Gefahren: Mercedes-Benz Citan

Autor Stephan Richter

Ein Schwabe aus Frankreich: Mit dem neuen Mercedes-Benz Citan greift der Hersteller auf das Know-how des Kooperationspartners Renault zurück und bläst zum Sturm auf das Segment der City-Vans.

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Der Citan soll für Aufruhr im Lieferwagensegment sorgen.
Der Citan soll für Aufruhr im Lieferwagensegment sorgen.
(Foto: Suffner)

Europa bekommt einen neuen Stadtlieferwagen. Mercedes-Benz schickt sich an, zum Full-line-Anbieter aufzusteigen und die Lücke unterhalb des Vito zu füllen: Am 1. September ist Verkaufsstart des Citan – Publikumspremiere feiert der kleine Transporter bei der Nutzfahrzeug-IAA 2012 in Hannover.

„Der Citan ist ein Mercedes.“ Normalerweise sind Worte wie diese von Volker Mornhinweg, Leiter Mercedes-Benz Vans, als selbstverständlich anzusehen, sobald ein Hersteller ein neues Modell auf den Markt bringt. In Sachen Citan haftet diesem Hinweis fast etwas Rechtfertigendes an, baut Mercedes seinen neuen Transporter doch in Kooperation mit Renault auf der Basis des Kangoo. „Unsere Kunden haben ein Auto wie den Citan gefordert. Diesen Wünschen kommen wir jetzt nach und greifen auf einen Partner zurück, der über ein großes Know-how in diesem Segment verfügt“, sagte Mornhinweg anlässlich der internationalen Fahrvorstellung.

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Einmal hinters Steuer geklemmt, mag man den Worten des Mercedes-Vans-Chefs glauben. Im Interieur erinnert wenig an den französischen Bruder: Hochwertig anmutende Materialien, USB-Anschluss am Radio, viele Ablagefächer (bis zu 77 Liter Stauraum) und Fünf-Gang-Getriebe (2013 kommt der Benziner mit sechs Gängen) fallen als erstes auf. Im Fahrbetrieb kommen noch die Start-Stopp-Automatik hinzu sowie ein Hinweis im Display auf ein effizientes Schaltverhalten und ein Schaltknüppel, der genau weiß, wo die Gänge sind. Dass im Pressefahrzeug der Dachhimmel ausgefranst ist, mag dem Umstand des Vorserienmodells geschuldet sein.

Assistenzsystem erkennt Beladungszustand

Den Ernstfall ließ Mercedes seine Testfahrer auf einer abgesperrten Strecke testen: Slalom, Ausweichmanöver und Vollbremsungen standen auf dem Programm. Dank dem Stabilitätsprogramm „Adaptive ESP“, das den Beladungszustand des Fahrzeugs mit berücksichtigt, meistert der Citan auch diese Aufgaben, unterstützt durch ABS, elektronische Bremskraftverteilung EBV, Motorschleppmomentregelung MSR, die Über- und Untersteuerungskontrolle VDC (Vehicle Dynamic Control) sowie das Traktionssystem TCS (Traction Control System). Weitere technische Informationen finden sich in der Bildergalerie und dem Kastentext.

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Die Citan-Motorenpalette

Diesel mit 1,5 Liter Hubraum

  • 108 CDI, Leistung 55 kW (75 PS), Drehmoment 180 Nm
  • 109 CDI, Leistung 66 kW (90 PS), Drehmoment 200 Nm
  • 111 CDI, Leistung 81 kW (110 PS), Drehmoment 240 Nm

Benzin-Direkteinspritzer mit 1,2 Liter Hubraum

  • 112, Leistung 84 kW (114 PS), Drehmoment 190 Nm.

Der 108 CDI und 109 CDI sind ab sofort lieferbar, die Varianten Citan 111 CDI und Citan 112 sollen im Sommer 2013 folgen.

Beide Seiten lernen aus der Kooperation

Um den eigenen Premiumansprüchen zu genügen, hat Mercedes das Fahrwerk optimiert und zahlreiche Sicherheitssysteme verbaut. „Der Citan entsteht im selben Werk wie der Kangoo. Renault hat von unseren Qualitätsvorstellungen gelernt und profitiert. Nur wenn beide Seiten ihre Vorteile aus der Zusammenarbeit ziehen, macht so eine Partnerschaft Sinn“, erklärte Mornhinweg. Bereits Anfang des Jahres hieß es, dass sich Fahrzeuge, die sich in diesen Stückzahlen bewegen, nur in Kooperation mit anderen Herstellern finanziell lohnen.

Verkaufsargument 24-Stunden-Service

Zu den Verkaufszielen gab Mornhinweg wie so oft keine Auskunft: „Unsere Erwartungen sind groß. Wir wollen mit dem Fahrzeug vier bis fünf Prozent Marktanteil im Small-Van-Segment erreichen.“ Die Händler in Europa verkaufen jährlich 700.000 Einheiten der kleinen Stadtlieferwagen. Mercedes möchte mit dem Citan in allen Märkten zulegen.

Als wichtigen Grund für den Erfolg des Citans nannte Mornhinweg das flächendeckende Servicenetz der Mercedes-Benz-Vertreter und Niederlassungen mit angeschlossenem 24-Stunden-Notdienst. „Unsere Partner kümmern sich schon jetzt rund um die Uhr um ihre Nutzfahrzeugkunden. Für diese Kunden ist auch der Citan gedacht.“

Preislich im oberen Mittelfeld

Doch wen trifft der neue Wettbewerber am meisten? Auf Nachfrage von »kfz-betrieb ONLINE« prognostizieren Nutzfahrzeughändler anderer Marken, dass der Citan den deutschen Markt „umkrempeln“ wird. Generell verkauft Mercedes mehr Sprinter als VW Crafter – obwohl beide Transporter im selben Werk entstehen. Widerfährt Renault das gleiche Schicksal?

Preislich hat Mercedes sein neues Auto rund 4.000 Euro über dem Kangoo und knapp unter dem Caddy angesetzt: Der Einstiegspreis beträgt 14.660 Euro (zzgl. Mwst.) und endet in Vollausstattung knapp unter 19.000 Euro (zzgl. Mwst.). Neben einem von Mercedes ausgegebenen Kraftstoffverbrauch von 4,3 Litern auf 100 Kilometern sind die Stuttgarter selbstbewusst, dass ihr Citan zudem einen höheren Restwert als der Wettbewerb erzielen wird.

Kein Citan Z.E. in Sicht

Ein Citan mit Automatikgetriebe und Allradantrieb ist bei Mercedes derzeit nicht geplant. Auch für eine Elektro-Variante sieht Mornhinweg derzeit keinen Bedarf: „Die E-Mobilität braucht noch ihre Zeit. Die Kunden sind weiterhin skeptisch und warten ab. Wir sind bereits länger mit dem Vito E-Cell erfolgreich am Markt unterwegs und verfügen über die Technik. Sollten die Kunden verstärkt nach Elektroantrieben fragen, können wir schnell reagieren“, sagte Mornhinweg.

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