Konzeptfahrzeuge: Nur schöner Schein?

Redakteur: Dipl.-Ing. Edgar Schmidt

Auf Messen wie dem Genfer Automobilsalon zeigen die Hersteller regelmäßig spektakuläre Konzeptfahrzeuge. Aber nur wenige von ihnen finden den Weg in die Serie.

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Auf Automobilmessen herrscht meist ein großer Rummel: Zahlreiche Besucher drängeln sich auf den Ständen herum, um sich die vielen Autos anzusehen. Da können Aussteller leicht untergehen. Ein probates Mittel der Hersteller und Zulieferer ist es deshalb, mit eindruckvollen Studien und Prototypen auf sich aufmerksam zu machen: Je spektakulärer die Modelle, desto größer die Wirkung.

Leider finden viele Konzeptfahrzeuge nie den Weg in die Serienfertigung; maximal einzelne Elemente sind ein paar Jahre später bei neuen Modellen wiederzufinden. Das liegt oft daran, dass die Designer bei der Entwicklung dieser Show-Mobile weder gesetzliche Vorgaben noch die Kosten einer Serienfertigung berücksichtigen müssen.

Auf dem Automobilsalon in Genf zeigten die Hersteller im März wieder besonders viele Studien. Diesmal sollen einige Modelle sogar in den Handel kommen, so zum Beispiel der Alfa 4C Concept. Der reinrassige Mittelmotor-Sportwagen ist der kleine Bruder des Supersportlers 8C Competizione und soll am Geist der legendären GTV-Sportwagen anknüpfen. Der Verkaufsstart ist für 2012 geplant.

Leichte Gesellen

Ob Alfa dann tatsächlich die Carbon-Karosserie des Showcars übernimmt, ist noch fraglich. Zwar arbeiten immer mehr Autohersteller daran, Karosserieteile aus diesem kohlefaserverstärkten Kunststoff zu entwickeln. BMW will bei seinem Elektrofahrzeug E1 sogar die gesamte Karosserie aus dem extrem leichten Werkstoff herstellen.

Da Carbon aber immer noch viel teurer ist als Stahl oder Aluminium, würde es den Preis des kleinen Sportlers enorm in die Höhe treiben. Bei der Studie sorgt es jedenfalls dafür, dass das Auto gerade einmal 850 Kilo wiegt. Damit muss jedes Kilowatt des 1,8-Liter-Turbomotors nicht einmal sechs Kilogramm beschleunigen. Daher spurtet der 4C laut Werksangaben aus dem Stand in weniger als fünf Sekunden auf 100 km/h.

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Auch der Threewheeler des englischen Herstellers Morgan sieht auf den ersten Blick aus wie eine Studie, die in erster Linie für Aufsehen sorgen soll. Ist er aber nicht. Für 25.000 englische Pfund (etwa 28.500 Euro) kann man dieses Spaßmobil wirklich kaufen.

Neues Leben für einen Klassiker

Morgan hat damit einen echten Klassiker wieder aufleben lassen. Bis 1952 produzierte der Hersteller die Urahnen des jetzt vorgestellten Dreirades, die insbesondere bei Bergrennen durch ihre leichten Karosserien für Furore sorgten. Schon damals saßen die V2-Motoren quasi als Kühlerfigur völlig unverhüllt an der Vorderfront des Zweisitzers und trieben das einzige Hinterrad an. Den in Genf vorgestellten Threewheeler befeuert ein 1,8-Liter V2 mit 86 kW/117 PS. Und der hat leichtes Spiel mit dem als Motorrad zugelassenen Mobil, denn es wiegt lediglich 500 Kilogramm.

Ebenfalls an alte Erfolge erinnert die Studie, die Volkswagen in Genf vorgestellt hat: der Bulli. 1950 brachte VW mit dem Ur-Bulli quasi den Begründer des Van-Segmentes auf den Markt. Der praktische Kleinbus war schnell auf allen Kontinenten beliebt und symbolisiert für viele noch heute das Lebensgefühl der Freiheit. Der neue ist natürlich modern ausgestattet und verfügt zum Beispiel über eine Entertainment-Steuerung via iPad. Für Vortrieb sorgt bei der Genfer Studie auch kein Boxermotor wie beim Original, sondern ein Elektromotor. Laut VW hätten jedoch auch moderne Benzin- und Dieseltriebwerke unter der Karosserie Platz.

