Herbstakademie 2018: Gefragter Impulsgeber für Führungskräfte

Autor: Wolfgang Michel

Bis auf den letzten Platz ausgebucht war die Veranstaltung für die Juniorinnen und Junioren des Kfz-Gewerbes. Zum zwölften Mal gab es für die Nachwuchsführungskräfte berufliche sowie persönliche Impulse – gefeiert wurde auch.

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Hier spielt die Musik für die Nachwuchsführungskräfte im Kfz-Gewerbe: In diesem Jahr fand bereits die zwölfte Herbstakademie der Junioren auf Sylt statt.
Hier spielt die Musik für die Nachwuchsführungskräfte im Kfz-Gewerbe: In diesem Jahr fand bereits die zwölfte Herbstakademie der Junioren auf Sylt statt.
(Bild: Zietz / »kfz-betrieb«)

Die Herbstakademie des Kfz-Gewerbes auf Sylt hat sich endgültig als Ort des Dialogs und der Impulse etabliert. Sie war bis auf den letzten Platz ausgebucht, und das schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt. „Schön, dass Sie sich wieder auf den Weg nach Sylt gemacht haben. Wir freuen uns, dass Sie so zahlreich zur Herbstakademie der Junioren aus ganz Deutschland angereist sind. Und wir freuen uns ebenfalls sehr darüber, dass unsere bewährten und treuen Partner auch in diesem Jahr wieder mit an Bord sind“, sagte Jan-Niklas Sontag, Geschäftsführer des Landesverbands Schleswig-Holstein. Damit war die Herbstakademie 2018 vom 9. bis 11. November eröffnet.

„Liebe Stamm- und Premierengäste, liebe Freunde des Netzwerkens, liebe Partner, so schnell wie in diesem Jahr war die Herbstakademie noch nie ausgebucht. Alle zwei Jahre zieht die Herbstakademie regelrecht ihre Gäste auf die Insel Sylt. Das liegt unter anderem daran, dass sich hier seit vielen Jahren ein hervorragendes Netzwerk für die Nachwuchsführungskräfte des Kfz-Gewerbes gebildet hat“, sagte Rolf-Dieter Fröhling in seiner Begrüßung. „Wir haben auch in diesem Jahr wieder tolle Referenten gewonnen, die ganz sicher Ihren beruflichen und privaten Horizont erweitern“, so der Landesverbandspräsident Schleswig-Holsteins weiter.

Herbstakademie 2018: Trommeln für den Erfolg
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Ganz besonders bedankte sich der Präsident bei den langjährigen Partnern und Unterstützern der Veranstaltung. In seiner Funktion als LV-Präsident besuchte Rolf-Dieter Fröhling die Herbstakademie zum letzten Mal. Künftig wird er sich einer neuen beruflichen Herausforderung in einer anderen Branche widmen. Fröhling war seit 2008 Verbandspräsident des Kfz-Gewerbes Schleswig-Holstein. Er engagierte sich seit der Gründung der Herbstakademie für die Förderung von Junioren und jungen Führungskräften. Das dankten ihm die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Herbstakademie 2018 mit einem lang anhaltenden Applaus.

Kfz-Betriebe sollten auch eine Exit-Strategie haben

Traditionell eröffnete Wolfgang Michel, Chefredakteur »kfz-betrieb«, den Vortragsreigen der Herbstakademie. „Warum ist die Zukunft der Kfz-Betriebe in Gefahr?“ lautete der Titel seines Vortrags. Auch wenn die Gefahrenlage heute eine andere sei, sei die Zukunft der Kfz-Betriebe immer schon gefährdet gewesen. „Vor allem dann, wenn man in der Gegenwart von der Vergangenheit träumt und gleichzeitig die Zukunft ausblendet“, sagte Michel. Er beleuchtete verschiedene Marktentwicklungen und ging unter anderem auf die neuen digitalen Vertriebskonzepte von Audi bis Volvo ein. Diese sorgten künftig dafür, dass der Anteil der vom Handel verkauften Neuwagen weiter zurückgehen würde.

