E-Call Fahrer mehrerer deutscher Hersteller warten länger auf lebensrettende Hilfe

Autor: Andreas Grimm

Zahlreiche Hersteller nutzen das vorgeschriebene Notrufsystem E-Call für eigene Dienste. Das ist legal und sorgt für zusätzlichen Kontakte und Umsätze. Bei schweren Unfällen wird dieser Sonderweg allerdings zum Problem.

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Rettungsleitstelle oder Hersteller-Callcenter: Der Notruf im Auto kann an verschiedene Empfänger gehen.
Rettungsleitstelle oder Hersteller-Callcenter: Der Notruf im Auto kann an verschiedene Empfänger gehen.
(Bild: Skoda)

Der sogenannte E-Call soll schnelle Hilfe für Auto-Insassen nach einem Unfall sicherstellen. Doch bei den Modellen einiger, nicht zuletzt deutscher Hersteller kann trotzdem wertvolle Zeit verstreichen, bis Rettungskräfte alarmiert werden, weil sie – ganz legal – ein eigenes Notruf-System anbieten und es voreingestellt ausliefern. Will der Verbraucher das ändern und auf den direkten europaweit gültigen Notruf 112 wechseln, ist laut ADAC je nach Fabrikat und Modell in vielen Fällen ein Werkstattbesuch nötig.

Dieser Werkstattaufenthalt kann durchaus sinnvoll sein. Ein Test des Autofahrerclubs hat nämlich ergeben, dass diese herstellereigenen Notrufsysteme die Rettung Verunfallter verzögern können. Denn sie schalten sich bei der Übermittlung der Unfall- und Standortdaten dazwischen. Betroffen sind unter anderem Audi, BMW, Mercedes und Volkswagen, aber auch Volvo.

Eigentlich ist der E-Call konzipiert als ein europaweit funktionierender, über die ganze Nutzungsdauer des Fahrzeugs aktiver automatischer Hilferuf. Das System informiert über das Mobilfunknetz und die Notfallnummer 112 die zuständige Rettungsleitstelle, die umgehend Rettungskräfte zur Unfallstelle schickt. Die ist bekannt, weil das E-Call-System direkt die Daten zum Standort, dem Unfallzeitpunkt, der Zahl der Insassen sowie allgemeine Fahrzeug-Informationen übermittelt.

Verzögerungen bei den Hersteller-Notrufen

Anders dagegen die alternativen Hersteller-Notrufe, die laut ADAC „nicht so effizient arbeiten wie der direkte E-Call an die 112“. Laut der Auswertung von Euro-NCAP-Crashtests im Technik-Zentrum des Autofahrerclubs werden diese Notrufe teilweise erst 58 Sekunden nach Auslösen der Airbags vom Callcenter beantwortet. Schlimmer noch: Die Callcenter müssen zunächst die Position des Autos aus den übertragenen Standortdaten ermitteln, um sie anschließend noch an die Rettungsleitstelle vor Ort weiterzuleiten – die mit dem ursprünglichen E-Call-System längst informiert gewesen wäre. Das deutliche Fazit des ADAC: „Bei einem realen Unfall geht durch dieses indirekte Verfahren wertvolle Zeit verloren.“

Im Ausland kann sich die Situation noch weiter verschlechtern. Der ADAC verweist auf herstellereigene Call-Center im Ausland, die bereits um 20 Uhr Schluss machen, oder dass Verständigungsprobleme mit Call-Agenten auftreten. Auch verschiedene Formate der Koordinaten können Probleme bereiten, während der europäische E-Call immer das „Minimum Set of Data“ (MSD) an die Rettungsleitstelle überträgt.

Mittelfristig entsteht bei älteren Autos eine weitere Gefahr, da einige Hersteller-Notrufe nach zehn Jahren kostenpflichtig werden und aktiv neu gebucht werden müssen. Diese Vertragsverlängerung könnte aus Sparsamkeit angesichts des Autoalters unterbleiben oder auch einfach nur vergessen werden, befürchtet der Autofahrerclub.

Hersteller bleiben bei ihrer Linie

An der Praxis der Hersteller wird sich laut einer aktuellen ADAC-Umfrage wohl nichts ändern. Viele Autobauer wollen weiterhin zuerst informiert werden. Denn sie erhalten dadurch grundsätzlich die Möglichkeit, mit situationsabhängigen Services und Angeboten Umsätze selbst zu generieren, etwa mit der Organisation des Abschleppdienstes, der Reparatur in einer Markenwerkstatt oder der Bereitstellung eines Neuwagens. Die Linie mit voreingestellten eigenen Notrufsystemen fahren insbesondere die großen deutschen Marken. Dagegen nutzen viele Importeure, die geantwortet hatten, ausschließlich den E-Call 112 (Übersicht aller Antworten).

„Der E-Call 112 sollte ab Werk voreingestellt sein. Wenn dies nicht der Fall ist, müssen Verbraucher schnell und problemlos selbst wechseln können“, fordert auf Basis der Untersuchung nun ADAC-Technikpräsident Karsten Schulze. Verbaut ist der Dienst verpflichtend in allen Autos mit Typgenehmigung nach dem 31. März 2018. Einige Hersteller hatten den Dienst bereits in Autos mit älterer Typgenehmigung eingebaut. Er soll vor allem bei schweren Unfällen Leben retten, weil die Einsatzkräfte schneller reagieren können. Wenn die Autos flächendeckend den E-Call haben, erwartet die EU jährlich 2500 weniger Verkehrstote. Die Herstellersysteme könnten dieses Ziel unterlaufen.

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Über den Autor

 Andreas Grimm

Andreas Grimm

Redakteur, Redaktion »kfz-betrieb«