KBA-Nachmessung: Dobrindt lässt zurückrufen

Autor / Redakteur: dpa/jr/Jan Rosenow / Jens Rehberg

Eine unzulässige Abgasregulierung wie bei VW will das KBA bei den anderen Herstellern nicht gefunden haben. Dafür strapazieren die Autobauer die Ausrede mit dem Bauteileschutz offenbar über die Maßen.

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(Foto: DUH)

Selbst das Bundesverkehrsministerium kann nun nicht mehr bestreiten, dass auch andere deutsche Hersteller außerhalb Wolfsburgs ein Abgas-Problem haben. Die absurd in die Länge gezogene Nachmessung des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) führt zu einer groß angelegten Serviceaktion für rund 630.000 Fahrzeuge verschiedener Fabrikate in ganz Europa. Die von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt angeordneten Prüfungen zwingen alle deutschen Anbieter bis auf BMW dazu.

Bei den betroffenen Modellen von Audi, Mercedes, Opel, Porsche und den leichten VW-Nutzfahrzeugen müsse die Technik zur Abgasreinigung bei bestimmten Temperaturen geändert werden. Das werde noch in diesem Jahr erfolgen. Das KBA werde die Wirksamkeit der Änderungen prüfen.

Die Hersteller sprachen am Freitag von einem „freiwilligen“ Update. Sie betonten, es gebe keine Hinweise auf unzulässige Software.

Nach den KBA-Prüfungen bietet Daimler für 247.000 Fahrzeuge in Europa freiwillig ein Software-Update an. In den USA wurde der Autobauer nach Sammelklagen zudem von der US-Regierung aufgefordert, eine interne Untersuchung über das Zustandekommen der Abgaswerte durchzuführen. Anders als bei Volkswagen, wo man nach dem Bekanntwerden der Sachlage rasch ein Geständnis abgab, weist Daimler Anschuldigungen zurück. Bislang fordert das US-Justizministerium auch nur Aufklärung und wirft dem Konzern noch kein Fehlverhalten vor.

VW-Nutzfahrzeuge beordert 124.000 Crafter und 70.000 Amarok zurück in die Werkstätten. Audi ruft 65.700 Q5, A6 und A8 mit manuellem Schaltgetriebe zurück, die nach EU-5 und EU-6-Abgasnorm zugelassen wurden – jetzt also auch die neuesten Autos der Modellreihen. Porsche will 33.000 Macan umrüsten. Bei Opel sind es 90.000 Einheiten des Insignia, Zafira und Cascada.

Verkehrsminister: „Hersteller sind sehr weit gegangen“

Dobrindt betonte, illegale Abschalteinrichtungen hätten die Prüfer des KBA nur bei den vorher schon bekannten VW-Modellen entdeckt. Viele Hersteller seien allerdings in ihrer „Interpretation“ der EU-Richtlinie, die in bestimmten Situationen ein Herunterregeln der Schadstoff-Reduzierung erlaubt, sehr weit gegangen. Der von der EU vorgegebene Rahmen sei „zu undefiniert“ und müsse geändert werden.

Viele Hersteller stellen die Abgastechnik ihrer Fahrzeuge offenbar so ein, dass die Filter erst ab einer bestimmten Außentemperatur arbeiten. Diese sogenannten Thermofenster sind nach den EU-Richtlinien legal. Ein Rechtsgutachten des Bundestages stellte diese Praxis vor kurzem dennoch in Frage. Der unterhalb einer bestimmten Temperatur verminderte Betrieb der Abgasnachbehandlung soll bestimmte Bauteile von Motor und Katalysator schützen, die angeblich bei geringerer Wärme anfälliger seien. Nach Informationen des „Spiegel“ sollen bei den jüngsten Messungen die Nachbehandlungssysteme von BMW- und Mercedes-Modellen bei rund 10 Grad Celsius vom Steuergerät gestoppt worden sein, bei Opel sogar bereits bei 17 Grad.

Die Ergebnisse der KBA-Messungen: Alles nur Motorschutz?

