Kleinstwagen: Marktanteil von PSA in Gefahr

Redakteur: Andreas Grimm, Andreas Grimm

Der Volkwagen-Konzern zählt zu den Gewinnern des europäischen Automarkts 2011. Mit der Up-Familie könnte VW die kriselnden Franzosen und Fiat noch stärker in Bedrängnis bringen.

Firmen zum Thema

Der Volkswagen-Konzern hat das europäische Autojahr 2011 als großer Gewinner abgeschlossen. Laut dem Herstellerverband ACEA kommt der Autobauer mit seinen Konzernmarken auf einen Anteil von 23,3 Prozent aller im letzten Jahr verkauften Neuwagen. Damit kletterte der Marktanteil um 2 Prozentpunkte. Nach Ansicht der Marktforscher von Jato Dynamics könnte sich diese Entwicklung noch fortsetzen. Sie erwarten, dass der VW Up (mehr) und seine Marken-Derivate Citigo (Skoda - mehr) sowie Mii (Seat - mehr) im Kleinstwagensegment einen neuen Konkurrenzkampf entfachen, der das Kräfteverhältnis zwischen den Herstellern neu ordnen könnte.

Dass Veränderungen bevorstehen, spürte wohl auch Fiat-Chef Sergio Marchionne: „Wir werden unsere Spitzenposition im Kleinwagensegment in Europa eisern verteidigen“, verkündete er anlässlich der Vorstellung der dritten Generation des Panda zur IAA 2011 in Frankfurt. Eine Art Vorwärtsverteidigung, wenn die Beobachter von Jato Dynamics recht behalten: Sie erwarten durch die Wolfsburger Kleinwagen-Offensive eine Umschichtung: „Die Wolfsburger werden das vertraute Bild ordentlich durcheinanderwirbeln“, sagte Analyst Nick Margetts der dpa.

Bislang bestritten das Segment vor allem Modelle wie Fiat Panda und Fiat 500 sowie Renault Twingo, Smart Fortwo, Ford Ka, die quasi baugleichen Modelle Citroën C1, Toyota Aygo und Peugeot 107 und dazu der Hyundai i10 und Kia Picanto. Einen weiteren Beleg für die Jato-These lieferte das KBA zum Jahreswechsel. Im Dezember 2011 war der VW Up erstmals der meistverkaufte Pkw im Segment der Kleinstwagen in Deutschland. Damit hat VW erreicht, was Vertriebschef Werner Eichhorn im Gespräch mit »kfz-betrieb ONLINE« im September angekündigt hatte: dass der Up das A-Segment dominieren solle.

Das 3,54 Meter kurze Einstiegsmodell aus Wolfsburg steht ab 9850 Euro bei den Händlern - derzeit nur als Dreitürer, ab Mai folgt die Viertürer-Variante. Unter der Haube haben Kunden die Wahl zwischen zwei Varianten eines Dreizylinders. Aus einem Liter Hubraum schöpft er wahlweise 44 kW/60 PS oder 55 kW/75 PS. Damit sind maximal 171 km/h möglich, bei einem Verbrauch von im besten Fall 4,2 Litern. Für die Zukunft plant VW eine ganze Up-Familie mit einer Elektro- und Gas-Version sowie wohl auch einem Fünftürer. Ferner könnte es einen Cross-Up, eine Sportvariante und vielleicht sogar den schon als Studie gezeigten Buggy geben.

Im Laufe des Jahres wird die Luft für die althergebrachten Mini-Produzenten in Europa noch dünner: Der Citigo von Skoda kommt spätestens Anfang Juni auf den Markt, bei Seat startet er als Mii am 19. Mai. Technisch sind sie mit dem Up identisch, nur im Design ein wenig modifiziert. Damit trifft der Volkswagen-Konzern die Konkurrenz aus Italien und Frankreich zwar nicht unvorbereitet, doch zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Die in den unteren Klassen traditionell starken Franzosen haben schon im vergangenen Jahr massiv Käufer verloren. Der Marktanteil der PSA-Gruppe (Peugeot und Citroën) sank in Europa von 13,4 auf 12,4 Prozent. Renault verlor von 10,3 auf 9,6 Prozent und innerhalb der Fiat-Gruppe sackte die Kernmarke von 6,0 auf 5,0 Prozent ab.

Die Konkurrenz versucht nun dagegenzuhalten:

  • Der Fiat Panda, der seit Jahren die europäischen Zulassungen in seinem Segment anführt, ist ab März in Deutschland in der dritten Generation zu haben. Kosten soll der neue ähnlich wie der alte Panda unter 10.000 Euro. Alternativ bleibt bis auf Weiteres der alte Panda im Programm, er wird weitergebaut.
  • Modellpflege betreiben die Kooperationspartner Citroën, Peugeot und Toyota für die technisch eng verwandten Drillinge C1, 107 und Aygo. Der Citroën ist ab 9.450 Euro zu haben, der Peugeot ab 9.650 Euro (mehr), Toyota hat sich noch nicht geäußert.
  • Smart erweitert das Motorenprogramm des Fortwo um eine Elektrovariante.
  • Bei Toyota gibt es seit dem 15. Oktober den neuen Yaris, der bald auch als Hybrid-Auto kommt.
  • Renault hat ebenfalls in dritter Generation den Twingo auf den Markt gebracht.
  • Ganz neu in die Klasse will Opel vorstoßen: „Wir bauen einen Kleinwagen unterhalb des Corsa“, sagte Firmenchef Karl-Friedrich Stracke. Er läuft unter dem Projektcode Junior und soll dem Vernehmen nach im Oktober auf dem Pariser Autosalon enthüllt werden. 2013 soll eine Elektrovariante folgen.

Dass die Hersteller in die Kleinwagenklasse investieren, hat einen handfesten Grund: Marktforscher versprechen dem Segment eine große Zukunft. In Deutschland sprechen die Zulassungszahlen allerdings noch gegen den Trend. In der Statistik des Kraftfahrt-Bundesamtes gehörten 2011 Geländewagen, Großraumlimousinen und Autos der Oberklasse zu den Gewinnern. Das Segment der Kleinwagen sackte dagegen um mehr als zehn Prozent weg. Andererseits legte der deutsche Neuwagenmarkt 2011 gegen den europäischen Trend zu: Eine sinkende Nachfrage könnte hierzulande eine Verschiebung in niedrigere Segmente bewirken.

(ID:389781)