»kfz-betrieb«-Auto-Check: Rolls-Royce Ghost

Autor / Redakteur: Jan Rosenow / Jan Rosenow

Der Ghost markiert den Einstieg in den englischen Autoadel. Für »kfz-betrieb« gab er eine Audienz am Starnberger See.

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Mit dem Ghost unterwegs am Loch of Starnberg: Da gehört ein kleiner Landregen einfach dazu.
Mit dem Ghost unterwegs am Loch of Starnberg: Da gehört ein kleiner Landregen einfach dazu.
(Foto: Rosenow)

Die Hände spüren den Unterschied als erste: So mächtig ist der Türgriff, so schwer schwingt das Portal auf. Dann das Lenkrad mit seinem dünnen Kranz. Die dick verchromten Zughebel für die Lüfterdüsen und die merkwürdigen Einstellräder für die Heizung. Er ist kein normales Auto, der Ghost. Kein etwas aufgeblasener 7er BMW, keine Plattformvariante irgendeines banalen Volumenmodells. Er ist ein Rolls-Royce.

Doch nicht nur die Hände, auch die Augen genießen Außergewöhnliches: Kaum ein Auto dürfte eine solche Präsenz ausstrahlen, ohne deshalb protzig oder gar angeberisch zu erscheinen. Deutsche Luxusautos wirken mit ihren bemüht sportlichen Designelementen, den ausgestellten Radhäusern und stechend starrenden LED-Leuchten geradezu aufdringlich dagegen.

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Der Ghost muss sich nicht auf diese Art beweisen: Seine schiere Größe, sein klassisches Design und seine über 100-jährige Markenhistorie machen ihn schon als Neuwagen zu einem Klassiker.

Der Ghost ist nicht zu groß – die Welt ist nur manchmal zu klein

Mit rund 5,40 Metern Länge und 1,55 Metern Höhe übertrifft er die meisten Limousinen deutlich. Doch die klassisch-steile Frontscheibe und die gut sichtbare Haube machen es trotzdem leicht, die englische Luxusmobilie zu überblicken. Bei Halbe-Kraft-zurück-Manövern hilft eine Kamera.

Voluminöse Ledersessel und ein flauschiger Teppich bilden eine angenehme Benutzeroberfläche, die durch die hohe, aufrechte Sitzposition noch unterstrichen wird. Einzigartig ist die Mischung aus altmodischen, reduziert wirkenden Bedienelementen wie den Drehschaltern für die Heizung – warum gibt es die eigentlich bei normalen Autos kaum noch? – und der versteckt untergebrachten modernen Elektronik samt Fahrerassistenzsystemen auf dem Stand der Technik. Allerdings hätte sich BMW etwas mehr Mühe geben können, die Bildschirmgrafiken des i-Drive-Systems von denen des 1ers zu unterscheiden.

Kontemplative Stille im lederbeschlagenen Innenraum

Für den schwebenden Fahreindruck ist auch das Luftfahrwerk verantwortlich. Es entkoppelt die schwere Karosserie meisterlich von den Unbilden der Straßensituation; Schlaglöcher sind kaum zu spüren und auch nicht zu hören. Zusammen mit der vorbildlichen Geräuschdämpfung des Maschinenraums führt das zu einer Ruhe in der Fahrerkabine, in der sich der Fahrer ungestört seinen Gedanken hingeben kann. Auf das Radiohören kann er leichten Herzens verzichten, da die von BMW übernommene Multimediaanlage Schwächen beim Empfang etwas entfernter Sender zeigt. Vielleicht war der Ghost aber nur mit dem Musikgeschmack des Fahrers unzufrieden.

Dann versucht man lieber, etwas von den Lautäußerungen des Antriebsaggregats aufzuschnappen. Der doppelt turbogeladene Zwölfzylinder sendet zwar bauartbedingt keine Vibrationen aus, meldet sich aber mit einer erstaunlich rassigen, ausdrucksstarken Stimme zu Wort. Da schwingt eher das Timbre italienischer Sportwagen mit als das tiefe Brodeln der großvolumigen Achtzylinder früherer Rolls-Royce. Mit 780 Newtonmetern ist das Aggregat jederzeit Herr der Lage und wuchtet den 2,5-Tonner erstaunlich energisch voran. Das Werk gibt eine Beschleunigung von 4,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h an – nachmessen hat aber wohl bei keinem Auto weniger Sinn als bei diesem.

Schnell um enge Kurven? Das muss doch nicht sein

Die wenigsten Fahrer dürfte auch die Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h interessieren – wobei es schon schön ist, dass der Ghost in dieser Hinsicht leicht unterschätzt werden kann. Zwar sieht er aus wie das mobile Gegenstück zu einem englischen Landschloss, aber er kann die Pace auf deutschen Autobahnen locker mitgehen.

Nur auf kurvenreichen Landstraßen quittiert der schwere Wagen sportliche Ambitionen des Fahrers mit dem mechanischen Äquivalent einer verständnislos hochgezogenen Augenbraue: Die leichtgängige Lenkung lässt Fahrbahnkontakt und Rückmeldung vermissen, und der Aufbau lehnt sich zur Seite wie ein Segelschiff bei einer Windböe. Aber Serpentinenjagd muss im Rolls nun wirklich nicht sein – mit etwas Verhandlungsgeschick liefert der BMW-Konzern beim Kauf eines Ghost vielleicht noch einen Mini Cooper mit, der sich dafür besser eignet.

Drei Stunden Fahrt mit dem Ghost rund um den Starnberger See – sie vergingen wie im Flug. Schön, dass es Autos wie dieses noch gibt – auch wenn sie sich nur wenige leisten können. Mäkelndes Infragestellen des Preis-Leistungs-Verhältnisses wird dem Ghost sicher nicht gerecht. Schließlich ist er kein Auto, sondern ein Rolls-Royce.

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