Michel untermauerte die diesbezügliche Entwicklung mit Zahlen aus den vergangenen zwei Jahrzehnten: 1996 verkauften die rund 25.600 Markenautohäuser rund drei Millionen Neuwagen. Von den Herstellern selbst kamen nur rund 280.000 verkaufte Einheiten hinzu. 2017 vermarkteten die Hersteller bereits über 1,3 Millionen von den insgesamt 3,44 Millionen Neuwagen selbst. Für die 16.260 Standorte der Markenhändler verblieben somit nur noch 2,14 Millionen Einheiten. Damit verkauften die Autohersteller heutzutage nahezu 40 Prozent aller Neuwagen in Deutschland über ihre eigenen Vertriebskanäle – Tendenz steigend.

Traditionell eröffnete »kfz-betrieb«-Chefredakteur Wolfgang Michel den Vortragsreigen der Herbstakademie. In seinem Vortrag zeigte er, was die Kfz-Betriebe in den nächsten Jahren erwartet, und gab den Nachwuchsführungskräften verschiedene Tipps für die Zukunft mit auf den Weg.
Traditionell eröffnete »kfz-betrieb«-Chefredakteur Wolfgang Michel den Vortragsreigen der Herbstakademie. In seinem Vortrag zeigte er, was die Kfz-Betriebe in den nächsten Jahren erwartet, und gab den Nachwuchsführungskräften verschiedene Tipps für die Zukunft mit auf den Weg.
(Bild: Zietz / »kfz-betrieb«)

Auch auf die viel diskutierte Elektromobilität ging der Chefredakteur ein. Natürlich würden der Verkauf und damit der Bestand von Elektrofahrzeugen in den nächsten Jahren zunehmen. Aber das Elektroauto deshalb als Gefahr für das Kfz-Gewerbe zu bezeichnen, sei derzeit völlig unangebracht. Zum 1. Januar 2018 vermeldete das KBA einen Fahrzeugbestand von über 46 Millionen Pkws. Davon waren 65,5 Prozent mit einem Benzin- und 32,8 Prozent mit einem Dieselmotor ausgestattet. Der Bestand an reinen Elektro-Pkws stieg auf 53.861 Einheiten. Auch wenn die Akzeptanz und damit der Absatz von Elektroautos in den kommenden Jahren weiter zunehmen würden, führe am Verbrennungsmotor noch ganz lange kein Weg vorbei. Die Elektromobilität könne die Automobilität in den nächsten zehn Jahren keinesfalls komplett auf den Kopf stellen. Vielmehr ergänze sie die Antriebstechniken um eine weitere Variante. Um die individuelle Mobilität mit all ihren Facetten für die Zukunft sicherzustellen, brauche es weiterhin hochmoderne und umweltfreundliche Benzin- und Dieselmotoren.

Losgelöst von Vertriebskonzepten, Neuzulassungszahlen und Fahrzeugtechnologien hatte Michel folgende Ratschläge für die Nachwuchsführungskräfte parat:

  • Im digitalen Zeitalter braucht jedes Unternehmen zwingend eine digitale Kompetenz und Präsenz in all seinen Geschäftsfeldern.
  • Ferner müssen Markenautohäuser auch Strategien entwickeln, die sie wirtschaftlich unabhängiger von ihren Herstellern machten.
  • Die E-Mobilität und das autonome Fahren gilt es in der perspektivischen Unternehmensplanung zu berücksichtigen.
  • Nur mit einer motivierten/kompetenten Belegschaft lassen sich die vielfältigen Aufgaben beherrschen und die Unternehmensziele erreichen.
  • Auch in Zukunft wird es Entwicklungen geben, die sich heute noch nicht absehen lassen. Deshalb sollte jedes Unternehmen eine Exit-Strategie entwickeln.

Apropos motivierte und kompetente Belegschaft: „Den Kampf um die besten Köpfe gewinnen“ – unter dieser Headline stand der Vortrag von Jörg Felfe. Seit 2010 ist er als Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg tätig. Seit 1990 ist Felfe zudem als Berater und Coach unterwegs. Seiner Meinung nach sei der Kampf um die besten Köpfe schon seit geraumer Zeit entbrannt. Viele Unternehmen hätten mittlerweile verstanden, dass sie nur dann dauerhaften Erfolg hätten, wenn sie über leistungsbereite und loyale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfügten. Denn nur diese würden sich mit den Unternehmenszielen identifizieren und sich entsprechend engagieren. Wie aber könne es gelingen, solche Menschen zu gewinnen und an das Unternehmen zu binden? Aus Sicht der Belegschaft stelle sich wiederum die umgekehrte Frage: Wie wichtig ist es, gerade in diesem Unternehmen zu arbeiten und nicht in irgendeinem anderen, in dem es vielleicht sogar mehr Geld zu verdienen gäbe?

