Digitale Beifahrer erhöhen Komfort und senken Kosten

Telematikkonzepte der Automobilhersteller und Versicherungen

| Autor: Simon Ruppert

Der Telematiktarif Drive Check von Axa gilt nur für die private, nicht die gewerbliche Nutzung.
Der Telematiktarif Drive Check von Axa gilt nur für die private, nicht die gewerbliche Nutzung. (Bild: Axa)

Die gesetzlich vorgeschriebene Einführung des E-Calls in Neufahrzeugen seit April 2018 eröffnet Herstellern die perfekte Basis, um vielfältige Telematikdienste anzubieten. Die ab Werk verbauten Sensoren, Speichermedien und Internetzugänge erlauben es aber nicht nur, Informationen ins Fahrzeug zu übertragen, sondern registrieren auch Vorlieben des Fahrers, Fahrweise und technischen Zustand des Autos und senden diese Daten an die Hersteller. Diese generieren daraus zielgerichtete (Werbe-)Angebote und erkennen zudem auch anstehende Servicearbeiten.

So kann der Fahrer aus dem Auto heraus gleich einen Termin in einer entsprechenden Vertragswerkstatt vereinbaren. Diverse Marktbeobachter rechnen damit, dass bis 2025 rund 40 Prozent aller Neufahrzeuge mit einer Telematiklösung des Herstellers ausgerüstet sind und die Automobilhersteller diese Fahrzeuge somit gezielt in die Vertragswerkstätten steuern werden. Der Gesamtverband Autoteilehandel (GVA) befürchtet, dass damit das Gleichgewicht im Servicemarkt weiter zuungunsten des freien Aftermarkets verschoben wird.

Parkplatz in Echtzeit

Welche Möglichkeiten die neue Technik bietet, zeigen beispielhaft die aktuellen Angebote von Audi, BMW und Mercedes. So fährt der neue Audi Q8 serienmäßig mit dem Infotainmentsystem MMI-Navigation-Plus inklusive integriertem Audi-Connect-Datenübertragungsmodul vor. Damit kommt neben einem WLAN-Hotspot auch der schnelle Übertragungsstandard LTE Advanced ins Auto und ermöglicht Datenübertragungsraten bis zu 300 MBit/s im Download und bis 50 MBit/s im Upload. Davon profitiert zunächst die Navigation. Die Routenplanung erfolgt online auf den Servern des Karten- und Navigationsdienstleisters Here, der dafür Echtzeitdaten aus der gesamten Verkehrslage einbezieht. Sollte die Datenverbindung abreißen, wechselt das System auf die parallel mitlaufende Onboard-Zielführung. Über die erweiterte Point-of-Interest-Anzeige kann der Fahrer aus der Navigation auf Orte wie Tankstellen und Parkhäuser zugreifen und erhält Zusatzinformationen wie Kraftstoffpreise, Verfügbarkeit von Parkplätzen oder Öffnungszeiten.

Pro Jahr kann der Kunde vier kostenlose Karten-Updates laden – in Verbindung mit Audi Connect sogar over the air. Die Onlineservices von Audi Connect ergänzen die Navigation mit einer Verkehrszeichen- und Gefahreninformation. Für 2019 ist außerdem vorgesehen, On-Street-Parking einzuführen, um die Parkplatzsuche zu erleichtern. Mit dem Paket „Audi Connect Notruf & Service“ erhält der Kunde zudem die Funktionen Notruf, Online-Pannenruf und Audi-Servicetermin online. Darin enthalten sind auch Remote-Funktionen, mit denen der Fahrer sein Auto aus der Ferne per Smartphone steuern kann. Über die My-Audi-App kann der Fahrer sein Fahrzeug ver- und entriegeln, den aktuellen Fahrzeugstatus und die Parkposition einsehen sowie die optionale Standheizung programmieren.

Wartungsmanagement und Telediagnose

Auch Mercedes bietet mit Mercedes Me Connect umfassende digitale Services – zum Beispiel die für den Werkstattmarkt besonders interessanten Basisdienste Wartungsmanagement und Telediagnose. Das Wartungsmanagement erkennt und meldet frühzeitig den bevorstehenden Wartungsbedarf. Zudem übermittelt das Fahrzeug alle wartungsrelevanten Daten an den Mercedes-Benz-Servicepartner, damit dieser ein passendes Angebot (inklusive Preis) für die anfallenden Arbeiten erstellen kann. Die Terminanfrage für die Wartungsarbeiten kann der Fahrer bequem im Mercedes-me-Portal erledigen. Das System übermittelt dabei die Adresse des Servicepartners direkt an das Navigationssystem. Die Telediagnose liefert frühzeitig Informationen über den notwendigen Austausch wichtiger diagnosefähiger Verschleißteile wie z. B. der Bremsbeläge. Im Bedarfsfall überträgt das Fahrzeug alle weiteren relevanten Daten automatisch an den Mercedes-Benz-Servicepartner.

