Kfz-Gewerbe Hessen: Alle Auswirkungen des Lockdowns noch nicht absehbar

Autor / Redakteur: Holger Zietz / Doris Pfaff

In seiner ersten digitalen Mitgliederversammlung informierte der Kfz-Landesverband Hessen über die Situation in Anbetracht des zweiten Lockdowns und über die neuen CO2-Vorgaben der EU. ZDK-Geschäftsführerin Antje Woltermann befürchtet starke Auswirkungen auf den Kfz-Handel.

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Der Vorstand des hessischen Kfz-Landesverbands während seiner ersten digitalen Mitgliederversammlung: Präsident Jürgen Karpinski (Mitte), Geschäftsführer Joachim Kuhn (links) und Pressesprecher Roger Seidl.
Der Vorstand des hessischen Kfz-Landesverbands während seiner ersten digitalen Mitgliederversammlung: Präsident Jürgen Karpinski (Mitte), Geschäftsführer Joachim Kuhn (links) und Pressesprecher Roger Seidl.
(Bild: Kfz-Gewerbe Hessen)

Es war die 88. Mitgliederversammlung des Kfz-Gewerbes Hessen, doch die erste virtuelle, die live aus dem „Studio“ des Landesverbands in Wiesbaden gesendet wurde. Die Referenten und Mitglieder schalteten sich von ihrem eigenen Computer dazu. Mit dem neuen Format war Präsident Jürgen Karpinski durchaus zufrieden: „Corona hat alles verändert, aber nicht nur zum Nachteil. Die Technik ist ausgereift, und ich bin mir sicher, dass digitale Zusammenkünfte auch in Zukunft vermehrt stattfinden werden.“

Die Themen der Onlineversammlung waren die Folgen der Corona-Pandemie, die Digitalisierung, der Ausbildungsmarkt und die Zukunft des Handels. In seinem Bericht ging der Präsident auf den neuen Lockdown ein und damit auf die immensen wirtschaftlichen Belastungen für die Kfz-Unternehmen.

Die vollen Auswirkungen auf die Automobilbranche würden sich zum Jahresende, wahrscheinlich aber erst im Jahr 2021 mit voller Wucht zeigen. „Fünf Wochen Lockdown sind nicht aufzuholen“, sagte Karpinski. Die Betriebe müssten das Verkaufsverbot erst noch verkraften. Die von der Branche erhoffte Kaufprämie war von der Bundesregierung nicht beschlossen worden, hätte aber helfen können, die Verluste zu mildern.

Noch immer gebe es Probleme mit den Öffnungszeiten der Kfz-Zulassungsstellen. „Eine Wartezeit von mehreren Wochen ist nicht zumutbar“, stellte Karpinski klar und forderte eine „Kfz-Zulassung nicht in sechs Wochen, nicht in fünf Tagen, sondern sofort“. Deshalb müsse die digitale Zulassung im Autohaus kommen. „Der Bundesverkehrsminister hat mir fest die Unterstützung für die elektronische Zulassung zugesagt“, so Karpinski. Beim Thema Digitalisierung habe der Landesverband auch beim Treffen mit der hessischen Digitalisierungsministerin Kristina Sinemus die Möglichkeiten der Onlinezulassung beschrieben. Sie habe ebenfalls versprochen, einen Vorstoß im Bundesverkehrsministerium zu starten.

Ganz oben auf der Agenda des Verbands stünde die Einführung des Qualitätsmanagementsystems AÜK, also die „Akkreditierte Überprüfung im Kraftfahrzeuggewerbe“. Darunter werden die amtlichen Werkstattuntersuchungen und -prüfungen im Kfz-Gewerbe zukünftig zusammengefasst. „Wer sich diesem System noch nicht angeschlossen hat, sollte dies schleunigst tun“, appellierte Karpinski. Mehr als 13.000 Betriebe seien bereits dabei, davon rund 1.300 in Hessen.

GVO: Kfz-Gewerbe fällt nicht mehr durchs Raster

ZDK-Geschäftsführerin Antje Woltermann rief als Referentin das Thema Gruppenfreistellungsverordnung (GVO) ins Bewusstsein der Branche. Der Onlinevertrieb des Kfz-Handels sei von der Vertikal-GVO betroffen und habe klare Auswirkungen auf die Agenturverträge der Händler. Wegen veränderter Verhandlungsbedingungen sei das Kfz-Gewerbe ins Blickfeld der Europäischen Kommission gerückt.