Der neue Bulli würde gut in die Modellpalette von Volkswagen passen, denn bisher haben die Wolfsburger in dem Segment von Opel Meriva und Co. noch kein Auto im Angebot. Dennoch ist es fraglich, ob Volkswagen den Bulli wirklich bis zur Serienreife entwickelt. Bereits 2001 zeigte das Unternehmen einen ähnlich großen Microbus, bei dem es aber aus Kostengründen bei einem Prototypen geblieben ist.

Mobil in der Stadt

Mobil in der Stadt

Ebenso unklar ist, ob es der Tata Pixel jemals bis zur Serienreife bringen wird. Der indische Hersteller hat in Genf sein europäisches Stadtauto vorgestellt. Wenn er tatsächlich produziert wird, dann aber wahrscheinlich ohne die pfiffigen Flügeltüren; solche Gimmicks sind bisher noch immer dem Rotstift zum Opfer gefallen.

Der gerade einmal drei Meter lange Stadtfloh soll vier Erwachsenen ausreichend Platz bieten. Als Antrieb ist ein 1,2-Liter-Dreizylinder-Dieseltriebwerk vorgesehen, das mit einem Durchschnittsverbrauch von 3,4 Litern auf 100 Kilometer auskommen soll. Der besondere Clou des Pixel ist sein extrem kleiner Wendekreis von lediglich 2,6 Metern. Den erreicht der Hersteller, indem er bei voll eingeschlagenen Vorderrädern die Hinterräder in entgegengesetzte Richtungen rotieren lässt.

Das heißt, bei enger Kurvenfahrt dreht sich das kurvenäußere Hinterrad vorwärts, während das kurveninnere Rad rückwärts rotiert. Mit dieser Technik soll Einparken in engste Parklücken möglich sein. Sollte es Tata schaffen, dieses Feature zur Serienreife zu bringen, wäre das mit Sicherheit ein Verkaufsschlager in engen Großstädten.

Speziell für den Carsharing-Markt

Ebenfalls an den Stadtverkehr hat der Entwicklungsdienstleister Edag gedacht, als er die Studie „Light Car Sharing“ entworfen hat. Sie ist speziell auf den boomenden Carsharing-Markt ausgerichtet, weil insbesondere in Großstädten immer mehr Menschen auf ein eigenes Auto verzichten und sich bei Bedarf eines mieten. Das Edag-Konzept ist deshalb konsequent darauf ausgelegt, „unkompliziert von A nach B zu kommen“.

Mit einer Fahrzeughöhe von 1,90 Metern bietet es einen komfortablen Einstiegsbereich. Das war den Entwicklern wichtiger als ein niedriger Luftwiderstand, der bei einem Stadtfahrzeug ohnehin nur eine untergeordnete Rolle spielt. Dasselbe gilt für die Reichweite, die bei dem E-Mobil 100 Kilometer betragen soll.

Viel Wert legten die Entwickler dagegen auf eine robuste Karosserie. Damit der Wagen problemlos kleine Parkrempler verkraften kann, bestehen die Außenhautteile aus Faserverbundwerkstoffen und Kunststoff. An den Stoßfängern sitzen stoßabsorbierende Kunststoff-Pads, die rückverformbar sind. Die Karosserie ist laut Edag auf eine Nutzung von deutlich über zehn Jahren ausgelegt. Da der Dienstleister jedoch keine eigenen Autos baut, muss sich nun ein Hersteller finden, der das Konzept umsetzt. Die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht, denn derzeit entwickeln viele Autohersteller eigene Carsharing-Konzepte.

Sauber mit Erdgas

Auch die sehr seriennahe Studie des Fiat 500 mit Erdgas-Turbomotor kommt nicht von einem Autohersteller. Die Schweizer Erdgaswirtschaft hat dieses Auto gemeinsam mit dem Schweinfurter Ingenieurbüro BRA entwickelt. Der Zweizylinder-Twinair-Motor erzeugt eine Leistung von 62 kW/85 PS und soll mit einem Verbrauch von lediglich 2,9 Kilogramm Erdgas auf 100 Kilometern glänzen. Damit hat der Motor einen CO2-Ausstoß von nur 72 Gramm pro Kilometer – ein Wert, den heute nicht einmal Hybrid- oder Elektrofahrzeuge erreichen, jedenfalls wenn man die CO2-Emissionen der Stromproduktion in die Umweltbilanz einbezieht. Die Reichweite des bivalent ausgelegten Autos soll mit Erdgas 300 Kilometer betragen, Benzin ist für weitere 700 Kilometer an Bord. Die Höchstgeschwindigkeit geben die Schweizer mit 173 km/h an.

