Eingreifgruppe des TÜV Nord begutachtet Dellen

Damit Hagelschäden korrekt beziffert werden können

| Autor: Frank Schlieben

Oft sind Hagelschäden erst auf den zweiten Blick zu erkennen.
Oft sind Hagelschäden erst auf den zweiten Blick zu erkennen. (Bild: © JFsPic - Stock.adobe.com)

Das Spektakel dauerte nur wenige Minuten. Ende August 2018 zog wie aus dem Nichts am strahlend blauen Himmel eine schwarze Wand östlich von München auf. Starker Wind jagte die Wolken schnell weiter Richtung Osten. Auf ihrem Weg über den westlichen Landkreis Ebersberg entluden diese ein Stakkato aus Starkregen und haselnussgroßen Hagelkörnern. So schnell der Guss an diesem heißen Augusttag heraufgezogen war, so schnell war er wieder vorbei. Zurück blieben zahllose abgebrochene Äste und nasse Fahrzeuge. „Es war gar nicht so schlimm, und an meinem Auto konnte ich zunächst auch keine Dellen feststellen“, schildert ein Augenzeuge. Erst am Abend unter dem Dach einer hell erleuchteten Tankstelle stellte der Fahrzeugeigentümer zufällig diverse Dellen in der Dachhaut seines Autos fest. „Keine großen, aber auf den ersten Blick doch mehr als 20 in Haube, Türen, Hecklappe und Dach meines zwei Jahre alten Kombis“, schildert der Betroffene.

Der Gutachter einer von der Versicherung beauftragten Prüforganisation stellte insgesamt 42 Dellen fest. Alle seien herauszudrücken; Gesamtschaden nach Gutachten: knapp 680 Euro. Das Gutachten war binnen drei Tagen im Briefkasten, und zur Überraschung des Fahrzeugeigentümers war auch der Schadenbetrag laut Gutachten auf sein Konto überwiesen. Dies, obwohl er der Versicherung kommuniziert hatte, dass der Hagelschaden von einer Fachwerkstatt repariert werden soll.

In der Werkstatt dann die Überraschung: Schon bei der ersten Inaugenscheinnahme des Fahrzeugs stellte der Karosseriemeister fest, dass dem Gutachter bei seiner Fahrzeugbesichtigung einige beschädigte Stellen entgangen waren. „Und was passiert, wenn die Reparatur teurer wird als vom Gutachter festgestellt?“ „Dann bleiben Sie auf den Mehrkosten sitzen, darum sollten Sie den Erstattungsbetrag direkt an die Versicherung zurücküberweisen“, empfahl die Werkstatt. Ein guter Rat, wie sich am Ende herausstellte. Denn die endgültige Schadenbehebung am Fahrzeug überstieg die im ersten Gutachten veranschlagten Schadenkosten um ein Vielfaches.

Warum Dellendrücken bei Versicherungen so beliebt ist

„Solch krasse Abweichungen sind ungewöhnlich und sicher ein Einzelfall. Grundsätzlich kommt es aber immer wieder zu Differenzen zwischen Gutachten und tatsächlicher Schadenhöhe“, sagt Michael Szmigier, Experte für Schaden- und Wertgutachten beim TÜV Nord. Weicht das Gutachten deutlich von der tatsächlichen Schadenhöhe ab, liege das häufig an fehlendem Know-how des Gutachters. „Dellen zu drücken, ist eine bewährte Methode, um die Fahrzeughaut wieder in den Zustand wie vor dem Hagelschadenereignis zu versetzen. Zudem ist in mehreren Untersuchungen nachgewiesen worden, dass auch der Lack durch das Dellendrücken keinen Schaden nimmt“, sagt Szmigier.

Das macht die Methode bei Versicherungen so beliebt, denn sie spart im Vergleich zu konventionellen Reparaturmethoden viel Zeit und Geld. Allerdings sind dem Dellendrücken technische Grenzen gesetzt. „Schwierig wird es an Stellen, wo Bleche doppelwandig verbaut sind, die Außenhaut entweder ganz oder in Teilbereichen aus einem Materialmix besteht oder hochfeste Stähle verbaut sind. Und problematisch wird es überall dort, wo Schadstellen schwer zugänglich sind“, erläutert Szmigier. Als Beispiel nennt er Hageldellen in der Dachhaut. „Je nach Fahrzeugkonstruktion muss man hier den Dachhimmel anlösen oder ganz demontieren.“ Ist ein Schiebedach verbaut, können die Dachkassette und Verstrebungen die Zugänglichkeit für die Dellenreparatur zusätzlich erschweren. Das gilt auch für Innenverkleidungen von Türen und Holmen, Fensterrahmen oder Zierleisten. Zudem kann es je nach Lage der Delle erforderlich sein, dass die Werkstatt Scheinwerfer, Rück- oder Bremsleuchten demontiert.