Woltermann: „Wir fallen nicht mehr durchs Raster.“ Die Bedeutung der Autoindustrie und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft habe Brüssel erkannt. Die Geschäftsführerin sprach zudem die CO2-Ziele der EU für die Hersteller an, die auch Auswirkungen auf die Händler haben. Bisher scheinen noch nicht alle Autohersteller die Ziele ernst genommen zu haben, so Woltermann.

Ab 2021 müssten 100 Prozent der Fahrzeuge die Vorgaben erfüllen. Um auf die Werte für die Flotte zu kommen, werde es zu einer Flut an Tageszulassungen von Elektrofahrzeugen kommen. Die müssten aber sechs Monate gehalten werden, falls man die Kaufprämie erhalten wolle. Und das werde die Autohändler belasten. Schon jetzt zeichne sich ab, dass Hersteller den Handel an der Zielerreichung der CO2-Vorgaben beteiligen: Bonuszahlungen hängen vom Verkauf emissionsarmer Fahrzeuge ab.

Digitale Gesellenprüfung bewährt sich

Zum Thema digitale Gesellenprüfung informierte Thorsten Krämer. Das neue Prüfungsformat sei weit vorangeschritten und bewähre sich. An acht Standorten werde gleichzeitig die theoretische Prüfung abgenommen und von Prüfern und Prüflingen gleichermaßen gelobt.

Ergebnisse seien nun vergleichbar, und Korrekturen würden in der Auswertung landesweit einheitlich angewandt. Krämer appellierte an seine Kollegen, sich trotz Corona weiter in der Ausbildung zu engagieren. Krämer: „Wir brauchen den qualifizierten Berufsnachwuchs!“ Anders sei die neue Fahrzeugtechnik nicht zu bewältigen.

Verbandsgeschäftsführer Joachim Kuhn berichtete über die Digitalprojekte des Verbands, die in Zusammenarbeit mit der Gießener Marketingagentur Mediatools entstanden sind. Unter der Überschrift „Digi Guides“ habe der hessische Kfz-Verband zur Digitalisierung im Kfz-Gewerbe Videos produziert, die auf einem eigenen Videokanal bei Youtube angesehen werden können. Dabei sei dem Verband ein besonderer Coup gelungen: Die Technikvideos zur Onlinediagnose werden durch die aus dem Fernsehen bekannten „Autodoktoren“ und damit von prominenter Seite unterstützt.

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Ein weiteres spezielles Projekt sei das „virtuelle Autohaus“, bei dem der hessische Kfz-Verband eine Vorreiterrolle einnehme. Hierbei handele es sich um eine innovative Erlebnisplattform, welche dem Nutzer via PC oder Mobile Device Zugang zu den wichtigsten Fragen und Antworten beim E-Autokauf verschafft. Sowohl der Autohauskunde als auch der Automobilverkäufer könnten virtuell in die Welt der Elektromobilität eintauchen und dabei unterschiedliche Bereiche wie Umwelt, Kosten oder Energie herstellerneutral mithilfe von Expertenvideos erkunden.

„Eine Besprechung von Angesicht zu Angesicht ist nicht zu ersetzen“

Zur Öffentlichkeitsarbeit des Verbands referierte Pressesprecher Roger Seidl über die Corona-Radiospots des Verbands und stellte den Zuschauern den zukünftigen Internetauftritt vor, der mit einem frischen Design, verbesserten Funktionen und einer höheren Benutzerfreundlichkeit aufwartet.

Am Ende der ersten Digitalversammlung zog Präsident Karpinski, der mit seinen Mitarbeitern der Geschäftsstelle vor der Kamera im Verbandsgebäude in Wiesbaden saß, sein Fazit: „Die Technik ist ausgereift und leicht zu bedienen.“ In Zukunft würden viele eher kurze Besprechungen online geführt werden. Von Fall zu Fall müsse dann entscheiden werden, ob es für die Verhandlungen besser sei, wenn man sich gegenübersitze. Denn: „Eine Besprechung von Angesicht zu Angesicht ist nicht zu ersetzen“, betonte Präsident Karpinski.

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