denkbar, bei denen sich beispielsweise das Lenkrad wegklappen lässt. Schaeffler ist auf beide Trends vorbereitet und präsentiert auf der IAA den Hand Wheel Actuator (HWA), der das klassische Lenkrad mit mechanischer Lenksäule durch mechatronische Aktuatorik ersetzt. In Kombination mit dem Steer-by-Wire-System Space Drive sowie mechatronischen Aktuatoren am Lenkgetriebe ergibt sich eine intelligente Vorderachslenkung. Space Drive ist eine Schlüsseltechnik für das autonome Fahren, weil es Fahr- und Lenkbefehle in Form von elektronischen Signalen via Kabel auf die Räder überträgt.

Schaeffler: Halle B3 A80

Bosch: Batteriezustand wird dokumentiert

Das Bosch-Ausstellungsprogramm auf der IAA zeigt einige Parallelen zu dem von Schaeffler. Die E-Achse des Stuttgarter Konzerns kombiniert ebenfalls Leistungselektronik, Elektromotor und Getriebe zu einer Einheit. Noch einen Schritt weiter geht das sogenannte Advanced Driving Module, ein Zusammenspiel von Antrieb, Lenkung, Bremse und Fahrzeugsteuerung, das gemeinsam mit Partnern zu einem kompletten Achsmodul für Vorder- und Hinterachse verbaut wird.

Vor allem für automatisierte Fahrzeuge ist eine möglichst genaue Fahrzeuglokalisierung wichtig – über das Maß hinaus, das GPS allein bietet. Für die hochgenaue Eigenlokalisierung bietet Bosch ein umfassendes Paket aus Hardware, Software und Services. Der Bewegungs- und Positionssensor VMPS (Vehicle Motion and Position Sensor) nutzt zur exakten Positionsbestimmung Signale der Satellitennavigation. Er ergänzt sie um Daten eines Korrekturservices sowie um Informationen der Lenkwinkel- und Raddrehzahlsensoren.

Autohändler wiederum dürften besonders am Projekt „Battery in the Cloud“ interessiert sein, das Bosch in München vorstellt. Eine Softwarefunktion analysiert hier kontinuierlich den Zustand der Batterie und ergreift Maßnahmen gegen die Zellalterung. Mit dem „Usage Certificate“ wird der aktuelle Zustand der Batterie zudem während der gesamten Lebensdauer manipulationssicher dokumentiert. Das verbessert die Abschätzung des Restwerts der Batterie beim Wiederverkauf.

Bosch: Halle B3 C30

Brose: Elektromotoren für Transportdrohnen

Bosch hat sich auch längst auf dem erfolgreichsten Feld der modernen Mikromobilität als Marktführer etabliert: den elektrisch unterstützten Fahrrädern oder Pedelecs. Auf diesem Markt folgen den Stuttgartern nun auch andere Anbieter, beispielsweise Brose. Der Coburger Zulieferer kommt aus der Produktion von elektrischen Fensterhebern und kennt sich dementsprechend mit Elektromotoren aus.

Bei E-Bikes hat sich der Zulieferer bereits als Systemlieferant für Antriebe, Displays und Akkus etabliert. Jetzt überträgt das Unternehmen seine Kompetenz aus der Automobilindustrie auf weitere Bereiche der Mikromobilität. Auf der IAA Mobility in München zeigt Brose neue Antriebskonzepte für E-Roller und sogar Transportdrohnen, die eine Reichweite von bis zu 20 Kilometern haben sollen. Die ersten mit Brose-Motor ausgestatteten Prototypen sollen 2021 abheben.

Brose: Halle B1 B60

ZF: Superhirn vom Bodensee

Ein weiterer Trend in der Automobilbranche ist der Ersatz der vielen einzelnen Steuergeräte im Auto durch einen Zentralrechner oder wenige sogenannte Zonenrechner mit hoher Leistung. Hier setzt die ZF Friedrichshafen AG mit dem Supercomputer Pro AI an, den der Konzern auf der IAA Mobility erstmals in Europa vorstellt.

Pro AI ist für alle Stufen des automatisierten oder autonomen Fahrens geeignet. Der Rechner bietet eine Grafikprozessor-gesteuerte 360-Grad-Fusion aller verfügbaren Sensordaten einschließlich Umgebungsmessdaten von Kameras, Radar, Lidar und Mikrofonen.

ZF: Halle A1 B60

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Über den Autor

 Jan Rosenow

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Ressortleiter Service & Technik, Vogel Communications Group