E-Auto-Reifen Jeder Kilometer zählt

Von Jan Rosenow

Mit speziellen Produkten für Elektroautos holen die Reifenhersteller ein paar Prozente mehr Reichweite heraus. Doch der niedrige Rollwiderstand ist nicht die einzige Besonderheit an diesen Reifen.

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Mit der Zusatzbezeichnung iON markiert Hankook seine neuen E-Auto-Reifen, die es in Sommer- und Winterausführung gibt.
Mit der Zusatzbezeichnung iON markiert Hankook seine neuen E-Auto-Reifen, die es in Sommer- und Winterausführung gibt.
(Bild: Pilmokang 2021)

Der Rollwiderstand der Reifen hat einen Anteil von 20 bis 30 Prozent am gesamten Fahrwiderstand des Autos – und damit einen großen Einfluss auf den Kraftstoff- beziehungsweise Energieverbrauch. Vor allem beim Elektroauto, wo es auf jeden Kilometer Reichweite ankommt, ist deshalb die Motivation der Autohersteller besonders groß, ihre Fahrzeuge mit möglichst rollwiderstandsarmen Reifen auszustatten. Und Reifenverkäufer in den Kfz-Betrieben sollten ihren Kunden mit E-Autos solche Produkte ebenfalls empfehlen.

Natürlich sind Ökoreifen keine neue Erfindung, aber spezielle Konstruktionen für Elektroautos kommen erst in den letzten beiden Jahren verstärkt auf den Markt. Denn neben dem Rollwiderstand müssen diese noch andere Eigenschaften haben, beispielsweise ein besonders niedriges Rollgeräusch. Zusätzlich brauchen sie für die schweren E-Autos eine hohe Tragfähigkeit, und auch die Abriebfestigkeit muss angesichts des hohen, abrupt einsetzenden Drehmoments beim E-Motor besonders hoch sein.

Der Reifenhersteller Hankook etwa bringt mit iON ab Mai 2022 seine erste Reifenfamilie auf den Markt, die all diese Anforderungen abdecken soll. Die iON-Produkte werden in Größen zwischen 18 und 22 Zoll zunächst als Sommerprofil Ventus iON S (ab Mai 2022) und als Winter I-cept iON (ab September 2022) angeboten. Eine Ganzjahresausführung gibt es vorerst nur für den nordamerikanischen Markt. Weitere Varianten sind laut Hankook in Vorbereitung.

Mit einer ganzen Reihe von technischen Maßnahmen haben die Hankook-Entwickler die oben genannten Produkteigenschaften erreicht. Dazu gehört ein Aufbau mit hochfesten Aramidfasern, die den Verformungskräften durch das hohe Drehmoment entgegenwirken. Die Laufflächenmischung mit hohem Naturharz-Anteil sorgt überdies für reduzierten Abrieb. Ein geräuscharmes Laufverhalten bewirkt die integrierte Sound-Absorber-Technik (ein PU-Schaumelement am Innerliner) in Verbindung mit dem spezifischen Reifenprofil. Klaus Krause, Chef des Entwicklungszentrums von Hankook Tire Europe in Hannover, ergänzt: „Besonders stolz sind wir darauf, dass wir beispielsweise das EU-Reifenlabel des neuen Hankook-iON-Sommerreifens mit einem A/A/A-Rating ausweisen können. Das entspricht Bestwerten in Sachen Rollwiderstand, Nassgrip sowie beim Abrollgeräusch.“

Spezielle E-Reifen gibt es auch von anderen Herstellern

Eine genaue Zahlenangabe, wie stark die Reichweite durch den neuen iOn-Reifen wächst, bleibt Hankook leider schuldig. Die gibt es dafür bei Michelin: Die Franzosen bieten mit dem E-Primacy nämlich ebenfalls einen Reifen speziell für E-Mobile an. Laut Michelin kann dieser die Reichweite um bis zu sieben Prozent erhöhen. Neben dem E-Primacy haben die Franzosen mit dem Pilot Sport EV überdies noch einen Gummi im Programm, der speziell auf das Handling und die Reichweitenanforderungen von Sportwagen mit Elektroantrieb abgestimmt ist.