Der Abschlussbericht der vom KBA durchgeführten Nachmessungen an rund 50 Dieselfahrzeugen macht deutlich, dass alle geprüften Hersteller Abschalteinrichtungen verwenden, dies allerdings durch die Bank mit dem Bauteilschutz bei niedrigen Außentemperaturen erklären. Konkret fahren sie dabei die Abgasrückführrate zurück, um auch bei Kälte eine stabile Verbrennung zu gewährleisten.

Das KBA kritisiert diese Maßnahmen: „Diese von der Außentemperatur abhängige Abgasminderungsstrategie reduziert die Wirksamkeit des Emissionskontrollsystems unter Bedingungen, die bei normalem Fahrzeugbetrieb zu erwarten sind.“

Keine Abschaltung durch Prüfstandserkennung bei anderen Herstellern

Das Amt hat ebenfalls die Fahrzeuge von VW untersucht, bei dem das Unternehmen eine illegale Prüfstandserkennung verwendet hat. Diese ließ sich durch die Versuche nachweisen – und ebenso, dass andere Hersteller diese konkrete Technik nicht verwenden, wie das KBA betont.

Bei insgesamt 22 der 53 untersuchten Fahrzeuge liegen die gemessenen Werte dennoch so hoch, dass das KBA die Abgasreinigungsstrategie der betroffenen Hersteller in Frage stellt. Einer dieser Fälle ist der Opel Insignia 2.0 Diesel mit Euro-6-Homologation. Obwohl das Auto mit einem leistungsfähigen SCR-Katalysator ausgestattet ist, überschritt es bei der NEFZ-Testfahrt auf der Straße den Grenzwert um mehr als das Fünffache. Die Testfahrten fanden bei niedrigen Temperaturen statt (6,6 bis 8,1 Grad Celsius).

Opel erklärte die hohen Werte damit, dass die Adblue-Einspritzung nur in einem Temperaturfenster von 20 bis 30 Grad Celsius – also dem für die Typprüfung vorgeschriebenen Werten – „mit höchstmöglicher Genauigkeit“ funktioniere. Unterhalb von 17 Grad werde jedoch die eingedüste Menge schrittweise zurückgefahren.

Ein anderer Autohersteller mit auffälligen Werten ist Fiat. Die Italiener haben sowohl bei der Kernmarke als auch bei Alfa Romeo und Jeep mit stark überhöhten Stickoxid-Emissionen zu kämpfen. Nach „zahlreichen Schäden im Feld“, wie es gegenüber dem KBA hieß, führte Fiat eine spezielle Abgasminderungsstrategie ein, die die AGR-Raten im innerstädtischen Zyklus zurücknimmt. Damit soll die thermische Überlastung des Partikelfilters vermieden werden. Der Hersteller hält dies für nötig, um Motor und Abgasstrang vor Beschädigungen zu schützen.

In den Gesprächen mit dem KBA haben sich auch ausländische Hersteller bereits dazu bekannt, die Abgastechnik ihrer Fahrzeuge durch technische Maßnahmen verbessern zu wollen, darunter Renault und Suzuki.

Bundesverkehrsminister Dobrindt hatte die Nachprüfungen nach dem Beginn der Abgas-Affäre bei VW angeordnet. Bereits bekannt war, dass es bei vielen Modellen deutlich erhöhte Abgaswerte gegeben hat. Die Ergebnisse der Untersuchungen blieben aber lange Zeit geheim. Die Fahrzeuge sind sowohl auf dem Rollenprüfstand getestet worden als auch unter realen Bedingungen auf der Straße.

Vorladung für Bosch

Wie „Spiegel Online“ unterdessen berichtet, hat Bosch die Motorsteuerungen, die eine Abschalteinrichtung für die Abgasreinigung enthalten, im großen Stil ausgeliefert. Demnach könnten sämtliche Steuergeräte für Pkw mit 1,6- bis 2,8-Liter-Motoren verschiedener Hersteller betroffen sein, die der aktuellen Emissionsnorm Euro 6 unterliegen. Bislang war im Zuge der Abgas-Affäre nur von Motoren der Euro-5-Norm die Rede gewesen. Es gehe um 60 Diesel-Pkw verschiedener Autobauer.

Diese Woche mussten Verantwortliche von Bosch demnach im Bundesverkehrsministerium zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Das Unternehmen schwieg am Freitag zu dem Bericht – „wegen sensibler rechtlicher Rahmenbedingungen.“

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