Fiat 127 Flotter Flitzer für viele

Autor / Redakteur: Wolfram Nickel/SP-X / Steffen Dominsky

Kleinwagen waren immer schon eine italienische Spezialität. Aber mit dem genialen technischen Konzept des Fiat 127 gelang es dem Turiner Automobilgiganten sogar, das Kleinwagensegment zu erneuern, was zahlreiche Nachahmer inspirierte.

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Im April 1971 führte Fiat den 127 als Nachfolger des 850 ein. Mit dessen Konzept, Heckmotor und Heckantrieb, brach der Neue auf ganzer Linie.
Im April 1971 führte Fiat den 127 als Nachfolger des 850 ein. Mit dessen Konzept, Heckmotor und Heckantrieb, brach der Neue auf ganzer Linie.
(Bild: Fiat)

Tatsächlich definierte der Fiat 127 das Layout der meisten folgenden Cityflitzer. Der junge Stardesigner Pio Manzù verlieh ihm klare Linien, und der legendäre Konstrukteur Dante Giacosa stattete ihn mit zukunftsweisender Technik aus. die Die Italiener zeigten mit dem Fiat 127, wie ein cooler Kleinwagen rund acht Millionen Käufer gewinnen kann – weit vor Audi 50 und VW Polo, aber auch viel früher als Ford Fiesta und vor allem der Opel Corsa. Nicht einmal dem raffiniert gestylten Rivalen Renault 5 gelang 1972 ein derart furioser Start. Gewiss, Frontantriebstechnik, kräftige Quermotoren, Einzelradaufhängung sorgten rundum für ein souveränes Fahrverhalten.

Und die ab dem zweiten Modelljahr für den Fiat erhältliche große Heckklappe hatten schon andere Pioniere wie Mini Countryman und Autobianchi Primula. Aber nie zuvor war dieses Produktkonzept so erfolgreich vermarktet worden. Der 3,59 Meter kurze Fiat 127 gewann deshalb nicht nur prompt den Medienpreis „Auto des Jahres 1972“. Er avancierte wenig später auch zum meistverkauften Auto Europas und in Südamerika unter der Typenbezeichnung 147 sogar zum Volksauto mit Kultstatus, das erst nach 35-jähriger Bauzeit in den Ruhestand geschickt wurde.

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Einzigartig war auch das kreative Karosserieportfolio, in dem der kleine Fiat angeboten wurde. Nicht weniger als zehn werksseitige Aufbauten standen für den Miniflitzer bereit. Allerdings differierte das Angebot je nach Markt. So gab es in Deutschland neben Zwei- und Dreitürern italienischer Provenienz auch vier- und fünftürige spanische Seat 127 sowie Fiorino-Transporter und Pick-ups brasilianischer Herkunft. Nur vereinzelt anzutreffen war dagegen der Fiat Rustica als mutiger Versuch, die Crossover-Mode des 21. Jahrhunderts mit rustikalen Offroad-Applikationen vorwegzunehmen.

Nicht zu vergessen der auf 3,92 Meter gestreckte Fiat 127 Panorama als global erster Kleinwagenkombi mit knausrigem Dieselmotor. Mit einem Normverbrauchswert von nur 5,1 Litern Diesel auf 100 Kilometern deklassierte dieser ebenfalls in Südamerika gebaute Fiat nicht nur alle anderen Kombis. Er brillierte 1981 hierzulande auch als zweiteffizientestes Fahrzeug am Markt, übertroffen nur von VW Golf Diesel und Jetta Diesel.

Die Formel für Fahrfreude: Niedriges Gewicht und quirlige Motoren

Als verführerischer Sympathieträger sonniger italienischer Lebensart zeigte sich der Fiat außerdem in Form eines von der Carrozzeria Moretti elegant eingekleideten Coupés, als Strandauto Moretti Midimax oder Samba, als vielseitiger Hochdachkombi Moretti Palinuro oder als Frua Dingy für Beachvolleyball-Fans.

Und dann gab es noch den Coriasco Giardinetta im Shootingbrake-Design, den ebenfalls bei Coriasco gefertigten Jagdwagen Scout, das von Lombardi realisierte extravagante viertürige Fastback Lucciola sowie die offenen Funcars Bertone 127 Village und Lombardi 127 Holiday. Nicht zu vergessen die Dynamiker von Giannini und Progetto Sport als direkte Vorboten des volumenstarken 127 Sport 70 HP, der 1978 europaweit in den Schauräumen der Fiat-Händler auftauchte.