Prof. Jörg Felfe: „Gewinnung und Bindung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist eine zentrale Führungsaufgabe.“
Prof. Jörg Felfe: „Gewinnung und Bindung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist eine zentrale Führungsaufgabe.“
(Bild: Zietz / »kfz-betrieb«)

Vorgesetzte müssten sich die Frage stellen, welche Gedanken und Empfindungen Mitarbeiter mit ihren Unternehmen verbinden. Schließlich sei es ein himmelweiter Unterschied, ob die Mannschaft überwiegend positive Emotionen wie Stolz und Freude empfinde oder in ihrer Haltung eher neutral oder gar kritisch distanziert eingestellt sei. Wie die Belegschaft das bewerte, hänge ganz stark von der individuellen Verbundenheit und der Identifikation mit dem Unternehmen ab. Das psychologische Band zwischen Mitarbeitern und Unternehmen werde als Mitarbeiterbindung oder organisationales Commitment bezeichnet. In seinem Vortrag zeigte Felfe an Beispielen auf, wie und warum sich Beschäftigte an ihr Unternehmen binden und welchen Einfluss Commitment auf den Unternehmenserfolg hat. Ferner erklärte der Referent, welche Möglichkeiten Führungskräfte hätten, das Gemeinschaftsgefühl zu fördern. Seine zentrale Botschaft an die Gäste der Herbstakademie 2018 lautete: „Gewinnung und Bindung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist eine zentrale Führungsaufgabe.“

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Es gehe in erster Linie nicht um Geld, Leistung oder Verträge. Viel wichtiger sei es, wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Führung im Unternehmen erlebten. Vor allem müssten die Unternehmensleitlinien von den Vorgesetzten nicht nur vorgegeben, sondern selbst gelebt werden. In Sachen Mitarbeiterbindung gebe es kaum Unterschiede zwischen verschiedenen Aufgabenbereichen. Sie funktioniere nahezu überall gleich. Jedoch seien kleinere und mittlere Betriebe im Vergleich zu großen Unternehmen im Vorteil, da dort flachere Hierarchien und eine direktere Kommunikation zwischen Führungskräften und Mitarbeitern vorherrschten. Unabhängig von der jeweiligen Unternehmensgröße gelte aber folgender Grundsatz für alle: „Für Mitarbeiterführung muss man sich Zeit nehmen.“ Führung müsse zudem im Sinne eines Dialogs funktionieren. Zu oft gebe es folgende Situation: Die Führungskräfte sagen, „wir reden doch ständig.“ Die Mitarbeiter wiederum meinen, „für uns interessiert sich doch sowieso keiner bzw. uns hört keiner zu.“

Unterschätzen Sie die Macht der Sprache nicht

Um Reden und Zuhören ging es auch im nächsten Vortrag. Wörter seien die wirksamste Waffe, wann immer es darum gehe, sich begreifbar zu machen, mit Mitbürgern zu kommunizieren, Kunden zu erreichen oder Mitarbeiter zu mobilisieren. Dr. Elisabeth Wehling vermittelte ihren Zuhörern die Macht der Worte sehr anschaulich. Wehling ist Kognitionswissenschaftlerin und eine weltweite Autorität auf dem Gebiet der neurokognitiven Verhaltensforschung. Gemeint ist damit der Einfluss von Sprache auf das Gehirn und nachgelagerte Entscheidungen. Wehling erforscht unter anderem konservative und progressive Wertevorstellungen in politischen Debatten. Im Herbst 2016 machte sie von sich reden, da sie eine der wenigen Wissenschaftler weltweit war, die den Wahlsieg von Donald Trump dank experimenteller Erhebungsmethoden vorhersagten.

