Suchen

»kfz-betrieb« Auto-Check: Audi E-Tron 55 Quattro

Autor: Wolfgang Michel

Solange sich die Energie der Batterie im grünen Bereich befindet, bereitet das erste vollelektrische Modell aus Ingolstadt entspannte Fahrfreude. Danach ist es zumindest teilweise mit der Entspannung vorbei, was aber nicht am E-Tron liegt.

Firmen zum Thema

Bei unseren Testfahrten lag die Reichweite bei rund 300 Kilometern. Zum neuen geografischen Mittelpunkt Europas haben wir es mit dem Audi E-Tron dennoch geschafft. Dort gab es eine Überraschung (siehe Bildergalerie).
Bei unseren Testfahrten lag die Reichweite bei rund 300 Kilometern. Zum neuen geografischen Mittelpunkt Europas haben wir es mit dem Audi E-Tron dennoch geschafft. Dort gab es eine Überraschung (siehe Bildergalerie).
(Bild: Michel/»kfz-betrieb«)

„Wir zeigen mit unserem ersten vollelektrischen Serienmodell, dem Audi E-Tron, dass ökologisches Bewusstsein und SUVs aus unserer Sicht nicht im Widerspruch stehen“, sagte Audi-Vertriebsvorständin Hildegard Wortmann im Dezember 2019. Man habe sich bewusst dafür entschieden, das erste reine Elektroauto der Marke in jenes Segment zu schieben. Inwieweit diese Ansicht aufgehen wird, darüber entscheiden letztendlich die Verbraucher und die Politik mit den Förderprogrammen beziehungsweise Konjunkturpaketen.

Völlig unabhängig vom Segment gilt zudem: Wenn auf dem Preisschild eine Zahl jenseits der 100.000 Euro steht, dann erwartet man etwas Besonderes – unabhängig von Marke und Modell. Das gilt auch für den Audi E-Tron. Dessen Einstiegspries liegt zwar nicht bei 100.000, sondern derzeit bei 69.100 Euro (50 Quattro). Entsprechend motorisiert und luxuriös ausgestattet, lässt sich jedoch auch die 100.000-Euro-Hürde nehmen. Unser Testwagen (55 Quattro) kostete 106.535 Euro.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 72 Bildern

Ob knapp 70.000 oder über 100.000 Euro – unabhängig vom Preis lässt sich darüber diskutieren, ob für die E-Auto-Premiere der Vierringe-Marke ein großes SUV die richtige Wahl ist. Zumindest für die Weltpremiere im kalifornischen San Francisco im September 2018 war sie es. Anfang 2019 kam das Fahrzeug zu den Händlern in Europa, Anfang 2020 hatte Audi Produktionsprobleme im Brüsseler Werk.

Erfreulich für die Audi-Händler ist in diesem Zusammenhang, dass der Hersteller deswegen die E-Tron-Servicestandards ausgesetzt hat. Jedoch prüft auch Audi, ob E-Modelle perspektivisch über ein Agenturmodell vertrieben werden sollen. Die Ingolstädter könnten künftigen einen ähnlichen Weg wie Volkswagen gehen, sagte Audi Deutschlandchef Christian Bauer im Gespräch mit »kfz-betrieb«.

Aktuell für Hersteller und Händler gleichermaßen positiv ist, dass der E-Tron hierzulande mit 2.130 Einheiten trotz Corona-Krise gut in das neue Jahrzehnt gestartet ist. Zum Vergleich: Für die Marke Mercedes-Benz führt die KBA-Statistik kumuliert von Januar bis April lediglich 343 Neuzulassungen mit Elektroantrieb auf.

Tesla brachte es über seine drei Modellreihen S, X und 3 hinweg im selben Zeitraum auf 3.207 Einheiten. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) für den Audi E-Tron im vergangenen Jahr 3.578 Neuzulassungen verbuchte, Mercedes-Benz auf insgesamt 696 rein elektrische Einheiten kam und 10.711 Tesla in 2019 neu zugelassen wurden.