Der Fiat-Konzern hatte bei der Präsentation des Twinair-Motors im vergangenen Jahr auch für den Fiat 500 eine Erdgasvariante dieses Aggregats angekündigt. Allerdings steht eine serienmäßige Markteinführung der sauberen Antriebsvariante bei dem Hersteller bisher nicht auf dem Programm.

Von vorneherein keine Chancen auf eine Serienfertigung hat die BMW-Studie „Vision Connected Drive“. Schon der Name des Konzeptfahrzeugs macht deutlich, dass es sich lediglich um eine Vision der Entwickler handelt. Diese Vision betrifft die Multimediaausstattung und die Vernetzung des Autos mit seiner Umwelt. So hat der Roadster zum Beispiel ein erweitertes Head-Up-Display, das mit einer dreidimensionalen Darstellung von Informationen und Symbolen das reale Straßenbild mit virtuellen Inhalten verschmelzen lassen soll. Diese so genannte „Augmented Reality“ projiziert Hinweise zur Routenführung so auf die Frontscheibe, dass sie für den Fahrer direkt dort zu sehen sind, wo er wirklich abbiegen muss.

Zusätzlich soll die Konzeptstudie über ein frei programmierbares Instrumentenkombi verfügen, dessen Anzeigen das Head-Up-Display ergänzen. Dank einer ebenfalls dreidimensional strukturierten Display-Anzeige kann es einzelne Informationen je nach Fahrsituation optisch mehr oder weniger stark hervorheben, um die jeweils angemessene Aufmerksamkeit zu erzielen.

Besser vernetzte Fahrzeuge

Besser vernetzte Fahrzeuge

Über ein zusätzliches „Passenger Information Display“ kann auch der Beifahrer im Konzept-BMW von der Vernetzung des Fahrzeugs profitieren. So soll er unter anderem online empfangene Informationen wie die Adresse eines Hotels für die Zielführung des Navigationssystems auswerten und bei Bedarf an das Instrumentenkombi des Fahrers weiterleiten können.

Für eine individuell abgestimmte Informationsauswahl soll der BMW zudem einen „Emotional Browser“ bekommen, der während der Fahrt zusätzliche Infos über die aktuell bereiste Umgebung personen- oder stimmungsbezogen filtern kann. Vielleicht ist es manchmal ganz in Ordnung, wenn Entwicklungen nicht den Weg in die Serie finden.

Auch bei Ford ging es um das Thema Multimedia und die intelligente Steuerung der Systeme im Fahrzeug. Hier ist die Serieneinführung der Systeme jedoch schon beschlossene Sache. Ab 2012 sollen Autos von Ford mit „Sync“ und „My Ford Touch“ ausgestattet werden. Dahinter verbergen sich interaktive Schnittstellen zwischen Fahrer und Auto. Während My Ford Touch aus mehr oder weniger bekannten Kontrolltasten am Lenkrad und Touchscreen-Bildschirmen besteht, soll Sync eine besonders umfangreiche Sprachsteuerung sein, über die der Fahrer sowohl Fahrzeugfunktionen als auch angeschlossene Multimediageräte bedienen kann.

Dazu versteht die Software nach Unternehmensangaben 10.000 Befehle in 19 Sprachen und verschiedenen Dialekten. Adressen für die Navigation kann der Fahrer so zum Beispiel verbal eingeben. Sync soll zudem alle über USB und Bluetooth mit dem Auto verbundenen Geräte wie Mobiltelefone und MP3-Player über Sprachbefehle steuern können. Außerdem kann es eingegangene SMS vorlesen und die vom Fahrer per Sprache eingegebene Antwort versenden.

Das Auto als Hotspot

Darüber hinaus verwandelt Sync das Auto laut Ford in einen Wifi-Hotspot, der bis zu fünf Passagieren drahtlosen Internetzugang ermöglicht. Um mit den schnellen Entwicklungszyklen bei der Consumer-Elektronik mithalten zu können, soll die Software von zu Hause aus updatefähig sein.

Mit dieser Entwicklung hat Ford die Zeichen der Zeit erkannt. Laut einer Umfrage des Branchenverbades Bitkom wünschen sich rund 25 Prozent der deutschen Autofahrer mehr Internetfunktionen im Auto. Da ist es der richtige Weg, die zunehmende Funktionsvielfalt über Sprache zu steuern, denn das lenkt den Fahrer am wenigsten ab. Insofern ist es gut, dass die Hersteller doch nicht nur einen schönen Schein auf den Messen präsentieren, sondern auch Entwicklungen, die man – in Zukunft – wirklich kaufen kann.

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