Diese Methode entwickelte sie mit ihrem Team an der University of California. Wehling zufolge aktiviere jedes einzelne Wort einen „Frame“ (Rahmen) im Kopf der Menschen. Das treffe in allen Sprachen auf alle Wörter zu. Das Wort „Salz“ beispielsweise aktiviere einen Frame, der Bilder wie Essen, Kauen, Schlucken, Geschmack und sogar Durst beinhalte. Das Gehirn simuliere den Geschmack, wenn man das Wort hört und verarbeitet. Das Gehirn aktiviere genau jene Regionen, die auch dann aktiv seien, wenn wir Dinge schmecken. Der Grund für diese erhebliche Einwirkung von Sprache auf unseren Denkapparat und unsere Wahrnehmung ist laut Wehling einfach: „Unser Gehirn kann Dingen nur eine tiefe Bedeutung zuschreiben, indem es auf seine Welterfahrung mit diesen Dingen zurückgreift.“ Ihre Bespiele: „Wir kommen nicht auf die Welt mit dem Wissen, dass Schokolade lecker ist. Das lernen wir erst im Laufe der Zeit. Und wenn wir das Wort Zitrone hören, dann denken wir automatisch: gelb und sauer.“

Dr. Elisabeth Wehling: „Unterschätzen Sie die Macht der Sprache zu keinem Zeitpunkt. Seien Sie in Ihrer Sprache immer so konkret wie möglich.“
Dr. Elisabeth Wehling: „Unterschätzen Sie die Macht der Sprache zu keinem Zeitpunkt. Seien Sie in Ihrer Sprache immer so konkret wie möglich.“
(Bild: Zietz / »kfz-betrieb«)

Wehling hatte auch Beispiele aus der Arbeitswelt parat. Zum Beispiel die Aussage: „Nein, das ist absolut die falsche Entscheidung. Wir müssen da aus einer ganz anderen Richtung denken!“ Es mache einen großen Unterschied, ob sie von einem Mann oder einer Frau geäußert werde. Würde eine Frau sich so äußern, kämen folgende Frames in den Sinn: blöd, zickig, anmaßend. Werde dieselbe Aussage von einem Mann getroffen, verbinde man damit den Frame kompetent, natürliche Autorität und Durchsetzungsstärke. Als weiteres Beispiel skizzierte Wehling folgende Situation: „Die nette Frau Schneider wird sehr positiv bewertet, solange sie unsere Sekretärin ist. Ist dieselbe Frau Schneider unsere Chefin, sehen wir sie völlig anders.“ Selbst ein Ohrwurm entstehe nicht, weil uns die Musik so gut gefalle. Das Lied werde nur zum Ohrwurm, weil wir es dauernd im Radio hörten. Deshalb sei es auch besser, eine Kaugummipackung mit dem Wort „zuckerfrei“ zu versehen anstelle von „mit Süßungsmittel“. Das Wort zuckerfrei erziele beim Konsumenten dieselbe Wirkung wie das Wort steuerfrei beim Bürger.

Welche Auswirkungen Wörter haben, belegte die Referentin an einem weiteren eindrucksvollen Beispiel. So habe sie im Labor an ihrer Universität junge Studenten die Worte senil, grau, Rente und Blasentee vorgespielt. In der Folge sei bei den Probanden der Frame „Alter“ im Kopf entstanden. Ergebnis: Als die Studenten 30 Minuten später das Labor wieder verließen, seien sie deutlich langsamer durch den Flur gelaufen als zuvor auf dem Weg ins Labor.

Den Gästen der Herbstakademie gab Dr. Elisabeth Wehling folgenden Hinweis mit auf den Nachhauseweg: „Unterschätzen Sie die Macht der Sprache zu keinem Zeitpunkt. Seien Sie in Ihrer Sprache immer so konkret wie möglich.“

Die Moderation des zweiten Tages der Herbstakademie auf Sylt übernahm ZDK-Hauptgeschäftsführer Axel Koblitz.
Die Moderation des zweiten Tages der Herbstakademie auf Sylt übernahm ZDK-Hauptgeschäftsführer Axel Koblitz.
(Bild: Zietz / »kfz-betrieb«)

Den zweiten Tag der Herbstakademie eröffnete Dr. Axel Koblitz. Der ZDK-Hauptgeschäftsführer begrüßte die Gäste mit den Worten: „Junge Führungskräfte zu gewinnen, ist für uns existenziell. Wenn wir nicht vergreisen wollen, dann brauchen wir Sie.“ Koblitz bedankte sich bei den Sponsoren für deren Treue und beim Organisationsteam des Landesverbands Schleswig-Holstein für das Engagement rund um die Herbstakademie 2018. In seiner bekannt launigen Art sprach er anschließend über die Rolle sowie die Arbeit des ZDK als Interessenvertreter für das gesamte Kfz-Gewerbe auf politischer Ebene. „Sollte die Politik den Weg doch noch für eine Dieselnachrüstregelung frei machen, dann hätten tatsächlich wir die Euro-5-Fahrzeuge wieder verkäuflich gemacht“, so Koblitz. Ferner verwies er auf die seit Jahresanfang wieder eingeführte generelle Abgasuntersuchung am Auspuffendrohr. Dies sei nur durch die hartnäckige Verbandsarbeit ermöglicht worden. In Richtung der Gäste sagte der ZDK-Hauptgeschäftsführer: „Nehmen Sie diese hoheitlichen Aufgaben in Ihren Betrieben auch künftig wahr und geben Sie die Abgasuntersuchung nicht leichtfertig in die Hände der Sachverständigenorganisationen ab.“ Und in Sachen Abmahnmissstände im Kfz-Gewerbe merkte er an: „Es sieht derzeit gut aus, dass eine gesetzliche Regelung kommt, die Abmahnungen erschwert.“

