TÜV-Nfz-Report Mängelquote der meisten Nutzfahrzeuge steigt wieder

Autor / Redakteur: dpa / Nick Luhmann

In fast allen Nfz-Klassen fallen wieder mehr Fahrzeuge durch die HU – nachdem die Mängelquote in den Jahren zuvor stetig abgenommen hatte. Der TÜV sieht diese Trendumkehr in Zusammenhang mit der Pandemie.

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(Bild: DPDHL)

Der TÜV stellt an Nutzfahrzeugen wieder mehr Mängel fest. Der positive Trend der vergangenen Jahre mit immer weniger Schäden hat sich laut dem am Dienstag veröffentlichten neuen Nutzfahrzeug-Report des Überwachungsvereins in den Jahren 2019 und 2020 nicht fortgesetzt. Die Sicherheitsexperten sehen unter anderem einen Zusammenhang mit dem durch die Corona-Pandemie verstärkten Paketboom. Für den neuen Nutzfahrzeuge-Report wertete der TÜV-Verband rund 1,95 Millionen Hauptuntersuchungen aus.

TÜV-Prüfer stellten demnach bei den Hauptuntersuchungen 2019 und 2020 bei fast einem Fünftel (19,6 Prozent) aller Nutzfahrzeuge erhebliche oder gefährliche Mängel fest. In den Jahren davor war die Quote stetig zurückgegangen. „Wir haben eine Trendumkehr zu verzeichnen“, sagte Richard Goebelt, Bereichsleiter Fahrzeug und Mobilität beim TÜV-Verband, der DPA. „In 18 der 20 von uns abgebildeten Alters- und Gewichtsklassen sind mehr Fahrzeuge durch die Hauptuntersuchung gefallen als noch vor zwei Jahren. Wir bewegen uns leider in die falsche Richtung.“

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Über 20 Prozent mit Mängeln unterwegs

In Deutschland sind über 3,4 Millionen Nutzfahrzeuge zugelassen. Der Großteil davon – knapp 2,9 Millionen – sind Lieferwagen und Kleintransporter bis 3,5 Tonnen Gesamtgewicht. Bei diesen Fahrzeugen – Ford Transit, Mercedes Sprinter, Volkswagen Transporter oder Renault Trafic –war die Mängelquote mit 20,3 Prozent besonders hoch.

Der Zusammenhang mit der Corona-Krise: „Kleintransporter werden besonders in Anspruch genommen“, sagte Goebelt. „Die Corona-Pandemie hat einen deutlichen Boom beim Onlinehandel erzeugt. Kurierdienste, die diese Fahrzeuge häufig nutzen, gehen regelmäßig an ihr Limit, dafür werden Wartung, Pflege und maximale Zuladung häufig leger behandelt.“

Der Bestand an Kleintransportern ist seit dem Jahr 2010 laut Kraftfahrt-Bundesamt um rund 1 Million Fahrzeuge auf aktuell 2,88 Millionen Stück gestiegen. Hauptgründe für dieses Wachstum sind der Boom des Online-Handels und die Hochkonjunktur in der Baubranche.

Unterschiedliche Entwicklungen der Gewichtsklassen

In der Klasse der leichten Lkw von 3,5 bis 7,5 Tonnen ist der Anteil der Fahrzeuge mit erheblichen und gefährlichen Mängeln über alle Altersgruppen um 0,5 Punkte auf 18,5 Prozent gestiegen. Bei den mittelschweren Lkw von 7,5 bis 18 Tonnen liegt die Quote bei 19,5 Prozent auf dem Niveau des Reports vor zwei Jahren. Am schlechtesten schneiden bei den größeren Fahrzeugen die schweren Lkw ab 18 Tonnen mit 19,9 Prozent ab. Hier gab es nach einem kräftigen Zuwachs der Mängelquoten im letzten Nutzfahrzeugreport in der aktuellen Ausgabe ein moderates Plus von 0,2 Punkten.

„Schwere Lkw sind auf der Langstrecke unterwegs und in Branchen wie dem Baugewerbe, der Forstwirtschaft oder in der Entsorgung harten Belastungen ausgesetzt“, erläutert Goebelt die Zahlen. Nach fünf Jahren haben sie bereits durchschnittlich 395.000 Kilometer auf dem Tacho.

Über alle Gewichts- und Altersklassen zählen Defekte an der Beleuchtungsanlage zu den am häufigsten festgestellten Mängeln. Auch Ölverluste seien ein Problem, sagte Goebelt. „Wir haben auch Verschleiß an den Lenkanlagen, an den Achsaufhängungen, und der naturgemäß harte Betrieb dieser Fahrzeuge macht sich auch an den Bremstrommeln bemerkbar.“ Viele Fahrzeuge würden auf Verschleiß gefahren und schlecht gewartet. Die Folge seien technische Mängel, die zu einer Gefahr für die Verkehrssicherheit werden können.

Während die Mängelquote bei Beleuchtungskomponenten quasi kontinuierlich ansteigt, vermehren sich die Fallzahlen in den Baugruppen Motor/Getriebe (Öl) und Avhsaufhängung ab dem sechsten Lebensjahr eines Nutzfahrzeugs rasant.

Der Trend zum Leasing verschärft die Situation.Fahrzeughalter oder Fuhrbetriebe fühlten sich für geleaste Fahrzeuge weniger verantwortlich, vermutet Goebelt. Anstatt in regelmäßige Pflege zu investieren, werden die Fahrzeuge am Ende der Leasingzeit, in der Regel nach drei bis fünf Jahren, in schlechtem Zustand zurückgegeben. „Wirtschaftlich macht das vielleicht Sinn, für die Verkehrssicherheit ist es fatal“, bilanziert Goebelt.

„Gefährliche Mängel“ werden jetzt gezählt

Erstmals in die Statistik aufgenommen wurden Fahrzeuge mit „gefährlichen Mängeln“. Laut Nutzfahrzeug-Report waren es 10.000 Fahrzeuge, die wegen zerschlissener Bremsscheiben, stark abgefahrener Reifen oder anderer schwerer Mängel sofort in die Werkstatt gebracht werden mussten. Weitere rund 1.300 Nutzfahrzeuge wurden mit durchgerostetem Fahrgestellt oder kaum noch funkionsfähigen Bauteilen als „verkehrsunsicher“ eingestuft und sofort aus dem Verkehr gezogen.

Wegen der fortschreitenden Technisierung der Nutzfahrzeuge plädiert der TÜV für eine Erweiterung der Prüfungen. „Für uns ist es ganz wichtig, dass die Überprüfung der Fahrerassistenzsysteme in die Hauptuntersuchung mit aufgenommen wird“, sagte Goebelt. „Da sollte grundsätzlich die Prüfung der aktuellen Software-Version erfasst werden. Hardware-Kalibrierung ist ein wichtiger Punkt, Systemstatus, Verglasungen, Sensoren und der Fahrmodusspeicher. Assistenzsysteme helfen nur dann, die Mobilität sicherer zu machen, wenn sie auch wirklich funktionieren.“

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