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Ineos Grenadier Rückkehr des echten Geländewagens

Autor / Redakteur: ampnet/gr / Andreas Grimm

Dem SUV-Boom haben viele Hersteller ihre klassischen Geländewagen geopfert. Abseits der Straße fahren moderne Land-Rover- und Jeep-Modelle nur noch selten. Diese Lücke will nun ein branchenfremder Hersteller schließen – und lernt dafür an historischen Vorbildern.

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Ineos entwickelt einen klassischen Geländewagen namens Grenadier.
Ineos entwickelt einen klassischen Geländewagen namens Grenadier.
(Bild: Ineos Automotive)

Der Chemiekonzern (!) Ineos hat in Großbritannien einen Geländewagen alter Schule vorgestellt: den Grenadier. Mit dem Gefährt in der klassischen Optik von Army-Fahrzeugen oder zumindest des klassischen Land Rover Defender widersetzt sich das Auto allen gängigen Trends im Automobilbau: Der Grenadier ist kantig statt aerodynamisch und er setzt auf den Verbrenner statt auf Elektro- oder Hybridtechnik. Im Verkauf starten soll der Naturbursche Ende des Jahres 2021.

Hinter dem Projekt steht der weltweit operierende Chemiekonzern Ineos beziehungsweise dessen Chef James Arthur Ratcliffe. Der wollte sich der Legende nach nicht mit dem Produktions-Aus des Land Rover Defender abfinden. In einem Londoner Pub soll dann die Idee geboren worden sein, den legendären Geländewagen wieder auferstehen zu lassen. Der Name der Kneipe: „Grenadier“.

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Offiziell klingt die Geschichte etwas seriöser: Ratcliffe, der privat als Autofan und erfahrener Outdoor-Reisender gilt, habe festgestellt, dass es mit dem Rückzug des Land Rover Defender keinen puren, ausschließlich nutzenorientierten Offroader als verlässliches Arbeitsfahrzeug mehr gäbe. Er sah darin eine Marktlücke, gründete im Jahr 2017 die Ineos Automotive Limited, versammelte ein Team von Automobilspezialisten und setzte sie daran, seine Vision vom ursprünglichen Offroader zur Realität werden zu lassen.

Trotz aller Outdoor-Romantik soll das Projekt Grenadier aber wirtschaftlich sein. Laut Mark Tennant, kaufmännischer Leiter von Ineos, braucht es jährlich mindestens 15.000 Kunden in diesem schmalen Marktsegment, um den Grenadier in die Gewinnzone zu steuern. „Obgleich als Nutzfahrzeug klassifiziert“, so Tennant, „haben wir es mit einem komfortablen Interieur für einen modernen Verbraucher zu tun.“ In Sachen Sicherheitssysteme und Konnektivität sieht sich der junge Autobauer daher auch auf der Höhe der Zeit.

Robuste Technik für echten Outdoor-Einsatz

Der Grenadier soll jedoch insbesondere robust sein, damit er sich auch abseits des Asphalts auf den weltweiten Pisten von A wie Afrika, Amerika, Asien und Australien bis Z wie (New) Zealand seinen Weg bahnen kann. Und er soll einfach aufgebaut sein, damit er in den entlegeneren Gebieten der Erde auch zu reparieren ist. Elektro- oder Hybridantrieb kamen daher nicht in Frage. Leiterrahmen, Starrachse und Allrad mit allerlei Sperren sowie reichlich Bodenfreiheit waren hingegen Pflicht.

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James Arthur Ratcliffe ist Jahrgang 1952 und erwirtschaftet mit dem weltweit operierenden Chemiekonzern Ineos einen Umsatz von rund 60 Milliarden US-Dollar (ca. 53,4 Milliarden Euro) im Jahr. Das Unternehmen beschäftigt rund 22.000 Mitarbeiter und ist auf petrochemische Erzeugnisse, Spezialchemikalien und Erdölprodukten spezialisiert.

Natürlich darf der Grenadier aber auch in Europa seine Abnehmer finden: Landwirte und Förster gehören ganz klassisch zur Zielgruppe des „Fahrzeugs für anspruchsvolles Terrain“. Die angestrebte Nutzlast soll bei einer Tonne liegen, die maximale Anhängelast bei 3,5 Tonnen.

Die Prototypentests für den Grenadier sind inzwischen voll angelaufen – in den nächsten zwölf Monaten sollen insgesamt 1,8 Millionen Kilometer auf der Straße und im Gelände gesammelt werden. Der weltweite Verkaufsstart ist für Ende 2021 geplant – vorausgesetzt Jaguar Land Rover legt wegen Verwechslungsgefahr nicht noch ein Veto ein.

Bei der Entwicklung des Grenadier lässt sich das Ineos-Team übrigens durchaus von den historischen Vorbildern inspirieren. Zu Beginn des Projekts wurden berühmte Geländewagen aus vergangenen Zeiten im Entwicklungszentrum analysiert, um herauszufinden, was sie so robust macht. Entstanden ist dadurch eine kleine Sammlung legendärer Modelle, darunter der allererste Land-Rover aus Serienproduktion (Kennzeichen JUE 477), ein voll restaurierter Toyota FJ40 (Baujahr 1980), ein Willys Jeep (1944) sowie ein G-Modell von Mercedes-Benz (1988).

Namhafte Partner in der Produktion

Dirk Heilmann, CEO von Ineos Automotive, und sein Führungsteam können dabei nicht nur auf umfangreiche persönliche Erfahrungen bei Automobilbauern zurückgreifen, darunter Ford, Daimler, Volkswagen, Bentley, Tesla, JLR und Lotus. Sie vertrauen darüber hinaus bei der Entwicklung und Produktion des Grenadier auf namhafte Partner wie etwa Magna Steyr. Die Österreicher zeichnen für die Serienentwicklung des Grenadier verantwortlich.

BMW wird aus seiner Palette Sechs-Zylinder-Diesel und -Benziner zuliefern, die spanische Firma Gestamp den robusten Leiterrahmen, der italienische Nutzfahrzeugspezialist Carraro die Achsen. Das Acht-Gang-Automatikgetriebe stammt von ZF und untermauert so den Anspruch, dass bei aller Solidität der Grenadier auf technisch höchstem Niveau agieren soll.

Gebaut werden soll der Ineos übrigens im walisischen Bridgend. Very british also, allerdings mit einem Schuss EU, denn die Vormontage von Fahrwerk und Karosseriekomponenten ist im portugiesischen Estarreja geplant.

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