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Wenn es was aufs Dach gab

So auch im eingangs geschilderten Fall des Kunden aus der Nähe von München. Hier hatte der Hagel auch Dellen im Dachspoiler der Heckklappe hinterlassen. Dafür musste die Werkstatt die dritte Bremsleuchte abbauen. Da diese aber bei dem betroffenen Fahrzeug in den Dachspolier eingeklebt war, musste der Kfz-Betrieb eine neue Leuchte verbauen, was der Gutachter im ersten Gutachten nicht registriert hatte. Dass die Versicherer Einfluss auf den Gutachter nehmen, hält Michael Szmigier für unwahrscheinlich. „Die Versicherer wollen eine schnelle und stimmige Analyse haben. Wenn durch Hagel solche Massenschäden entstehen, ist die Versicherung in erster Linie an einem schnellen Ablauf interessiert.“ Komme es dann wegen Unstimmigkeiten zu Nachbegutachtungen, erhöhe das die Kosten und den Aufwand für die Versicherung zusätzlich. Und das wolle jeder Versicherer vermeiden.

Hagel-Engreiftruppe des TÜV Nord

Die besten Mittel gegen unzutreffende Schadenbegutachtungen sind Fachwissen und die regelmäßigen Fortbildungen der Gutachter. Zwar sind Hagelschäden im Norden Deutschlands eher selten; dennoch hat der TÜV Nord vor einigen Jahren eine Hagel-Eingreiftruppe aus spezialisierten Gutachtern gegründet. „Zu dieser Gruppe gehören zwölf Sachverständige, die auch nach Süddeutschland fahren, um Hagelschäden aufzunehmen, wenn dort großer Bedarf besteht. Dann unterstützt unser Eingreifteam Versicherer dabei, Hagelschadengutachten zu erstellen.“

Zur Vorbereitung auf ihre spezielle Aufgabe hat TÜV Nord alle großen auf Dellendrücken spezialisierten Unternehmen zu Livevorführungen nach Hannover eingeladen. Szmigier betont: „Um einen Hagelschaden präzise beurteilen zu können, muss der Gutachter wissen, welche technischen Möglichkeiten, aber auch welche technischen Grenzen im Reparaturfall bestehen. Er muss klären, wo der Dellendrücker mit seinen Werkzeugen ohne umfangreiche Demontagearbeiten hinkommt und wann alternative Reparaturmethoden die bessere Lösung sind.“

Auch erforderliche Verbundarbeiten, die zu bearbeitenden Materialien oder die Zugänglichkeit in Randzonen seien neben Größe und Lage für die präzise Beurteilung von Dellen durch Hagel heute für einen Gutachter unumgänglich. Ebenso wie die nötige Praxiserfahrung. Die sammeln die Hagelschadenspezialisten des TÜV-Nord regelmäßig bei ihren Einsätzen während Hagelgroßereignissen. „Nur Dellen zählen und unter Berücksichtigung der jeweiligen Dellengröße dann über eine Standardtabelle den Wert der voraussichtlichen Reparaturkosten zu bestimmen, reicht für einen Gutachter heute nicht mehr aus“, stellt Michael Szmigier fest.

Fazit: Kfz-Betriebe sollten Hagel-Spezialisten beauftragen

Ein Sachverständiger, der Hauptuntersuchungen an Fahrzeugen durchführt, ist nicht automatisch auch ein Experte für die Beurteilung von Hagelschäden. Werkstätten, die für ihre Kunden oder den eigenen Fuhrpark eine Hagelschadenbegutachtung benötigen, sollten spezialisierte Gutachter beauftragen. Tun sie das nicht, kann es wie im beschriebenen Fall richtig teuer werden. Zur Erinnerung: Der gutachterlich festgestellte Hagelschaden von knapp 680 Euro summierte sich nach Intervention der Werkstatt, Zweitbegutachtung und erfolgter Reparatur am Ende auf über 2.800 Euro Schadensumme. Dass der Kunde kein finanzielles Fiasko erlebte, hatte er dem Tipp seiner Werkstatt zu verdanken, den Betrag, den er auf der Basis des Erstgutachtens erhalten hatte, umgehend an die Versicherung zurückzuüberweisen.

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