Eine Insolvenz ist keine Katastrophe für Opel

Das deutsche Rechtssystem bietet Zukunftschancen für Opel

16.04.2009 | Autor: Klaus Fricke

Bei Überschuldung (Verbindlichkeiten übersteigen Vermögenswerte) muss General Motors Insolvenz anmelden.

Das US-amerikanische Recht bietet dem Unternehmen dazu zwei Möglichkeiten: „Chapter 7“ bedeutet die Auflösung des Unternehmens und den Verkauf seiner Werte. Der Erlös fließt den Gläubigern zu. „Chapter 11“ ist die staatlich beaufsichtigte Fortführung der Geschäfte mit dem Ziel, das Unternehmen zu sanieren bzw. zu retten. Dies kann Jahre dauern.

Im Falle der Insolvenz ist zu erwarten, das GM den Weg über „Chapter 11“ geht, der auch im nationalen Interesse liegen dürfte. Egal, wie sich GM entscheidet, in beiden Fällen dürfte Opel als vermutlich werthaltiger Konzernteil im Fokus von Gläubigern („Chapter 7“) bzw. des Konkursverwalters („Chapter 11“) stehen. Eine deutsche oder europäische eigenständige Gesellschaft im Sinne der Vorstellungen von Belegschaft und Vertragshändlern wäre damit nicht zum Greifen nahe.

Dies gilt auch für den dritten Weg des Verkaufs von GM-Konzernteilen, bei dem die Gläubiger und der kreditgewährende Staat ein starkes Wort in einem langwierigen Verfahren mitreden würden. Der Preis von Opel wäre vermutlich hoch, weil der Erlös zur Sanierung benötigt würde.

Selbstbestimmte Lösung

Der vierte Weg könnte eine für Opel in Deutschland beantragte Insolvenz nach deutschem Recht sein, die wahrlich keine Katastrophe sein muss. Im Gegenteil, sie bietet eine nicht zu unterschätzende Option für die Zukunft. Zumal, wenn sie unter Leitung eines zukunftsorientierten Insolvenzverwalters (Bewerbungen sollen schon vorliegen) unter Mithilfe von Branchenexperten stattfindet. Eine temporäre staatliche „Patenschaft“ (Bürgschaft, Zwischenfinanzierung etc. durch die KfW) und Gesellschafter aus Mitarbeitern, Händlern, Zulieferern sowie einem strategischen Investor würden diese Insolvenz begleiten.

Sie wäre damit selbstbestimmt und würde kurzfristig Klarheit über die wirtschaftliche Substanz von Opel bringen. Sie würde die deutschen bzw. europäischen „Stakeholder“ auf den Fahrersitz bringen, und das Unternehmen müsste nicht amerikanischen Entscheidungen hinterherlaufen. So ließen sich auch etwaige Forderungen von Opel gegenüber GM sicherstellen und Verbindlichkeiten abbauen (Entschuldung). Der Verkauf des Unternehmens ginge voraussichtlich schneller und der Preis wäre überschaubar, d. h. ohne Überraschungen. Zugeständnisse für eine „Neue Adam Opel AG“ hat auch der Betriebsrat schon eingeplant.

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Schließlich ist Opel eine Traditionsmarke, die auf eine kompetente Entwicklungsabteilung, eine engagierte Belegschaft, einen hohen Fahrzeugbestand und zirka 4.500 loyale Vertragshändler in Europa zurückgreifen kann. Jetzt ist also der richtige Zeitpunkt für einen Automobilhersteller, der auf dem alten Kontinent Fuß fassen will! Dann wäre auch die Spekulation über die Trag- und Zukunftsfähigkeit von Opel überflüssig. Auch heute wird Opel als profitabler GM-Konzernteil schließlich nicht in Frage gestellt.

Als eigenständiger rein europäischer Autohersteller mit einem Volumen von zirka 1,5 Millionen Fahrzeugen hat Opel andere unternehmerische Möglichkeiten, da vergleichbar große Hersteller wie BMW weltweit agieren und über andere Technologien, Markenwerte und Deckungsbeiträge verfügen. Das könnte das unternehmerische Risiko, aber auch die Chance sein, für alle, die heute guten Willen bekunden!

Zum richtigen Zeitpunkt

Es sind gute Zeiten für alle wie auch immer Interessierten, um Botschaften zu senden und Erwartungen zu wecken, deren Einlösung am ganz sicher gefühlsstarken Ende ohnehin niemand mehr nachhalten kann oder will! Wird Opel ein Opfer der geschickt initiierten Lösungsdiskussion, die zunehmend irrational wird?

Opel-Führung und Belegschaft konnten sich mit zunehmender Verschärfung der Weltwirtschaftskrise keinen besseren Zeitpunkt aussuchen, um im Nachgang zur Bankenkrise auf ihre Zukunftsprobleme hinzuweisen. Es gibt zu viele interessierte Kreise („Stakeholder“), um das Thema zu ignorieren. Zwar hat es mit der Wirtschaftskrise nur bedingt etwas zu tun, aber wie ließe sich ein Branchenstrukturproblem, verstärkt durch strategische Versäumnisse im eigenen Unternehmen, besser unterbringen als unter diesem Mantel (es soll aber ein „systembedingter Schirm“ werden!). Schließlich haben wir ein Superwahljahr, da kommen die erwarteten und überraschenden Verbündeten von ganz allein.

