„Handy-Verbot“ auch für Touchscreens: Das bedeutet das Urteil für die Autobranche

Seite: 2/2

Firmen zum Thema

Kriterien für die Fahrzeugbedienung

Für Automobilhersteller zeigt sich hier ein schmaler Grat zwischen intuitiver Bedienbarkeit und rechtlicher Sicherheit. Daimler sieht den Beschluss „als eine Bestätigung der bisherigen Rechtsprechung zum Thema Fahrerablenkung. Er bringt eine Klarstellung hinsichtlich der prinzipiellen Anwendbarkeit des § 23 Abs. 1a StVO auf Touchscreens. Aber er bedingt keine neuen Anforderungen etwa in Bezug auf das zulässige Maß einer Blickabwendung bei der Nutzung eines Touchscreens.“

Grundsätzlich ist der Fahrer verpflichtet, im Straßenverkehr ausreichend aufmerksam zu sein. Die Automobilhersteller können ihm diese Aufgabe erleichtern. „Wir unterziehen unsere Bedienkonzepte vielschichtigen Probandenstudien zu Fahrerablenkung und Fahreraufmerksamkeit – um objektiv nach offiziellen Kriterien die Ablenkung zu messen und subjektive Rückmeldungen künftiger Nutzer zu erhalten. Diese Kriterien sind zum Beispiel Bestandteil der sogenannten JAMA-Guideline. In der steht auch, wie viele Untermenüs maximal auf dem Weg zu bestimmten Funktionen durchschritten werden dürfen“, beschreibt der Sprecher eines Automobilherstellers aus dem süddeutschen Raum, der namentlich nicht genannt werden will.

„JAMA“ steht für „Journal of the American Medical Association“ und beschreibt eine internationale, medizinische Fachzeitschrift. Daneben existieren weitere internationale Normen, zum Beispiel das „European statement of Principles,“ (ESoP) oder die „Alliance of Automobile Manufacturers“ (AAM). Für die Position des Bildschirms gibt es weltweit geltenden Richtlinien, bezüglich maximaler Blickabwendung zu Seite und nach unten, bezogen auf die Sitzposition des Fahrers.

Grundfunktionen direkt erreichbar

Der von Daniel Wuhrmann angesprochene direkte Zugriff auf systemrelevante Einstellungen ist bei den meisten Automobilherstellern üblich und dürfte sich dem Beschluss folgend auch nicht ändern. „Wichtige Grundfunktionen, auf die der Fahrer schnell und sicher zugreifen können muss, weil sie die Fahrsicherheit betreffen können, sind als Hardware- oder separater Softtouch-Taster mit haptischer Rückmeldung und fester Position ausgelegt“, kommentiert der süddeutsche Autohersteller.

Weitere Bedienvarianten sind je nach Hersteller und Modell das Multifunktionslenkrad mit sogenannten „Touch Controls“, ein Head-up-Display, natürlich-sprachliches Sprachdialogsystem oder haptisches Feedback des Bildschirms.

Bedienkonzept im Tesla zu komplex

Im Fall des betroffenen Tesla ist das Bedienkonzept wohl etwas zu komplex ausgelegt. Zwar verfügt das Model 3 über den üblichen Hebel zum Einschalten des Scheibenwischers. In der Betriebsanleitung des Modells heißt es dann aber weiter: „Um die Einstellung des Dauerbetriebs der Scheibenwischer zu verändern, berühren Sie das Scheibenwischersymbol im Registerkartenbereich des Touchscreens. Auf der Wischerkarte wird der aktuelle Status der Scheibenwischer angezeigt.“

(ID:46800501)

Über den Autor

 Thomas Günnel

Thomas Günnel

Fachjournalist, Redaktion AUTOMOBIL INDUSTRIE