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Ohne Respekt versinkt die Welt im Chaos

Ansehen gewinnen bei Freund und Feind. So lautete die Headline des Vortrags von René Borbonus. Die über 200 Gäste der Herbstakademie Sylt 2018 erlebten am zweiten Veranstaltungstag ein eindrucksvolles Plädoyer für eine vergessene Tugend: Respekt.

Der erste Vortrag am zweiten Tag gehörte René Borbonus. Sein Vortragstitel stand unter der Headline: „Respekt – Ansehen gewinnen bei Freund und Feind.“
Der erste Vortrag am zweiten Tag gehörte René Borbonus. Sein Vortragstitel stand unter der Headline: „Respekt – Ansehen gewinnen bei Freund und Feind.“
(Bild: Zietz / »kfz-betrieb«)

Borbonus gab den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in seinem 90-minütigen Vortrag zahlreiche Kommunikationstipps für den beruflichen Alltag und für das Privatleben.

„Du sollst nicht langweilen“ –dieses Gebot von Billy Wilder hat sich René Borbonus zu seinem Leitmotiv gemacht. Der Vortrag des Geisteswissenschaftlers war alles andere als langweilig. Seiner Meinung nach ist Respekt der Sauerstoff unter den sozialen Elementen. Respekt sei für das soziale Überleben unverzichtbar, aber heute leider nicht mehr selbstverständlich präsent. Respekt setze unglaublich viel Energie frei, mache Unternehmen erfolgreicher und halte Menschen nachweislich gesünder. Auf der anderen Seite mangele es oftmals an Respekt. Aber wie bekommt man mehr Respekt? Die auf den ersten Blick einfache Antwort laute: Wer andere Menschen mit Respekt behandelt, der bekommt Respekt zurück. Aber was ist Respekt überhaupt? Respekt bedeute, den anderen wirklich zu sehen. Als positives Beispiel nannte Borbonus die Deutsche Post: „Seit es bei der Post ein Programm gibt, dass beinhaltet, die Mitarbeiter respektvoll zu behandeln, sind die Menschen dort gesünder und der Konzern ist erfolgreicher.“

In vielen anderen Unternehmen würde Respekt zwar angeblich großgeschrieben. Es bliebe jedoch die Frage, warum ihn dann so viele vermissten. Als Grund nannte Borbonus das respektlose Klima in der gesamten Gesellschaft. Heute gebe es zum Beispiel Fernsehsendungen, deren Konzeption auf Respektlosigkeit basiere. Neben der Streitsucht in der Presse sorgten zudem die neuen Kommunikationswege für immer weniger Respekt. Während man früher einen Beschwerdebrief schreiben musste, verschickten die Menschen heute in überhöhter Geschwindigkeit ihren Frust digital überschnell an den Empfänger. Dafür zahlten wir am Ende alle den Preis. Früher hätten sich wildfremde Menschen im Zug unterhalten, heute schwiegen sie sich an. Die Menschen sagten noch nicht mal mehr „Guten Tag“ oder „Auf Wiedersehen“.

