Digitale Monokulturen gefährden Wettbewerb

Drittanbieter wollen wie Hersteller mit Fahrzeug und Fahrer kommunizieren

| Autor: Simon Ruppert

Dank eigener Telematiksysteme haben die Hersteller die Fahrzeugdaten fest im Griff.
Dank eigener Telematiksysteme haben die Hersteller die Fahrzeugdaten fest im Griff. (Bild: © vegefox.com - stock.adobe.com)

Nachdem der Zugang zu den Wartungs- und Reparaturdaten der Hersteller durch die aktuelle GVO geregelt ist, droht neues Ungemach. Die Hersteller bauen Telematiksysteme in ihre Fahrzeuge ein, um sie zu vernetzen. Dadurch entsteht aus Sicht der verschiedenen Verbände erneut eine Kräfteverschiebung zuungunsten des Kfz-Aftermarkets. Die Branchenverbände GVA, ZDK, VdTÜV, GDV und ADAC fordern deshalb, dass die Fahrzeugvernetzung wettbewerbs- und verbraucherfreundlich gestaltet werden muss. Vorrangig geht es dabei darum, Dritten einen diskriminierungsfreien Zugang zu den Fahrzeugdaten und zum Kunden zu gewähren, um „wettbewerbsschädliche und verbraucherunfreundliche Datenmonopole“ zu verhindern. Denn durch die herstellerseitig verbauten Telematiksysteme drohen digitale Monokulturen, die den Wettbewerb im Reparatur- und Servicemarkt gefährden, da der freie Markt vom Datenstrom abgeschnitten wird.

Genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Aus Sicht der Verbände reicht es nicht aus, einen diskriminierungsfreien Zugang zu den Fahrzeugdaten zu schaffen. Vielmehr müssen Drittanbieter auch die Möglichkeit haben, mit dem Fahrzeug und dem Fahrer bidirektional zu kommunizieren, also Nachrichten direkt auf das Fahrzeugdisplay senden können, wie es die Hersteller tun. Bislang werden sie durch die Telematikverträge zwischen Herstellern und Kunden weitgehend ausgeschlossen. Aus Sicht der Verbände ist deshalb der Gesetzgeber gefordert, einen legislativen Rahmen zu schaffen, der die Wahlfreiheit der Kunden und faire Wettbewerbsbedingungen sicherstellt. Als einzige Lösung sehen die Verbände die Einführung einer offenen Telematikplattform (OTP) im Fahrzeug.

Bosch Car Service Connect & OBD-Dongle

Die Teilnehmer des freien Marktes haben diese Problematik ebenfalls erkannt und versuchen, mit eigenen Konzepten das Beste aus der Situation zu machen. Das gelingt mal mehr, mal weniger. So hat Bosch in den vergangenen Jahren seine Drivelog-Technologie immer wieder verbessert. Doch mangels geschäftlichen Erfolgs und fehlender Partner stellte das Unternehmen Ende 2018 den Drivelog-Betrieb ein.

Das Konzept des offenen „Workshop Cloud Service“ lebt jetzt unter dem Namen „My Bosch Car Service“ weiter und soll 2019 für die Bosch-Car-Service-Werkstätten in Deutschland eingeführt werden. Das Onlineportal dient etwa der Onlineterminvereinbarung und stellt Informationen rund um das Kundenfahrzeug zur Verfügung. Die App „Bosch Car Service Connect“ in Verbindung mit einem OBD-Dongle unterrichtet den Fahrer in Echtzeit über den Fahrzeugzustand, dokumentiert Fehlermeldungen und ermöglicht die direkte Kontaktaufnahme, Fehlercodeübertragung und Terminvereinbarung mit einem Bosch-Partner. Damit auch Unternehmen, die den B2B-Marktplatz Caruso nutzen, den Dongle einsetzen können, wurde der Werkstattbuchungsprozess dort Ende 2017 in eine Pilotversion integriert. Die Komplettierung des Systems erfolgt dieses Jahr. Danach können Caruso-Teilnehmer die Terminvereinbarung mit geringem Aufwand in ihre Konzepte integrieren.

Continental Remote Vehicle Data & Dongle

Auch Continental bietet ein Telematikkonzept an. Basis ist die RVD-Plattform (Remote Vehicle Data) in Verbindung mit einem Dongle. Die Plattform stellt markenübergreifende Fahrzeugdaten in einem einheitlichen Format zur Verfügung, die als Grundlage für Serviceangebote dienen. Dabei fokussiert sich Continental auf herstellerspezifische Daten wie dynamische Serviceintervalle, Bremsenverschleiß, Ölfüllstände und Fehlercodes. Damit will das Unternehmen Werkstattprozesse, etwa die vorzeitige Ersatzteilbestellung, verbessern, die Auslastung der teilnehmenden Betriebe erhöhen und Kunden zielgerichteter ansprechen können.

Ergänzendes zum Thema
 
Experten-Interview: „Wir brauchen den Zugang zum Fahrzeug“

Matthies setzt auf Carsepia & Dongle

Der Großhändler Matthies wiederum bietet auf der RVD-Grundlage seine Carespia-Plattform für den freien Markt an. Er plant, bis Ende 2019 eine fünfstellige Zahl an Bluetooth- oder SIM-Dongles in Kundenfahrzeugen zu installieren. „Mit Carespia sind wir einer der ersten Anbieter eines Pakets, das die Vernetzung von Kundenfahrzeugen und freier Werkstatt ermöglicht“, betont Stefan Onken, einer der Geschäftsführer bei Matthies. Der Dongle wird mit der Carespia-App auf dem Smartphone des Kunden gekoppelt. Die App überträgt anschließend die Daten in die Cloud-Lösung der Remote-Vehicle-Data-Plattform von Continental, wo die Daten analysiert werden. Auf diese Daten greift Carespia zu und informiert bei Abweichungen den Autofahrer sowie die zuständige Werkstatt.

Carat Drivemotive Connect & OBD-Dongle

Seit Januar 2019 bietet die Carat-Gruppe die unter dem Arbeitstitel „Mecanto“ initiierte Onlineplattform Drivemotive an. Mittels OBD-Dongle und der Autofahrer-App Drivemotive-Connect erhält der Kunde Fahrzeugdaten und Fehlercodes in Echtzeit auf sein Smartphone, kann ein elektronisches Fahrtenbuch nutzen oder einen E-Call nachrüsten. Angemeldete Werkstätten haben über ein Werkstatt-Dashboard Zugriff auf die Kunden- und Fahrzeugdaten; die App ermöglicht die direkte Kontaktaufnahme.

Inhalt des Artikels:

Kommentare werden geladen....

Ihr Kommentar zum Thema

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de/ (ID: 45945472 / Autohaus und Servicemanagement )

Plus-Fachartikel

Byton: „Ein digitales Erlebnis“

Byton: „Ein digitales Erlebnis“

45.000 Euro netto will das chinesische Start-up Byton für sein Elektro-SUV M-Byte verlangen. Nach dem Start in China Anfang 2020 soll das Auto ein Jahr später auch nach Europa kommen. Byton-Manager Andreas Schaaf erläutert die Pläne des Fabrikats. lesen

Caroobi: Räuber oder Robin Hood?

Caroobi: Räuber oder Robin Hood?

Caroobi schaltet sich immer häufiger zwischen freie Werkstatt und Endkunde. Aus Sicht der Berliner geschieht das nur zum Vorteil der Betriebe. Die künftigen Pläne des Start-ups erläutert Geschäftsführer Philipp Grosse Kleimann. lesen