Fairer Zugang zum vernetzten Fahrzeug

Digtalisierung bedroht Geschäftsmodell freier Werkstätten

| Autor: Frank Schlieben

Das Display im Fahrzeug wird zum neuen Point of Sale.
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Das Display im Fahrzeug wird zum neuen Point of Sale. (Bild: © ladysuzi -stock.adobe.com)

Der freie Reparaturmarkt gibt sich selbstbewusst und kämpferisch. Doch eilig geschmiedete Allianzen im Markt zeigen, wie groß die Sorgen der Protagonisten sind. So fordern der ADAC, der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GdV), der Gesamtverband Autoteilehandel (GVA), der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) und der Verband der TÜV e.V. (VdTÜV) gemeinsam einen fairen Zugang zum vernetzten Fahrzeug. Sie befürchten, dass ihre Geschäftsmodelle ansonsten mittelfristig nicht mehr zukunftsfähig sind. Für alle geht es um viel Geld. Geld, das die Automobilhersteller nach Möglichkeit künftig allein verdienen wollen. Denn erklärtes Ziel der Autobauer ist, so viel Umsatz wie möglich über die gesamte Lebensdauer eines Fahrzeugs hinweg – oder über die gesamte Wertschöpfungskette – selbst zu verdienen.

Das geht im Service- und Reparaturmarkt nur über Verdrängung. Denn der freie Reparaturmarkt hält sich stabil bei einem Gesamtanteil von 38 Prozent, Tendenz leicht steigend. Und zum großen Ärger der Automobilhersteller betreuen freie Werkstätten in der Mehrzahl die aus Werkstattsicht attraktiveren Fahrzeuge. Fahrzeuge, die älter als vier oder fünf Jahre sind, haben nach Auswertungen des DAT-Reports pro Jahr die höchsten Reparaturaufwendungen.

Da die Privatkunden ihre Fahrzeuge immer länger halten – das Durchschnittsalter des Fahrzeugbestands lag laut KBA zum 1. Januar 2018 bei 9,4 Jahren – investieren sie in den technischen Erhalt ihres Fahrzeugs, auch wenn dieses schon die zweite Lebenshälfte erreicht hat. Von dieser Entwicklung profitiert vor allem der freie Werkstattmarkt. Rückholstrategien, mit denen Hersteller die Besitzer älterer Fahrzeuge wieder in die Markenwerkstatt holen wollten, konnten daran bislang kaum etwas ändern.

Der neue Point of Sale für Reparatur- und Serviceangebote

Doch jetzt bietet sich für die Automobilhersteller über die Digitalisierung und die Vernetzung ein Hebel, der den Markt in wenigen Jahren komplett zu ihren Gunsten verändern könnte. Frank Schlehuber, Director Aftermarket bei der Clepa, der europäischen Dachorganisation der Automobilzulieferer in Brüssel, warnte schon 2015 in einem Vortrag: „Das zentrale Display wird im digitalen und vernetzten Fahrzeug zum neuen Point of Sale für Reparatur- und Serviceleistungen.“ Wie bei seinem Smartphone bekomme der Autofahrer künftig permanent Angebote unterschiedlichster Anbieter direkt auf das Display gespielt. Weil der Hersteller ständig Daten aus dem Fahrzeug auslese, wisse er zu jeder Zeit über den technischen Zustand des Fahrzeugs Bescheid und könne gezielt jedem Autofahrer individuelle Angebote machen.

Auch Zusatzangebote für Mobilität, Garantie, Versicherungsschutz, Finanzierung oder sonstigen Dienstleistungen könne er unterbreiten. Die müsse der Fahrer dann einfach nur per Knopfdruck bestätigen – und fertig sei der Werkstattauftrag. Keine telefonische Terminvereinbarung, kein Anstehen vor dem Annahmetresen in einer Werkstatt, keine Diskussionen über Preise, denn die stehen vorher fest. Und das Beste: keinerlei Verantwortung und Pflichten des Fahrers, den technischen Zustand seines Fahrzeugs zu überwachen. Denn den meldet das Auto über mehrere 1.000 Datenpunkte aus seinem Innersten ständig selbst, was eine permanente und lückenlose Überwachung der Technik gewährleistet.