Dienstpakete

Bei BMW kann der Kunde im Rahmen von Connected Drive aus vier Paketen unterschiedlichen Umfangs wählen. Die kostenpflichtigen digitalen Services enthalten jeweils das Modul Car Data. Darüber hat der Nutzer die Möglichkeit, ein Datenarchiv anzufordern, das ihm Einblick in die an BMW gesendeten und dort gespeicherten Daten gewährt. Außerdem kann er die Daten zur Übermittlung an Dritte, z. B. seine Vertragswerkstatt, freigeben. Diese können dann direkt die Telematikdaten vom BMW-Server abfragen.

Möchte der Kunde generell keine Datenübertragung an BMW, so kann er die SIM-Karte im Fahrzeug deaktivieren lassen, muss dann aber auch auf alle anderen Dienste von Connected Drive verzichten. Über die Kundenhotline kann er außerdem veranlassen, dass die bisher gesammelten Daten komplett gelöscht werden. BMW versichert außerdem, Telematikdaten nur so lange zu speichern, wie sie für die Ausführung oder die Abrechnung eines Dienstes benötigt werden. Bewegungsprofile aus den Navigationsdaten erstellt BMW nicht.

Versicherungen bieten Telematiktarife

Auch die Kfz-Versicherer nutzen die Digitalisierung und bieten ihren Kunden Telematiktarife. Jeder vierte deutsche Autofahrer kann sich vorstellen, einen Telematik-Versicherungstarif abzuschließen, so das Ergebnis einer repräsentativen GfK-Umfrage im Auftrag des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft von 2016. Damals brachten mehrere Versicherungsunternehmen solche Angebote auf den Markt, die neben den klassischen Tarifierungsmerkmalen auch die elektronische Aufzeichnung des Fahrverhaltens einrechnen. Primär richteten sich diese Angebote an junge Fahrer, um sie zu umsichtiger Fahrweise zu animieren. Mittlerweile haben einige Versicherer das Angebot auf die gesamte Kundschaft ausgedehnt.

So hat die HDI mit Diamond Drive einen Telematiktarif im Angebot, der zwar besonders für junge Fahrer interessant ist, die mit hohen Anfängerprämien belastet sind, aber auch allen anderen zur Verfügung steht. Dabei zeichnet eine App auf dem Smartphone alle Daten auf, die es aus den GPS- und Sensordaten des Handys zum Fahrverhalten gewonnen hat, und bewertet diese. Interessenten können die App vor Vertragsabschluss testen, auch wenn sie Kunde anderer Versicherungsunternehmen sind. Bis zu 30 Prozent Prämie lassen sich bei entsprechender Fahrweise sparen, fünf Prozent Rabatt gewährt die Versicherung bereits bei Vertragsabschluss.

Die Axa-Versicherung arbeitet im Tarif Drive Check ebenfalls mit einer App und verzichtet bewusst auf den Einbau einer permanent aufzeichnenden Box, „um eine kostenlose und freiwillige Lösung anzubieten“. Innerhalb von zwölf Wochen nach der Registrierung muss der Kunde seine Fahrweise bewerten lassen, um bis zu 15 Prozent Rabatt zu erhalten. Das Axa-Angebot richtet sich an Fahrer bis zum 30. Lebensjahr.

Auch die HUK hatte einen Telematiktarif im Angebot, der aber zurzeit ausgesetzt ist. Grund: Die Nachfrage nach der Aufzeichnungsbox war so groß, dass sie seit einiger Zeit ausverkauft ist, erläutert eine Sprecherin der Versicherung. Noch im ersten Halbjahr 2019 soll aber ein neues Telematikprodukt an den Start gehen, das dann nicht mehr nur für junge Fahrer verfügbar ist, sondern für alle HUK-Versicherten gilt. Statt einer Box soll eine Vignette für die Windschutzscheibe zum Einsatz kommen. Zur genauen Ausgestaltung und Funktion dieser Vignette konnte die HUK derzeit allerdings noch keine Angaben machen.

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