Erstattungsfähigkeit von Abschleppkosten

Reparatur am Unfallort nicht zumutbar

14.10.2011 | Autor: autorechtaktuell.de

Eine Erstattung von Abschleppkosten gehört auch dann zum ersatzfähigen Schaden, wenn das Fahrzeug vom Unfallort bis zum zirka 610 Kilometer entfernt gelegenen Wohnort gebracht werden muss. Das besagt ein Urteil des Amtsgerichts Halle (Saale) vom 15. September 2011 (AZ: 96 C 1725/10).

Das Gericht hatte zu entscheiden, ob der Kläger Anspruch auf die Erstattung der Abschleppkosten seines verunfallten Fahrzeuges vom etwa 610 Kilometer entfernten Unfallort zu seinem Wohnort hat, oder ob er sich aus Gründen der Schadensminderung auf eine Reparatur am Unfallort hätte verweisen lassen müssen, mit dem Ergebnis, dass er die Reisekosten und Übernachtungskosten, gegebenenfalls auch Verdienstausfall hätte gegenüber der Versicherung geltend machen können. Letztere Variante wäre in diesem Fall kostengünstiger gewesen.

Das AG Halle vertrat hier den Standpunkt, dass bei einer Reparatur am weit entfernt gelegenen Unfallort einerseits dem Geschädigten ein Verlust an Freizeit entstanden wäre, der nicht auszugleichen wäre. Zudem wäre es auch nicht zumutbar gewesen, Urlaubstage hierfür aufzuwenden, selbst wenn diese finanziell ausgeglichen würden. Schließlich liefe der Geschädigte Gefahr, bei einer eventuell nicht fachgerechten Reparatur am Unfallort seine Ansprüche gegen den Reparaturbetrieb aufgrund der Entfernung nicht effektiv durchsetzen zu können.

Aus der Urteilsbegründung:

... Der Geschädigte hat dabei nicht gegen seine Schadensminderungspflicht verstoßen. Den Geschädigten traf keine sich aus Treu und Glauben ergebende Pflicht, seinen Pkw am Unfallort reparieren zu lassen, um auf diese Weise den Schaden zu minimieren. Selbst wenn der Geschädigte am Unfallort hätte reparieren lassen, wären nicht unerhebliche Kosten für die An- und Rückreise sowie die Übernachtung und Urlaubsentgelt angefallen. Dem Geschädigten war im konkreten Fall eine Reparatur vor Ort jedoch nicht zuzumuten. Der Geschädigte hätte mindestens zwei Tage für die Anreise und Rückreise zur Reparaturwerkstatt aufwenden müssen. Dieser Verlust an Freizeit wird nicht ausgeglichen. Es ist auch nicht zumutbar, dass der Geschädigte dafür Urlaub in Anspruch nimmt. Auch die finanzielle Abgeltung verschafft ihm nicht die Möglichkeit, seinen Urlaub zu Erholungszwecken nach eigener Zweckbestimmung einzusetzen. Zudem trägt er durch eine so lange Reise ohne von ihm verursachte Notwendigkeit, ein erhöhtes Risiko für sich und sein Eigentum. Hinzu kommt, dass der Geschädigte bei einer nicht auszuschließenden nicht ordnungsgemäßen Reparatur die notwendigen Ansprüche weit von seinem Wohnort geltend machen müsste. Auch das könnte mit weiteren Schwierigkeiten allein wegen der Entfernung verbunden sein. …

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