EU-Kommissar: Kfz-Gewerbe hat digitalen Nachholbedarf

Autor / Redakteur: Christoph Baeuchle / Andreas Grimm

Die Digitalisierung entscheidet über den künftigen wirtschaftlichen Erfolg. Darauf ist das Kfz-Gewerbe nicht genügend vorbereitet, kritisierte EU-Kommissar Günter Oettinger auf der ZDK-Mitgliederversammlung in Stuttgart.

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EU-Kommissar Günther Oettinger forderte auf der ZDK-Mitgliederversammlung das Kfz-Gewerbe auf, mehr Anstrengungen in das Digitalgeschäft zu legen.
EU-Kommissar Günther Oettinger forderte auf der ZDK-Mitgliederversammlung das Kfz-Gewerbe auf, mehr Anstrengungen in das Digitalgeschäft zu legen.
(Bild: Zietz / »kfz-betrieb)

Das Kfz-Gewerbe hinkt der Digitalisierung hinterher. Diese Meinung vertritt zumindest EU-Haushaltskommissar Günter Oettinger: „Wir leben in einer digitalen Revolution, die wird alles verändern. Sie sind dafür noch nicht genügend vorbereitet“, sagte er auf der ZDK-Mitgliederversammlung in Stuttgart. „Ich wundere mich zum Teil, wie gelassen Sie sind.“ Oettinger war vor seiner jetzigen Aufgabe zwei Jahren lang EU-Kommissar für Digitale Gesellschaft und Wirtschaft.

Oettinger forderte die Branche auf, sich stärker mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen und eine digitale Strategie zu entwickeln. „Dafür sind Sie und ich eigentlich viel zu alt“, sagte der Kommissar. „Wir sind eigentlich eine Veteranenveranstaltung“, die von der digitalen Revolution wenig Ahnung habe. „Sie brauchen einen digitalen Guide“, empfahl Oettinger. Der Handel müsse sich an den Wünschen, Interessen und Bedarfen der jungen Generation orientieren.

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Entscheidend für den Erfolg sei der direkte Draht zum Kunden. „Die Kundenschnittstelle ändert sich“, betonte Oettinger. Besetzt sie derzeit das Kfz-Gewerbe, ist diese Funktion für die Zukunft nicht gesichert. Er verwies auf die Konkurrenz durch Hersteller und dritte Anbieter. Der EU-Kommissar forderte zugleich den freien Zugang für alle Branchenteilnehmer – „free float of data“. Das müsse das existenzielle Interesse des Kfz-Gewerbes sein, denn nur so „bleibt der direkte Zugang zu den Kunden erhalten.“

Freier Zugang zu den Fahrzeugdaten

Dem Interesse der Hersteller stehe dieser Ansatz entgegen. Aus Oettingers Sicht ist deshalb der Gesetzgeber gefragt, der die Interessen des schwächeren Vertragspartners schützen muss. „Beim Kauf eines Fahrzeuges muss der Käufer doch unterschreiben, dass die Daten dem Hersteller gehören“, kritisierte Oettinger. „Er hat doch gar keine andere Wahl.“ Dafür sei die Marktmacht der Hersteller zu groß.

Damit traf Oettinger die Stimmung im Kfz-Gewerbe, das den gleichberechtigten Zugang zu den im Fahrzeug erhobenen Daten fordert. ZDK-Präsidenten Jürgen Karpinski bekräftige in seinem Bericht die Forderung: „Alle Kfz-Betriebe – egal ob markengebunden oder markenungebunden – sollten Zugriff auf die im Kraftfahrzeug generierten Daten haben.“

Ziel sei ein standardisiertes Telematik-System, samt einem europaweit standardisierten Prozess für einen gleichberechtigten digitalen Binnenmarkt. „Dafür ist eine interoperable, standardisierte, sichere und offene Telematik-Plattform entscheidend“, ergänzte der ZDK-Präsident. Die Digitalisierung sei ein Treiber für weitere „Baustellen“ wie zusätzliche Geschäftsmodelle, neue Händlerverträge und neue Vergütungssysteme.

Die ZDK-Arbeitsgruppe „Geschäftsmodelle/ Konnektivität“ wolle Grundlagen schaffen, mit denen die Betriebe die Chancen nutzen können, die sich ihnen bieten. Zudem will sie die Rolle aufzeigen, die der Handel in Zukunft einnehmen kann. Trotz umfangreichem Wandel in der Branche ist für Karpinski eines unstrittig: „Es wird weiterhin Vertragshändler geben. Und es wird weiterhin Händlerverträge geben als Grundlage der Zusammenarbeit mit dem Hersteller oder Importeur.“

Zahlreiche weitere Themen standen auf der Baustellen-Tour. Ganz vorne: die Diesel-Krise, die Kfz-Betrieben immer stärker zu schaffen macht. Erneut bekräftigte Karpinski die Forderung nach einer rechtsicheren Regelung für die freiwillige Hardware-Nachrüstung. „Nur so werden Dieselbesitzer, gewerbliche Flottenbetreiber und vor allem die vielen betroffenen Autohäuser aus einer ausweglosen Situation befreit.“

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