WLTP-Reichweite: 436 Kilometer

Kommen wir zurück zu unseren Fahreindrücken des Audi E-Tron. Gespeist von einer 95 kWh-Lithium-Ionen-Batterie treiben zwei Elektromotoren das Auto an. Die maximale Boost-Leistung beträgt laut Herstellerangaben 300 kW/408 PS, das maximale Boost-Drehmoment 664 Newtonmeter. Für eine optimale Traktion des maximal 200 Stundenkilometer schnellen SUV sorgt ein elektrischer Allradantrieb. Er regelt permanent und variabel die Verteilung der Antriebsmomente zwischen beiden Achsen.

Für Testfahrten stellte uns Audi einen E-Tron 55 Quattro mit Erstzulassung April 2019 zur Verfügung. Damit handelte es sich nicht um die mittlerweile technisch upgedatete Version. Bei dieser ermöglicht eine neue Software sowie optimierte Antriebshardware 25 Kilometer zusätzliche Reichweite. Laut Herstellerangaben kommt man mit dem „neuen“ Auto nach WLTP-Zyklus jetzt 436 Kilometer weit.

Bevor wir auf die reale Reichweite des „alten“ Modells zu sprechen kommen, werfen wir einen Blick auf das Exterieur und Interieur. Rein äußerlich passt das Auto perfekt in die derzeitige Designstrategie des Herstellers. Neben den E-Tron vorbehalten Karosserie-Details fielen den meisten Menschen bei unserem Testwagen vor allem die optional erhältlichen virtuellen Außenspiegel besonders auf. Wie sagte doch ein Passant erstaunt: „Sie haben ja gar keine Spiegel an ihrem Auto!“

Spiegelerlebnis für 1.540 Euro

Stimmt: Für einen Aufpreis von 1.540 Euro überträgt ein digitales Kamerasystem die seitlichen und rückwärtigen Aufnahmen direkt auf ein Display in Fahrer- und Beifahrertür (siehe auch Bildergalerie). Mittels Touch-Funktion lässt sich das linke und rechte Sichtfeld auf die individuellen Sehbedürfnisse des Fahrzeuglenkers einstellen. Im Vergleich zu klassischen Außenspiegeln braucht es eine gewisse Eingewöhnungszeit. Ist diese vorbei, will man die virtuellen Außenspiegel nicht mehr missen.

Vor allem nachts übermitteln sie das Fahrbahngeschehen brillant. Jedoch gibt es diese Technik nur in Verbindung mit Rückfahrkamera (470 Euro) oder Umgebungskameras (600 Euro) beziehungsweise einem Assistenzpaket namens Stadt (1.050 Euro). Eine kleine Randnotiz zum Schmunzeln: Trotz aller Elektrik und Elektronik an Bord, lassen sich die virtuellen Außenspiegel nur manuell einklappen.

Moderner Wohlfühl-Innenraum

Abgesehen vom „Spiegelerlebnis“ gilt für den E-Tron-Innenraum, dass man sich sofort bei Audi zuhause fühlt. Der neuartige Fahrstufen-Wählhebel ist schick, die serienmäßige MMI-Navigation inklusive Google-Earth-Karte und WLAN-Hotspot sehr angenehm. Das Navi spielt in Sachen Reichweite und Puls eine ganz zentrale Rolle. Spätestens nach halbierter Reichweite wird es zum Lieblingsfreund im Auto. Denn es zeigt alle Lademöglichkeiten auf der Route an.

Dabei lässt sich zwischen Normal- und Schnellladen auswählen. In beiden Fällen signalisiert ein grüner Punkt, ob die gewünschte Ladesäule frei ist. Warum man es trotz freier Ladesäule nicht auf den letzten Reichweiten-Kilometer anlegen sollte, zeigen die Bildergalerie sowie der nun folgende Ladesäulen-Erlebnisbericht.

(ID:46634646)

Über den Autor

 Wolfgang Michel

Wolfgang Michel

Chefredakteur »kfz-betrieb«