Die 34 kW/45 PS leistende Basisversion des Fiat 127 nutzte damals noch das 0,9-Liter-Triebwerk aus dem Heckmotorvorgänger Fiat 850 (Coupé). Damit zählte sie Ende der Siebzigerjahre zu den billigsten Autos auf dem deutschen Markt. Im 127 Sport arbeitete dagegen bereits ein 51 kW/70 PS freisetzendes 1,05-Liter-Aggregat. Dieses beschleunigte den 755 Kilogramm leichten Heißsporn auf 160 km/h. Damit konnte der vorzugsweise in schrillem Racing-Orange lackierte Fiat fast allen damals populären sportiven Statussymbolen junger Männer seinen Abarth-Auspuff zeigen, also speziell den angesagten 1,6-Liter-Ford-Capri und -Opel-Manta, aber auch BMW 316 und natürlich den kleinen Kraftzwergen von Audi 50 GLS bis Fiesta S.

Der Wettbewerb pflegte lieber lange Traditionen

Sogar gegenüber dem konzerninternen Konkurrenten Autobianchi A112, mit dem er sich die Antriebseinheit teilte, fuhr der Fiat laut zeitgenössischer Vergleichstests davon. Noch mehr Dampf unter der Haube hatte das 1981 vorgestellte Facelift des 127 Sport. Mit 55 kW/75 PS aus 1,3 Litern Hubraum konnte sich der bereits zehn Jahre alte Turiner sogar gegen Nachwuchsstars behaupten wie das 1982 lancierte Polo Coupé. Allein der Renault 5 Alpine erwies sich immer als unbezwingbar, spielte allerdings auch in einer viel höheren Preisliga.

Wie kein anderer Konzern der Welt verstand es Fiat damals, mit kleinen Autos global große Geschäfte zu machen. Dem Fiat 127 kam vor 50 Jahren dabei die Schlüsselrolle zu, den italienischen Industrieriesen in die Moderne zu führen.

Während Wettbewerber wie NSU Prinz/1000, Simca 1000, Hillman Imp oder VW Käfer 1200 weiter am Heckmotor festhielten, ersetzte der Fiat 127 das konstruktiv vergleichbar gestrige Duo Fiat 850 und Fiat 770. In den eleganten Formen von Pio Manzù gewann er sogar konservative Käufer, denen etwa der 1972 eingeführte Renault 5 mit seinen provokativen Plastikstoßfängern zu progressiv erschien. Während die italienischen Musikcharts vom sonnigen „La canzone del sole“ (Lucio Battisti) bestimmt wurden, festigte der frontangetriebene Typ 127 Fiats Vormachtstellung in Italien und in vielen aufstrebenden Märkten.

Jeder zweite in Italien verkaufte Neuwagen trug damals das Fiat-Logo. Dieses Ziel strebte der Turiner Autobauer auch in Brasilien und Argentinien an, verfolgte es über das Montagewerk von Livingstone Motor Assemblers im afrikanischen Sambia und realisierte es via Seat-Lizenz in Spanien. In Osteuropa reüssierte der Fiat 127 in Polen und als Genspender für den berühmt-berüchtigten Zastava Yugo aus Jugoslawien, der sogar in Nordamerika verkauft wurde.

Auch der Nachfolger wurde ein echter Verkaufsschlager

Der 1969 eingeführte erste kompakte Frontantriebs-Fiat vom Typ 128 konkurrierte in der Disziplin „Schnellroster“ noch mit „Korrosionskönigen“ wie dem Alfasud. Der Fiat 127 profitierte zügig von einem neuen Lackierverfahren inklusive Rostschutzbehandlung und einem Garantieversprechen gegen die braune Pest. Maßnahmen, die das italienische Volksauto ebenso zum Longseller prädestinierten wie die mechanische Robustheit, die von Fachmedien in Dauertests herausgestellt wurde.

Über 50.000 nahezu defektfreie Kilometer mit einem hochdrehenden 0,9-Liter-Motor – die 34 kW/45 PS standen erst bei 6.000 min-1 bereit – waren Anfang der Siebzigerjahre geradezu sensationell. So wundert es nicht, dass der Kleinwagen, der 1977 und 1981 an Front und Heck durch zeitgeistige Kunststoffapplikationen aufgefrischt wurde, seine Antriebstechnik auch noch im 1980 vorgestellten Panda 45 weiterleben ließ.

Abgelöst wurde der 127 in Europa erst durch den 1983 eingeführten Uno. Dieser machte seinem Namen alle Ehre und führte die Marke Fiat wie schon der 127 noch einmal an die Spitze der europäischen Verkaufscharts. Und noch etwas verbindet die Typen Uno und 127: Beide Italiener sind heute fast verschwunden – von den Straßen und auch aus dem kollektiven Gedächtnis.

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