Analyse Händlernetze schrumpfen europaweit nur langsam

Autor: Viktoria Hahn

Die Zahl der Neuwagenverkaufspunkte im europäischen Handel sinkt zwar seit Jahren kontinuierlich, doch die Veränderungen gehen insgesamt nur sehr langsam vonstatten. Zu diesem Ergebnis sind die Branchenexperten des International Car Distribution Programme (ICDP) nun gekommen.

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Laut den Branchenanalysten von ICDP blieb die durchschnittliche Anzahl der Neuwagen-Verkäufe pro Händler auch 2020 stabil.
Laut den Branchenanalysten von ICDP blieb die durchschnittliche Anzahl der Neuwagen-Verkäufe pro Händler auch 2020 stabil.
(Bild: ProMotor)

Die Automobilbranche steht derzeit vor zahlreichen Herausforderungen: Fortschreitende Digitalisierung, weniger Servicegeschäft aufgrund von Elektromobilität und veränderte Kundenerwartungen – um nur einige zu nennen. Ein Bereich, der diesbezüglich zunehmend unter Druck gerät, ist die Struktur der Händlernetze und die Rolle der Händler selbst. Trotzdem haben die neuesten Ergebnisse des Forschungs- und Beratungsunternehmens für den Automobilvertrieb ICDP (International Car Distribution Programme) ergeben, dass der Wandel in den europäischen Netzen lediglich im Schneckentempo voranschreitet.

Laut der aktuellen Ausgabe des European Car Distribution Handbook (ECDH), das das ICDP im Dezember veröffentlichte, sank die Anzahl der Neuwagenverkaufsstandorte 2020 zwar im zwölften Jahr in Folge – im Vergleich zu 2019 um 1,8 Prozent. Im Zeitraum von 2008 bis 2020 schrumpfte die Händlerzahl in Europa insgesamt um rund 17 Prozent, wobei der Rückgang unmittelbar nach der Finanzkrise von 2008 am drastischsten war. Seitdem ging es im Durchschnitt nur noch etwas mehr als ein Prozent im Jahr abwärts.

Ähnlich verläuft der Trend auch bei den Servicenetzwerken: Obwohl deren Anzahl im zehnten Jahr in Folge abnahm, war die Veränderungsrate mit einem Minus von 1,2 Prozent noch langsamer als bei den Vertriebsnetzen.

Schlusslicht beim Neuwagenverkauf: Deutschland

Die Neuwagenverkäufe pro Vertragshändler – laut den Branchenexperten ein Indikator für die Rentabilität – blieben 2020 über die 38 erfassten Märkte hinweg stabil bei 324. Die Neuwagenverkaufsstandorte hierzulande schafften es dabei ziemlich genau auf das europäische Durchschnittsniveau, landeten damit jedoch im Vergleich zu den verbleibenden vier größten europäischen Einzelmärkten (Großbritannien, Frankreich, Spanien, Italien) auf dem letzten Platz.

Auf die meisten Verkäufe pro Händler kam Großbritannien (522). Darauf folgten auf dem Siegertreppchen Italien und Frankreich. Der vierte Platz bei den Neuwagenverkäufen ging an Spanien. Allerdings weist Deutschland mit Abstand die meisten Verkaufsstellen in Europa auf: Etwa ein Fünftel (10.800) der europäischen Gesamtzahl von 53.300.

Nur wenige Autokäufer wollen komplett digitalen Kaufprozess

Das ICDP untersucht in seinem Handbuch außerdem neue Vertriebsformate der Hersteller in Europa: Für die Zukunft erwarten die Branchenexperten vor allem mehr Online-Kanäle und eine Zunahme des Agenturgeschäfts. Einige Hersteller verfolgen letzteres bereits für ihre batterieelektrischen Modellreihen, andere erproben es in ausgewählten Märkten. Das derzeitige Verkaufsvolumen, das über diese neuen Kanäle tatsächlich erzielt werde, sei aber bislang sehr gering, so die Branchenexperten. Nach Einschätzung des ICDP wird die Entwicklung des Agenturgeschäfts dennoch einen großen Einfluss auf die „Neudefinition“ der Händlernetze in den nächsten zwei bis drei Jahren haben.

Eine Transformation der Vertriebs- und Servicenetzwerke werde nämlich immer dringlicher, um die Rentabilität aller Beteiligten langfristig zu verbessern. Außerdem wünschen sich Kunden die gleiche nahtlose Verkaufs- und Aftersales-Kaufreise, die ihnen zunehmend von anderen Branchen geboten wird – mit der Möglichkeit, jederzeit zwischen On- und Offline-Ressourcen zu wechseln.

Physische Händler werden dabei laut einer ICDP-Verbraucherstudie weiterhin ein wichtiger Teil dieses Omnichannel-Bildes bleiben. Die meisten Kunden wollen auch künftig vor einer Kaufentscheidung einen Händler vor Ort miteinbeziehen. Nur vier Prozent der Befragten sagen, dass sie idealerweise den gesamten Kaufprozess online abschließen möchten.

Keine Aussage über Entwicklung unter Corona-Bedingungen möglich

Mit den Daten aus dem aktuellen Handbuch des Beratungsunternehmens lassen sich allerdings keinerlei Aussagen über die Entwicklung der Händlernetze unter Corona-Bedingungen treffen. Denn die Daten beziehen sich auf den Januar 2020, also auf einen Zeitpunkt vor Beginn der Krise.

Das European Car Distribution Handbook (ECDH) ist eine umfassende Analyse des Forschungs- und Beratungsunternehmens für den Automobilvertrieb ICDP, die die Größe und Struktur von Händlernetzen zum 1. Januar des jeweiligen Jahres für insgesamt 40 Marken in 38 europäischen Märkten erfasst.

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Über den Autor

 Viktoria Hahn

Viktoria Hahn

Volontärin des Newsdesk von »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group GmbH & Co. KG