Auf der Titelseite von Europas größter Wochenzeitung machte Bundeskanzlerin Merkel das Thema am 16.11.2008 zur Chefsache und lud für den folgenden Montagnachmittag zum Opel-Gipfel in`s Kanzleramt. NRW-Ministerpräsident Rüttgers war schneller und versprach mit ganzseitigem Porträtfoto in derselben Ausgabe „Wir lassen Opel nicht untergehen“, schließlich finden in NRW in 2009 Kommunalwahlen statt. Später unterstrich er dies medienwirksam in den USA. Nicht ganz so schnell, aber noch akzeptabel vor der Kanzlerrunde, hatte Hessens wahlkämpfender CDU-Landesvater Koch auch eine optimistische Information für die Presse. Nachdem am letzten Wochenende die EU-Kommission mit den relevanten Staaten eine geschlossene Vorgehensweise in Sachen Opel verabredet hatte, kam Koch dann nochmals mit einem Rettungskonzept aus seiner Sicht. Den wahrscheinlich effizientesten Job hat SPD-Kanzlerkandidat Steinmaier gemacht, der als Bundesaußenminister kurzerhand vor zirka 15.000 Opel-Werkern in Rüsselsheim seine Solidarität bekundete, in einem angeblichen Geheimtreffen Opel-Europa-Chef Forster staatliche Hilfen in Aussicht stellte und später auf eine europäische Lösung hinwies, die die Bundesregierung dann auch für richtig hielt. So trägt man die Last, wenn`s schief gehen sollte, wenigstens nicht allein und hat ein Argument im Bundestags-Wahlkampf! Das Schlimmste, was einer SPD-geführten Regierung ab Herbst 2009 passieren könnte, wäre, dass sie die Versprechungen erfüllen und dann eine spätere Pleite wie weiland Kanzler Schröder bei Philipp Holzmann mit verantworten müsste. Da ist die europäische Vernebelung schon willkommen.

Politische Interessen

Letztlich sollte man die IG-Metall nicht vergessen, die seit vielen Jahren Mitglieder verliert, und sich jetzt in Szene setzen möchte, die Hochschulprofessoren mit ihren vielsagenden Kommentaren in einer ohnehin undurchschaubaren Lage und schließlich die Presse, die die Liquiditätslücke von Opel mal bei 1,3 Milliarden, mal bei 6,3 Milliarden Euro sah und quasi mit am Tisch saß, als Tata aus Indien und die Autobauer aus China ihre Absagen an Opel zum Ausdruck brachten und BMW sowie Daimler partielle Interessen dementierten. Schließlich hatten einige Journalisten auch die Abtretungen von Opel`s Patenten sozusagen auf dem Schreibtisch des auch noch nicht von der GM-Sanierung überzeugten Präsidenten Obama liegen sehen und den Eindruck gewonnen, dass Opel im Falle der Selbständigkeit die kritische Masse des Fahrzeugvolumens fehlen würde…

Für viele ist es also der richtige Zeitpunkt, ihre Interessen zum Ausdruck zu bringen, nur müssen diese nicht mit den zu lösenden Sachfragen der Opel-Lieferanten, der Vertragshändler und der Mitarbeiter übereinstimmen. Letztgenannte suchen berechtigt nach einer tragfähigen und zukunftsorientierten Lösung ihrer wirtschaftlichen Interessen und dürfen die volle Konzentration auf eine Sanierung ihres Vertragspartners Opel, wenn sie denn möglich ist, beanspruchen. Da ist es realistisch, wenn der ZDK empfiehlt, dass die Vertragspartner nach unternehmerischen Gesichtspunkten und rein betriebswirtschaftlichen Kriterien entscheiden und sich nach einer weiteren Automarke umsehen sollen. Der Hoffnungsträger für eine vernünftige weitere Diskussionsgrundlage ist dabei der neue Bundeswirtschaftsminister Guttenberg, der mit dem Start im Amt auch zum richtigen Zeitpunkt die Chance hat, für die Bundesregierung zu handeln und Sachverstand zu zeigen.

Bundesinnenminister Schäuble ist mit seinem konstruktiven Vorschlag, die Insolvenz von Opel zu prüfen und damit auch den Erhalt wirtschaftlicher Werte für einen Neuanfang, fürchterlich unter die populistischen Räder von Politkollegen, Lobbyisten und Medien geraten. Warum eigentlich? Das kann durchaus die beste der sich bietenden Alternativen sein!

Problem General Motors

Es macht nachdenklich, dass der VDOH (Opel-Händlerverband) einerseits die Insolvenzdiskussion als schädlich verurteilt, sich aber andererseits eine Beteiligung an einer europäischen Opel AG mit dem Minderheitsgesellschafter GM vorstellen kann. Dies bedingt, dass GM (auch als notwendiger Technologie- und Systempartner) mit der Gnade der US-Regierung weiter fortbesteht und bereit ist, mit Opel und den europäischen Aktivitäten einen wertigen Konzernteil (Preis?) überhaupt zu verkaufen. Die Klärung dieser Fragen dürfte inklusive der Prüfung der Werthaltigkeit („Due- Dilligence“/Stärken-Schwächen-Analyse) sehr lange dauern und muss besser sein als bei BMW/Rover oder Daimler/Chrysler. Hat GM die Zeit noch? Und der Handel? Das Risiko geht in die Richtung, die bei der Bundesregierung schon auf Ablehnung gestoßen ist: Kein Geld in ein nicht systemrelevantes Unternehmen zu stecken, von dem man nicht weiß, wo es hinfließt, geografisch wie betriebswirtschaftlich! Es darf nicht vergessen werden, dass der Finanzexperte und ehemalige GM-Chef, Rick Wagoner, schon viele Jahre vergeblich versucht hat, das große, unübersichtliche Unternehmen, das mit seiner Modellpalette zu zirka 40 Prozent vom nordamerikanischen Markt abhängt, zirka 35 Milliarden Euro Nettoschulden und nur noch einen Börsenwert von rund 950 Millionen Euro hat, profitabel und transparent zu machen.?

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