Mit Blick auf den beruflichen Alltag seien wir ebenfalls sehr oft respektlos – meistens jedoch aus Versehen. Borbonus nannte folgende Gründe für dieses Verhalten: Zum einen sehen wir das Problem des anderen nicht. Zum anderen gebe es den Kampf zwischen zwei Bedürfnissen. Als soziale Wesen bräuchten wir Verbundenheit und Unabhängigkeit. Sobald wir aber Verbundenheit herstellten, verlören wir Unabhängigkeit. Außerdem stellten wir zu oft die Konsistenz anderer infrage. Das bedeute, dass man die Persönlichkeit und die Würde des Menschen angreife. Beispielhaft nannte Borbonus folgenden Satz von Vorgesetzten: „Da haben Sie mich falsch verstanden.“ Der souveräne Chef hingegen sage: „Da habe ich mich falsch ausgedrückt, ich versuche es noch einmal.“ Borbonus hatte noch ein Beispiel parat. Dieses stammt im Original von Loriot: „Du bist zu spät. Du hast gesagt um elf. Ich hab gesagt um zehn. Ach so – und ich habe elf verstanden. Und ich dachte, ich hätte zehn gesagt.“

Zu einem respektvollen Umgang gehöre aber noch folgende Herausforderung: Weil sich die meisten Menschen nicht trauten „Nein“ zu sagen, gingen Diskussionen los. Aber warum respektierten wir nicht, wenn jemand „Nein“ sage? Weil die meisten Menschen der Meinung seien, man müsse ein Nein immer auch begründen. „Wenn wir ein Nein begründen müssen, geht es schon lange nicht mehr um das Nein, sondern vor allem um den Grund“, so Borbonus. Er forderte die Teilnehmer der Herbstakademie auf, künftig häufiger, aber immer freundlich, „Nein“ zu sagen.

Im Kontext zur Respektlosigkeit stünden immer auch unsere Emotionen. So kämen wir mit dem Gefühl nicht klar, dass man unsere Meinung nicht respektiere. Aber wenn wir emotional darauf reagierten, reagierten wir auf Respektlosigkeit mit Respektlosigkeit. Es sei niemals die Situation, die uns aufrege. Es sei immer das, was wir uns in dieser Situation vorstellten. Und Kränkungen bedeuteten immer, dass man eine Beachtung erwarte, sie aber nicht bekomme. Borbonus warnte diesbezüglich davor, dass Wut zwar ein grundgutes Gefühl sei, aber nur wenn die Wut auf einer realistischen Annahme beruhe. Wenn das nicht der Fall sei, wäre die Wut brandgefährlich.

Mit Christian Gansch kam am Samstagnachmittag ein dirigierender Referent zu Wort. Der Österreicher begründete mit seinem Buch „Vom Solo zur Sinfonie – Was Unternehmen von Orchestern lernen können“ den Orchester-Unternehmen-Transfer im deutschsprachigen Raum. Gansch hat eine ungewöhnliche Biografie: Einerseits war er als Dirigent internationaler Top-Orchester erfolgreich, andererseits arbeitete er 14 Jahre lang in der Musikindustrie, wo er Künstler wie Claudio Abbado, Lang Lang und Anna Netrebko sowie Orchester wie die Berliner und Wiener Philharmoniker produzierte. Neben vielen internationalen Auszeichnungen gewann er vier Grammy Awards.

Christian Gansch sprach darüber oder besser dirigierte, was Unternehmen von Orchestern lernen können.
Christian Gansch sprach darüber oder besser dirigierte, was Unternehmen von Orchestern lernen können.
(Bild: Zietz / »kfz-betrieb«)

Autoberufe und Orchestermusiker verbinden laut Christian Gansch Handwerk, Präzision und Disziplin. Der Dirigent und Musiker sieht aber noch viele weitere Parallelen: Wie in der Autobranche brauche man auch im Orchester Führungskräfte, die Vorbilder seien. „Der Dirigent ist nicht der große Zampano. Sein Job ist es, das Wechselspiel der unterschiedlichen Musiker zusammenzuführen“, sagte Gansch. Ein Profiorchester werde vom Publikum zwar als Einheit gesehen. In Wirklichkeit bestehe so ein Orchester aber aus lauter Exzentrikern, die beim Aufritt perfekt harmonieren müssten. Da jedes Konzert aufgenommen werde, bedeute das Musizieren extrem viel Arbeit, Stress und enormen Druck für alle. Damit es überhaupt funktioniere, müsse man vom Ich-Gefühl zum Wir-Gefühl kommen, aufeinander hören und miteinander handeln. Ebenso wichtig sei es, sich abteilungsübergreifend abzustimmen und gemeinsame Werte zu leben. „Da müssen schon einmal 60 Streicher ihre Strategie ändern, damit eine Flöte besser zu hören ist“, so Gansch. Und wenn ein Orchester einmal schlechter klinge, schiebe keiner die Schuld auf den anderen. Alle suchten den Fehler bei sich. „Wir brauchen keine Führungskräfte, die andere um etwas bitten, was sie selbst nicht erfüllen.“

