Ein Jahr E-Scooter: Mehr Frust als Fortschritt

Kaum ein Beitrag zur grünen Verkehrswende

| Autor: dpa/gr

E-Sccoter haben sich in vielen deutschen Städten verbreitet. Zur gewünschten Verkehrswende tragen sie aber kaum bei.
E-Sccoter haben sich in vielen deutschen Städten verbreitet. Zur gewünschten Verkehrswende tragen sie aber kaum bei. (Bild: gemeinfrei / Pixabay)

Für die einen stehen sie für moderne Mobilität, andere warnen vor Chaos und Unfallgefahren: Elektro-Tretroller sind nun schon seit einem Jahr im deutschen Straßenverkehr unterwegs. Zum ersten Jubiläum haben sich die kleinen Gefährte vor allem zu einem Großstadtphänomen entwickelt – eine breite Verkehrswende ausgelöst haben sie bisher nicht. Akutes Thema ist nach wie vor die Sicherheit. Die Städte fordern dafür weitere Regelungen. Auch eine Helmpflicht und Abhilfe gegen wackeliges Abbiegen bleiben in der Diskussion.

Zum Einjährigen geäußert hat sich am Montag der ADAC. Der Autofahrerclub sieht durch die neuen Fahrgeräte keine nachhaltige Entlastung von Umwelt und Verkehr. Die meisten E-Scooter seien Leihgeräte, die keine Autofahrten ersetzen, sondern Wege zu Fuß, mit dem Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln, so die Beobachtung des ADAC. Chancen zu nachhaltiger Mobilität in Städten sieht der ADAC in erster Linie durch gekaufte Modelle, wenn sie auch im ÖPNV mitgenommen werden können. Dies sei aber noch nicht einheitlich geregelt.

Den Kommunen geht es vor allem um zusätzliche Möglichkeiten zum Schutz von Fußgängern. „Für besonders stark besuchte Orte wie vor historischen Sehenswürdigkeiten und auf Plätzen mit vielen Menschen muss die Leistung der Roller auf Schrittgeschwindigkeit begrenzt werden“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, der „Deutschen Presse-Agentur“. Ältere und Kinder müssten sich dort angstfrei bewegen können. Ohne eine Tempo-Drosselung hätten E-Tretroller übrigens auch in Fußgängerzonen nichts verloren.

An diesem Montag ist es ein Jahr her, dass sogenannte E-Scooter zum Straßenverkehr zugelassen wurden. Eine seit 15. Juni 2019 geltende Verordnung legt technische Voraussetzungen und Verhaltensregeln fest. Die Gefährte dürfen zwischen 6 und 20 Kilometer pro Stunde schnell sein. Gefahren werden muss auf Radwegen – gibt es keine, auf der Fahrbahn. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) warb zum Start für eine „echte zusätzliche Alternative zum Auto“, etwa für die sogenannte letzte Meile von Zuhause zur Bahnstation oder vom Bus zum Büro.

Sicherheit unzureichend reguliert

Der TÜV-Verband sieht ebenfalls Nachholbedarf in Sachen Sicherheit, auch wenn inzwischen alle eine „steile Lernkurve“ hingelegt hätten: Nutzer, Verleiher, Polizei, Behörden. E-Scooter hätten sich in vielen Städten als zusätzliche Option etabliert, sagte der Geschäftsführer des VdTÜV, Joachim Bühler. Immer wieder komme es aber zu Unfällen, teils mit schweren Verletzungen. Der Verband befürworte deswegen eine Helmpflicht – amtlich werden Helme empfohlen. Sinnvoll wäre außerdem, ein Bremslicht auf der Rückseite und Blinker verpflichtend zu machen. Einhändiges Fahren zum Anzeigen von Fahrtrichtungswechseln sei nicht praktikabel, da die meisten E-Scooter leicht ins Schlingern gerieten.

Eine erste Zwischenbilanz zur Verkehrssicherheit will das Bundesverkehrsministerium bis Jahresende vorlegen. Welche Rolle die Gefährte für die Mobilität spielen können, muss sich zeigen. „Sie verbreitern den Verkehrsmix in den Städten“, sagte Dedy. Bei der nötigen Verkehrswende hin zu weniger Emissionen und Lärm stünden sie nicht im Mittelpunkt. „Aber ein bisschen können sie auch beitragen.“ Aus Sicht des VdTÜV sind die E-Scooter eine sinnvolle Ergänzung zu Auto, Fahrrad, Bus und Bahn. Die hoch gesteckten Erwartungen als Teil der Mobilitätswende habe das neue Fortbewegungsmittel aber noch nicht erfüllen können.

Schwierig ist allein schon ein Überblick über die Flotte. Inzwischen hat das Kraftfahrt-Bundesamt 96 Allgemeine Betriebserlaubnisse für E-Scooter-Modelle erteilt. Offizielle Angaben zur Zahl der einzelnen Exemplare gibt es aber trotz Versicherungspflicht nicht. Leihroller sind in mehreren Metropolen zu haben. Der Anbieter Lime verleiht nach eigenen Angaben in zwölf deutschen Städten insgesamt 25.000 Roller. Auch Voi ist in zwölf Städten präsent und berichtet von einer langsam zunehmenden Akzeptanz. Rivale Tier ist in 38 Städten aktiv und spürt die größte Nachfrage wochentags am Morgen, in der Mittagspause und zur Feierabendzeit. Der Anbieter Bird bedient 16 Städte.

E-Scooter in der Corona-Krise

Die Corona-Wochen mit ihren Einschränkungen waren keine gute Zeit für die Leih-Anbieter. Lime und Voi zum Beispiel pausierten ihren Service etwa ab Mitte März. Tier-Roller gab es weiterhin, das Unternehmen berichtete aber von einem starken Umsatzeinbruch. Der Fahrradclub ADFC stellte fest: „Durch Corona hat sich das Bild gewandelt: Die E-Scooter sind deutlich dezimiert, aber es gibt deutlich mehr Radfahrende.“ Gute Radwege gebe es aber weiter zu wenige.

Seit vergangenem Jahr haben die Gefährte mit offizieller Bezeichnung „Elektrokleinstfahrzeuge“ auch einen Bundesverband. Der fordert, E-Tretroller mit dem Fahrrad gleichzustellen – für die wird ein eigener grüner Pfeil an Ampeln eingerichtet, der auch bei Rot das Rechtsabbiegen erlaubt. Es sei ein „Schildbürgerstreich“, dass das für E-Scooter nicht gelte, sagte Vize-Verbandsvorstand Ramòn Goeden.

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