Elektrifiziertes London-Taxi soll europäische Metropolen erobern

Autor / Redakteur: sp-x / Andreas Grimm

Das London-Taxi kommt nach Deutschland. Der Hersteller LCEV hat das traditionsreiche Gefährt mit einem Elektroantrieb ausgestattet. Immer strengere Umweltvorschriften dürften dem E-Taxi in die Karten spielen. Und auch für Volvo-Partner ist das Projekt interessant.

Firma zum Thema

Bekannte Silhouette, neues Innenleben: Die bisher schwarzen Taxis von London werden künftig auch in anderen Städten fahren – mit Elektromotor.
Bekannte Silhouette, neues Innenleben: Die bisher schwarzen Taxis von London werden künftig auch in anderen Städten fahren – mit Elektromotor.
(Bild: LEVC)

Das soll das Auto des 21. Jahrhunderts sein? Schwer zu glauben, denn eigentlich sieht es aus wie immer, das London-Taxi mit seinen kleinen Rädern und dem hohen Aufbau (1,82 Meter), in den man ohne Verrenkungen einsteigen kann. Doch unter der Haut ist alles anders: Das London Taxi gibt es heute nur noch mit Elektroantrieb und es soll nun auch in Deutschland Personen befördern, erläutert Carl-Peter Forster, Aufsichtsratsvorsitzender des britischen Herstellers in chinesischer Hand, der London Electric Vehicle Company (LCEV).

Very british war übrigens der Ort der Vorstellung dieser Spielart der Personenbeförderung, in der britischen Botschaft in Berlin nämlich. Denn der Kern von London-Taxi wird wohl immer verbunden bleiben mit einer gehörigen Portion Britishness, wobei die Pläne auch für dieses Produkt auf Globalisierung ausgerichtet sind.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 7 Bildern

Die Berliner Premiere des neuen London-Taxis verweist darauf, dass das Gefährt bald auf dem Kontinent zu haben sein wird, vertrieben und gewartet von Volvo-Händlern. Noch sind die Verträge nicht unterschrieben, aber laut allen Beteiligten ist das nur noch eine Frage der Zeit. Das erste Export-Elektrotaxi wird demnächst in die Niederlande gehen, deutsche Interessenten hätten sich ebenfalls schon gemeldet. Zwar müssen sie mit 59.600 Euro plus Umsatzsteuer nicht wenig Geld investieren, doch können damit sowohl Taxi-Unternehmen als auch Shuttle-Fahrdienste allen nicht-englischen Kunden ein sehr originelles Fahrerlebnis bieten.

Noch ist das Geschäft ein zartes Pflänzchen, denn von den 20.000 Taxen in London säuseln erst 300 mit E-Antrieb über die Straßen. Doch diese Menge genüge schon, sagt Forster, um Taxifahrer miteinander ins Gespräch kommen zu lassen und sich über die Vorteile des neuen Konzeptes auszutauschen. Die Zulassungszahlen würden sicher bald steigen – auch weil keine London Taxis mit reinem Dieselantrieb mehr gebaut werden.

Emissionskontrolle soll Durchbruch bringen

Mit dem Bau von Autos und der Marktforschung kennt sich Carl-Peter Forster als erfahrener Automanager aus. Er war Produktionsvorstand bei BMW, Opel-Chef, danach kurz bei Tata, und 2013 heuerte er bei Geely an, dem chinesischen Mutterkonzern von Volvo. Und ebenso der LCEV, die nun die elektrisch angetriebenen London Taxis entwickelt, baut und vertreibt. „London geht in Richtung Elektrifizierung des öffentlichen Nahverkehrs“, sagt Forster. „Seit Januar 2018 werden nur noch neue Taxis zugelassen, die mindestens 30 Meilen, also 50 Kilometer elektrische Reichweite haben.“ Betrachtet man die Emissionsdiskussion in Deutschland, die Überlegungen zu Verbrennerverboten in Paris – das London-Taxi könnte als cooles Gefährt in anderen Metropolen ebenso Erfolg haben.