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Von den Triangeln bis zu den Bläsern: In einem Orchester gebe es kleine und große Rollen, aber niemals unwichtige. Die schönste Sache an einem Orchester sei die Loyalität unter den Musikern vor dem Publikum. Vor dem Publikum dürfen wir keinesfalls unsere ansonsten zwischenmenschlichen Spielchen spielen. „Wenn es die Trompete versaut, sagt das Publikum nicht, dass die Trompete es versaut hat, sondern, dass das Orchester schlecht gespielt hat“, bringt es Gansch auf den Punkt. Auch interessiere sich das Publikum von heute Abend nicht dafür, wie gut das Orchester gestern gespielt habe. Der Job sei es vielmehr, jeden Tag von null auf hundert zu kommen. „Wer den täglichen Kundenkontakt nicht liebt, sollte besser etwas anderes machen.“ Und in Sachen Führung sagte er: „Man kann nicht immer jedem entgegenkommen. Der Preis ist der Verlust von Qualität und Ziel. Es gibt nie ein perfektes Konzert. Aber die wenigen kleinen Fehler dürfen vom Publikum nicht bemerkt werden. Deshalb müssen wir permanent an der Perfektion feilen.“

Mit dem Workshop „In Gesichtern lesen und Manipulationen erkennen“ startete die Herbstakademie Sylt in ihren dritten und damit letzten Tag. Sabrina Rizzo bestärkte die Sonntagsgäste darin, „verschüttete Fähigkeiten auszugraben, um damit die Anzahl böser kommunikativer Überraschungen zu reduzieren“. Dass Kommunikation komplex sei, wisse zwar jeder. „Trotzdem sind wir häufig sorglos, wenn es um dieses Thema geht. Damit geraten wir in die Gefahr, getäuscht zu werden“, so Rizzo. Sie präsentierte zwei Beispiele, die seit vielen Jahren stellvertretend für eine massive Publikumstäuschung stünden: So beteuerte Ex-US-Präsident Bill Clinton, niemals Sex mit seiner Praktikantin Monica Lewinsky gehabt zu haben. Und der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel gab am 18. September 1987 sein Ehrenwort, nichts mit dem größten politischen Skandal des nördlichsten Bundeslands zu tun zu haben. Jedoch schloss er beim Aussprechen seines Ehrenworts beide Augen. Er behauptete, nichts mit der Affäre zu tun zu haben, die seitdem untrennbar mit seinem Namen verbunden ist. Ob Clinton oder Barschel – schon lange steht fest, dass beide Männer gelogen haben.

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Sabrina Rizzo erzählte, dass Profiler wie sie die Lüge noch während der öffentlichen Stellungnahmen in Bruchteilen von Sekunden an sogenannten Mikro-Expressionen in den Gesichtern der Betroffen erkennen. In ihrem Workshop sprach sie darüber, wie man Emotionen, Lügen und Manipulationen erkenne und mit welchen Fragetechniken man die Wahrheit erfahre. Auf was es bei Mimik und Gestik zu achten gilt, zeigte Rizzo anhand von verschiedenen Videomitschnitten.

Am dritten Tag hatte die Herbstakademie noch einen Workshop mit Sabrina Rizzo im Programm. Das Thema lautete: „In Gesichtern lesen und Manipulationen erkennen.“
Am dritten Tag hatte die Herbstakademie noch einen Workshop mit Sabrina Rizzo im Programm. Das Thema lautete: „In Gesichtern lesen und Manipulationen erkennen.“
(Bild: Zietz / »kfz-betrieb«)

