Wertminderung historischer Fahrzeuge Emotionen statt Wissenschaft

Autor: Peter Diehl

Wie sich die merkantile Wertminderung beschädigter historischer Fahrzeuge ermitteln lässt, thematisiert eine Bachelorarbeit, beauftragt von der Hochschule Landshut und betreut durch TÜV Süd Auto Service. Ihr Ergebnis stützt die bisherige Vorgehensweise, die keine allgemeingültige Methode kennt. Denn auch hier gilt: Im Oldtimermarkt geht es mehr um Emotionen als um Wissenschaft. Eine Zusammenfassung mit vorheriger Sensibilisierung.

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Die Ermittlung der merkantilen Wertminderung beschädigter historischer Fahrzeuge lässt sich nicht durch eine Berechnungsformel verallgemeinern.
Die Ermittlung der merkantilen Wertminderung beschädigter historischer Fahrzeuge lässt sich nicht durch eine Berechnungsformel verallgemeinern.
(Bild: Diehl/kfz-betrieb)

Alte Autos und merkantile Wertminderung? Das passt nicht zusammen. So denkt, wer nicht unmittelbar beruflich oder privat mit der Oldtimerszene befasst ist. Doch was für Neuwagen oder jüngere Gebrauchte gilt, trifft auch auf historische Fahrzeuge zu, nur anders. Hier geht es um Begehrlichkeit, also um Marktwert, Marktgängigkeit sowie deren schadenbedingte Minderung, und nicht zuletzt um historische Substanz. War sie in nennenswertem Maß vorhanden und wurde durch das Schadenereignis und die notwendig gewordene Instandsetzung reduziert oder zerstört, kann es teuer werden, sogar mit steigender Tendenz.

Der wachsende Einfluss der Substanz auf den historischen und monetären Fahrzeugwert liegt übrigens auch der im Juli 2020 veröffentlichten „Neufassung der Bewertung historischer Fahrzeuge“ zugrunde. Sie empfiehlt bei Oldtimerfahrzeugen mit nennenswerter historischer Substanz deren ausführliche text- und bildliche Darstellung im sogenannten langen Gutachten und, als äußeren Hinweis, die Ergänzung der Zustandsnote durch ein Ausrufezeichen. Grob formuliert kann ein Fahrzeug mit Zustandsnote 3 und Ausrufezeichen historisch und monetär wertvoller sein als eine baugleiche Komplettrestaurierung mit Note 1.

Bestätigende Gerichtsurteile

Den Anspruch historischer Fahrzeuge auf Wertminderung im Allgemeinen und den Zusammenhang von beeinträchtigter historischer Substanz und Wertminderung im Besonderen bestätigen inzwischen auch Gerichtsurteile. Beispielsweise das Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf vom 31.11.2010 (Az: I-1 U 107/08). Die Richter stützten es auch auf den Beschluss Nr. 3 des 1. Deutschen Oldtimerrechtstags 2009: „Bei Oldtimern kann eine merkantile Wertminderung vorliegen, und zwar unabhängig von Alter, Laufleistung, Wert und Zahl der Vorbesitzer. Dies gilt insbesondere bei der Beschädigung oder Zerstörung von historischer Substanz.“ Ergänzend hierzu der Beschluss d) des 3. Deutschen Oldtimerrechtstags 2011: „Der Verlust von Originalität führt in der Regel immer zu einem Minderwert.“

Die bereits vor zwei Jahren verfasste Bachelorarbeit von Michael Graf, damals Student an der Hochschule Landshut, trägt den Titel „Entwicklung einer Methode zur Ermittlung der merkantilen Wertminderung von historischen Fahrzeugen“. Die Betreuung übernahm TÜV Süd Auto Service. Einem größeren Kreis von Interessierten bekannt wurde die Bachelorarbeit während der 81. Fachtagung des Münchner Arbeitskreises für Straßenfahrzeuge (MAS) im Mai 2021, zu der Michael Graf seine Ergebnisse präsentierte.

Im Rahmen seiner Bachelorarbeit befragte der Student sowohl Fachleute als auch interessierte Laien, konkret öffentlich bestellte und vereidigte IHK-Sachverständige bzw. Mitglieder von Oldtimerclubs. Gefragt wurde u. a. nach dem monetären Wert bestimmter unfallfreier Oldtimer und baugleicher Fahrzeuge mit repariertem Unfallschaden sowie nach Meinungen zu möglichen Reparaturwegen. Insgesamt waren 23 Fragen zu beantworten, die sich größtenteils auf zwei Fallbeispiele bezogen. Zusammenfassung:

  • Sowohl Fachleute als auch interessierte Laien stimmen dem Preisunterschied zwischen einem unfallfreien und einem beschädigten historischen Fahrzeug und somit der merkantilen Wertminderung mit großer Mehrheit zu, schätzen diese aber unterschiedlich hoch ein – Laien höher als Fachleute.
  • Die Mehrheit der Befragten gesteht einem Fahrzeug mit lückenlos nachvollziehbarer Historie eine größere Wertminderung zu als einem Fahrzeug mit lückenhafter Historie – Fachleute nochmals deutlich mehr als Laien.
  • Ähnlich große Mehrheiten von Fachleuten und Laien betrachten den Erhalt historischer Substanz als wichtig und gestehen diesem auch höhere Reparaturkosten zu.

Resultierende Erkenntnis: keine Berechnungsformel erstellbar

Michael Grafs aus den Antworten resultierende Erkenntnis lautet: „Es wird klar, dass sich Schadensersatzfestlegungen bei historischen Fahrzeugen nicht verallgemeinern lassen. Aufgrund der großen Vielfalt der unterschiedlichen Einflussfaktoren sowie des emotionalen Einflusses, der bei Oldtimern immer eine Rolle spielt, gestaltet sich dies äußerst schwierig. Deshalb ist es nicht möglich, eine Berechnungsformel für den merkantilen Minderwert zu erstellen, wie sie für Neufahrzeuge angewandt wird. Eher denkbar ist ein Punkteplan, mit dem der Sachverständige die wichtigsten Einflussfaktoren abarbeiten kann.“

Letztlich entstand neben dem genannten Punkteplan ein weiteres Resultat: ein Textbaustein für die Gutachtenerstellung. Zu entnehmen sind beide Resultate der Bachelorarbeit, die Michael Graf auf Anfrage gern zur Verfügung stellt.

Nicht zu unterschätzen ist übrigens eine weitere aus der Bachelorarbeit resultierende Erkenntnis: Die Sachverständigentätigkeit auf dem Gebiet historischer Fahrzeuge lässt sich nicht vereinfachen. Wichtig zur Erstellung eines Schadengutachtens sind nach wie vor die Fähigkeit, den Markt einzuschätzen, und nicht zuletzt die Kenntnis handwerklich und historisch korrekter Reparaturwege sowie deren heutiger Zulässigkeit. Nach der Erfahrung des Redakteurs als leitender Sachverständiger einer Oldtimerversicherung hapert es gerade daran gewaltig.

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Über den Autor

 Peter Diehl

Peter Diehl

Fachredakteur Automobiltechnik und -reparatur, Vogel Communications Group GmbH & Co. KG