Das dürfte dann nicht nur am Elektroantrieb liegen, sondern am besonderen Fahrgefühl in einem London-Taxi. Hinten können sich insgesamt sechs Fahrgäste einfinden, die sich dann jeweils zu dritt gegenüber sitzen. Von ihnen per Plexiglasscheibe getrennt arbeitet der Fahrer und hält Kontakt über Sprechfunk. Der Boden ist topfeben, und über eine Rampe kann sehr schnell auch ein Rollstuhl an Bord genommen werden. Nicht zuletzt genießt nächtliches Partyvolk neben dem Ausblick durch ein Panoramadach den WiFi-Hotspot im Fahrgastraum – und zu sechst fährt man recht preisgünstig – selbst ohne Moia, Uber und Co.

Bis Ende 2020 sollen 9.000 Londoner Taxen diesen Anspruch erfüllen und den Gesamt-Londoner Stickoxidausstoß um 3,5 Prozent senken, während die Feinstaubbelastung um 4,5 Prozent abnehmen soll. 50 Kilometer elektrische Reichweite – das ist mit der Plug-in-Hybridtechnik möglich, doch daran wollte sich Englands klassischer Taxiproduzent nicht beteiligen. Nachdem Geely die London Taxi Company übernommen hatte, sei intensiv über den richtigen Weg der Elektrifizierung nachgedacht worden. 300 Millionen Pfund flossen in die Neukonstruktion des Wagens und in eine neue Fabrik, und nun steht da – eigentlich eine alte Idee.

Erfolgreicher E-Antrieb braucht Infrastruktur

Tatsächlich wurde schon 2009 bei General Motors ein Elektro-Pkw mit sogenanntem Range Extender vorgestellt. Genau wie in den damaligen Schwestermodellen Chevrolet Volt und Opel Ampera ist auch im neuen London Taxi TX5 neben dem Elektromotor ein Benzinmotor untergebracht. Der 1,5 Liter große Dreizylinder von Volvo treibt nicht das Taxi selbst an, sondern einen Generator, der wiederum unterwegs die Batterien laden kann. Die Kraft für die Fahrt stellt allein der Elektromotor bereit, der mit 110 kW/150 PS Höchstleistung und 255 Newtonmetern Drehmoment aufwartet.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 7 Bildern

„Auf diese Weise kann das Taxi unter voller Beladung 130 km/h schnell fahren und ist damit absolut langstreckentauglich“, sagt Carl-Peter Forster. Im Taxi-Alltag ist diese Eigenschaft wichtig, wenn man mal einen Fahrgast aus der City zum Flughafen Heathrow zu bringen hat. Je nach Strecke sind das 50 bis 80 Kilometer für Hin- und Rückweg, und dann wäre die Elektro-Reichweite von 130 Kilometern schon zu einem guten Teil aufgezehrt.

Überzeugen wollen Forster und Chris Gubbey, Vorstandschef des Taxi-Bauers, die Taxi-Unternehmer über den Preis. Erstens muss das Elektrotaxi nicht alle 12.000 Kilometer zur Inspektion, sondern alle 25.000. Zweitens gibt es eine Fünfjahres-Garantie auf die Akkus, ohne Kilometerbegrenzung. Und drittens, so Chris Gubbey, „spart man im Monat etwa 450 Euro Kraftstoffkosten“. Das ist allerdings auf englische Strompreise bezogen, für Deutschland mit seiner vergleichsweise teuren Energiewende muss die Rechnung noch angestellt werden.

Trotzdem hat das Konzept noch einen Haken: Die Elektro-Taxis brauchen, sofern sie ihren Besitzern Freude machen sollen, ein dichtes Netz aus Schnellladestationen. Für London fordert der Taxi-Hersteller 150 solcher Ladepunkte bis Ende dieses Jahres und 300 bis 2020. „Nur eine solche Dichte“, heißt es in einem LCEV-Prospekt, „würde es TX-Fahrern erlauben, den Elektroantrieb eine ganze Schicht lang zu nutzen.“ Außerdem verlangt LCEV einheitliche Ladegeräte sowie ein ebenso einheitliches Bezahlsystem. Beteiligen will sich der Hersteller am Aufbau dieser Infrastruktur allerdings nicht, das bleibe Aufgabe der Stromkonzerne oder der öffentlichen Hand.

(ID:45391662)