Von Barack Obama über Angela Merkel bis zum Bachelor oder Teilnehmer des Dschungelcamps – sie belegte eindrucksvoll, wie man Wahrheit und Lüge anhand von Mimik und Körpersprache erkennt. Die Sozialpädagogin und Mediendesignerin lernte nicht nur zu unterrichten, sondern bekam durch die Beschäftigung mit Werbung erste Eindrücke von den Möglichkeiten der Manipulation. Beide Bereiche führt sie seit mehr als einem Jahrzehnt zusammen. Rizzo bildet unter anderem das Sicherheitspersonal an Flughäfen in Deutschland aus und arbeitet als Profilerin für die Polizei. „Wir müssen die Körpersprache eines Menschen lesen können, damit wir erkennen, wann wir manipuliert werden“, erklärte sie. Da die Mimik beispielsweise für Trauer, Angst, Verachtung und Freude bei allen Menschen auf der Welt gleich sei, funktioniere das Lesen von Körpersprache und Gestik bei allen Menschen nach denselben Regeln. Selbst wenn Pokerspieler ihre Körpersprache perfekt beherrschten, hätten sie doch immer eine Sonnenbrille auf. Warum? Damit man die Augen nicht sehe. Die Augen ließen sich von keinem Menschen auf der Welt kontrollieren. Ohne Sonnenbrille würden die Gegenspieler durch die sich verändernden Pupillen erfahren, ob die Karten gerade gut oder weniger gut sind. Übertragen in die berufliche Welt bedeute dies, dass Führungskräfte in manchen Momenten einen arroganten Blick in den Augen hätten. Ein Verkäufer wiederum, der seinen Job sehr gerne mache, würde nie so schauen.

Im Übrigen seien Babys und Kleinkinder die besten Mimikleser. Da Babys noch nicht sprechen können, müssten sie zwangsläufig mit Mimik reagieren. In der Folge würden Babys und Kleinkinder immer die Mimik ihres erwachsenen Gegenübers spiegeln.

Rizzo stellte dem Publikum auch die Frage, welche Emotion von Erwachsenen bei Erwachsenen am schwersten erkannt werde. Die Antwort: nicht etwa die Angst oder die Verachtung. Die am schwierigsten zu erkennende Mimik sei die Trauer. Unabhängig von den verschiedenen Gesichtsausdrücken verließen sich die Menschen aber am meisten auf Worte. „Wenn die Körpersprache mit den Worten übereinstimmt, sind wir uns einig.

Wenn an der Aussage etwas nicht stimmt, dann passt auch die Körpersprache nicht dazu“, so Rizzo. Und weil dem so sei, bestehe die Chance, Sprache und Gestik als Gesamtbild zu bewerten. So würden beispielsweise Verbrecher entlarvt. Sprache, Gestik, Körperhaltung, Augen – niemand sei in der Lage, all diese Kanäle zur selben Zeit zu kontrollieren.

In diesem Zusammenhang verriet die Referentin einige Tricks für Bewerbergespräche. Rizzo nannte zwei Beispiele: Ein Unternehmen will sechs Personen einstellen, die künftig mit einer Schusswaffe ausgestattet sind. Um zu erfahren, welchen Bewerbern es im Prinzip nur um die Waffe geht, helfe es, dem Bewerber im Gespräch die Schusswaffe erst einmal verbal wegzunehmen. Der Bewerber müsse ein Jahr lang ohne Schusswaffe arbeiten. An den Reaktionen der Bewerber könne man sofort erkennen, wem es nur auf das Tragen einer Waffe ankomme. Dieses Bild übertrug Rezzo in ihrem Workshop auf die Bewerbungen auf eine sehr wichtige Position in einem Autohaus. Im Gespräch mit potenziellen Führungskräften sollte man dem Bewerber klar machen, dass man ihn sehr gerne gewinnen möchte. „Da man aber derzeit umstrukturiere, bitten Sie ihn, die nächsten sechs Monate erst noch eine andere Führungsposition im Unternehmen zu übernehmen“, skizzierte Rizzo die kleine Falle. An den Reaktionen könne man sofort erkennen, welchen Bewerbern es wirklich ernsthaft um die ausgeschriebene wichtige Führungsaufgabe gehe. Sabrina Rizzo beeindruckte die Gäste mit ihren Analysen, sie fesselte ihre Zuhörerinnen und Zuhörer drei Stunden lang.

Mit ihrem Workshop ging eine Herbstakademie zu Ende, die sich über alle drei Tage hinweg auf einem sehr hohen inhaltlichen Niveau befand. Die zwölfte Herbstakademie des Kfz-Gewerbes hat die Messlatte für die Veranstaltung noch einmal weiter nach oben verschoben.

Die 13. Herbstakademie findet 2020 statt

Mimik und Körpersprache zeigten es deutlich: Drei Tage lang herrschte sehr gute Stimmung bei allen Gästen, die Laune aller war ausgezeichnet. So kann es in zwei Jahren weitergehen. Die nächste Herbstakademie der Junioren auf Sylt findet vom 6. bis 8. November 2020 statt. »kfz-betrieb« ist dann wieder mit an Bord – und Sie?

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