Hersteller wollen Drittanbietern keinen Datenzugang gewähren

Allerdings hat die Sache einen entscheidenden Haken. Individualisierte Angebote auf das Zentraldisplay des Autos kann nur der Anbieter senden, der über einen Zugang zu den Basisdaten aus dem Fahrzeug verfügt. Und das sind ausschließlich die Automobilhersteller, die bislang auch nicht gewillt sind, Drittanbietern einen Direktzugang zu ermöglichen. Das sei zu gefährlich, man müsse die Fahrzeugsysteme vor manipulativen Eingriffen schützen und jederzeit die Sicherheit aller Systeme gewährleisten. Ansonsten sei die Sicherheit von Fahrzeuginsassen und anderen Verkehrsteilnehmern gefährdet. Und mit jedem Drittanbieter, der einen Direktzugang zu den Fahrzeugdaten bekomme, steige die Gefahr – ob vorsätzlich oder nicht – von Systemmanipulationen. Denn die Systeme im Fahrzeug können Daten nicht nur senden, sondern auch empfangen, um beispielsweise Softwareaktualisierungen für einzelne Systeme auch während der Fahrt vorzunehmen.

Manipulationssicherheit ist ein starkes Argument. Im freien Markt ist man allerdings davon überzeugt, dass der Direktzugang zu den Fahrzeugsystemen für Drittanbieter über standardisierte, interoperable Schnittstellen und eine offene Telematikplattform den Sicherheitserfordernissen der Automobilhersteller gerecht wird. Das von den Herstellern zur Datenweitergabe vorgeschlagene Modell einer Extended-Vehicle-Plattform lehnt der freie Markt ab. Stark verkürzt spiegelt Exended Vehicle die Systeme und Daten aus jedem Fahrzeug auf einem externen Server, zu dem Drittanbieter einen Zugang haben.

Hauptnachteile aus Sicht des freien Marktes:

  • Die Hersteller lesen immer mit, welche Daten von wem für welche Fahrzeuge abgerufen werden.
  • Für Echtzeitanwendungen ist die Lösung ungeeignet, da die Datenübertragung zu lange dauert (oder von Herstellern bewusst verzögert werden kann).
  • Die Hersteller wählen aus, welche Daten gespiegelt werden und welche nicht.
  • Über Extended Vehicle können nur Daten ausgelesen werden. Die Fahrzeugsysteme können keine Daten für Systemprogrammierungen empfangen.
  • Drittanbieter haben über Extended Vehicle keinen direkten Zugang auf das Zentraldisplay im Fahrzeug und damit zum Autofahrer.

Der Vorwurf der Protagonisten im freien Reparaturmarkt: Die Automobilindustrie wolle Digitalisierung und Fahrzeugvernetzung gezielt einsetzen, um den Markt aktiv zu steuern und zu beeinflussen – und das nicht nur für Service- und Reparaturdienstleistungen. Versicherungsangebote, Pannenhilfe, selbst Ort und Anbieter der nächsten Hauptuntersuchung könnten Hersteller über ihren vollen Durchgriff auf das Display im Auto steuern und damit Kaufentscheidungen von Autofahrern beeinflussen.

Der freie Reparaturmarkt fordert unter anderem:

  • Über eine Open-Telematics-Plattform sollen Drittanbieter direkten Zugriff auf die Daten aus den Fahrzeugen bekommen – vollständig und ohne Zeitverzug.
  • Drittanbieter müssen die Möglichkeit haben, Daten nicht nur auszulesen, sondern bei Bedarf auch Zugang zu den Systemfunktionen erhalten (z. B. Fehlercodes löschen).
  • Der Autofahrer muss grundsätzlich die Wahl haben, welche Daten aus seinem Fahrzeug nach außen gegeben werden und welcher Anbieter die Daten bekommt.
  • Schnittstellen, die für die Vernetzung relevant sind, müssen standardisiert, sicher, interoperabel und frei zugänglich gestaltet sein. Nur dann ist gewährleistet, dass unabhängige Anbieter eigene Angebote und Geschäftsmodelle eta­blieren können.
  • Drittanbieter müssen über den gleichen Weg mit dem Kunden in Kontakt treten und ihre Angebote genauso komfortabel offerieren können wie die Automobilhersteller. Das impliziert einen Zugang zum zentralen Fahrzeugdisplay.
  • Daten, die beispielsweise für die Steuerung des Verkehrsflusses von Interesse sind (Positionsdaten, Geschwindigkeit, Licht, Scheibenwischer etc.) sollen anonymisiert und unverschlüsselt weitergegeben werden.

Es bleibt abzuwarten, ob diese Forderungen bald auch Eingang in eine europäische Verordnung finden und damit den Wettbewerb im Reparatur- und Servicemarkt dauerhaft sichern.

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