Pirelli hat für viele seiner Reifenmodelle Sondervarianten entwickelten, die für Elektromobile ausgelegt sind. Zu erkennen sind diese Reifen an der Zusatzbezeichnung „Elect“.

Ganzjahresreifen mit A-Label

Doch würden Reifen mit extrem niedrigem Rollwiderstand nicht auch Verbrennerfahrzeugen helfen, ihren Verbrauch zu senken? Logisch – deshalb bietet etwa Conti keinen speziellen E-Auto-Reifen an, sondern verfolgt einen anderen Weg: „Wir sind davon überzeugt, dass es nicht den einen Reifen für vollelektrische Fahrzeuge gibt. Entsprechend arbeiten wir bereits seit mehr als einem Jahrzehnt daran, unser bestehendes Portfolio so weiterzuentwickeln, dass es die Anforderungen aller E-Fahrzeuge erfüllt und gleichzeitig in der Lage ist, auch die Emissionen von Verbrennerfahrzeugen nachhaltig zu senken“, sagt Andreas Schlenke, Reifenentwickler bei Continental. „Wir sind stolz, einer der ersten Reifenhersteller zu sein, dem es gelungen ist, den Rollwiderstand eines Ganzjahresreifens ohne Abstriche in Sachen Sicherheit so stark zu optimieren.“

Aktuelles Beispiel ist der Allseason-Contact, den Conti nun in einer neuen Variante mit Note A in der Rollwiderstandsklasse auf den Markt bringt. Zusätzlich verfügen vier der fünf Dimensionen über eine XL-Kennung und sind somit in der Lage, höhere Lasten zu tragen. Diese Kombination macht den Reifen zur passenden Nachrüstoption für Elektrofahrzeuge.

Den Allseason-Contact mit Rollwiderstandsklasse A gibt es unter anderem für den Hyundai Kona Electro, den Kia E-Niro, den Peugeot E-2008 und den Opel Mokka-E. Aber auch beliebte Flottenfahrzeuge wie der VW Passat und der Skoda Superb lassen sich damit ausrüsten. Erstausrüstungsfreigaben hat Continental für den VW Transporter und Caddy sowie den Jeep Compass erhalten.

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Manch eine Idee, wie ein spezieller E-Auto-Reifen aussehen könnte, hat sich bereits als Irrweg erwiesen: So ist es um die sogenannten Tall-and-Narrow-Reifen wieder still geworden. Der Grund für die Entwicklung dieser „Trennscheiben“ war die Tatsache, dass der Rollwiderstand eines Reifens aus der Verformung und anschließenden Erwärmung des Reifengummis beim Einlaufen in den sogenannten Latsch resultiert, also wenn sich der runde Reifen in die platte Aufstandsfläche verformt. Diese Verformung ist umso kleiner, je größer der Reifendurchmesser ist. Also statteten die Autohersteller frühe E-Modelle wie den BMW i3 mit extrem schmalen, aber sehr großen Reifen aus – wie dem Format 175/55 R 20.

Die Tall-and-Narrow-Reifen blieben aber eine Episode der Reifenentwicklung. Aufgrund ihrer begrenzten Tragfähigkeit waren sie auf das Kleinwagen- und Kompaktsegment beschränkt – hier aber lohnt es sich für die Autohersteller nicht, das Karosseriekonzept extra auf solche großen Raddurchmesser auszulegen. Und zweitens litten sie unter extrem schnellem Verschleiß. Auf die Verfügbarkeit und Preisgestaltung für diese exotischen Reifengrößen in der Zukunft können sich die i3-Fahrer schon heute freuen.

Mittlerweile unterscheiden sich E-Auto-Reifen geometrisch nicht mehr so stark von normalen Produkten – wobei sich auf dem gesamten Automobilmarkt mittlerweile eine Zunahme der Raddurchmesser beobachten lässt (allerdings nicht unbedingt verbunden mit einer schmalen Lauffläche). Das hat eher optische Gründe, liegt aber auch an der benötigten Tragfähigkeit für die enorm schweren Batteriefahrzeuge. Die Reifenhersteller versuchen nun, den niedrigen Rollwiderstand durch eine besondere Mischung zu erzielen.

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