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Mercedes-Benz: 770 markiert „Spitze des Automobilbaus“

| Autor: Steffen Dominsky

Doppelt so teuer wie der legendäre 540K: Mit dem W 07 gab Mercedes Benz im Automobilbau 1930 ein echtes Statement ab. Der „große Mercedes“ war ein Superlativ und der erste Serien-Pkw mit einem Achtzylinder-Kompressormotor.

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Ein 770 in der Ausführung als Cabriolet D, Baujahr 1931. Von dieser Baureihe sind in allen Karosserievarianten insgesamt nur 117 Stück gefertigt worden.
Ein 770 in der Ausführung als Cabriolet D, Baujahr 1931. Von dieser Baureihe sind in allen Karosserievarianten insgesamt nur 117 Stück gefertigt worden.
(Bild: Mercedes-Benz)

Vor 90 Jahren: Mit dem 770, dem „großen Mercedes“, stellt der Stuttgarter Hersteller ein Modell vor, das zum Besten gehört, was deutscher und internationaler Automobilbau zu bieten haben. Die repräsentativen Wagen von Mercedes-Benz überzeugen mit beeindruckenden Leistungen und Fahrkomfort. Für den standesgemäßen Antrieb der Baureihe W 07 sorgt ein Achtzylinder-Reihenmotor mit 7,7 Litern Hubraum. Das exklusive Fahrzeug wird zwischen 1930 und 1938 gebaut. In verschiedenen Ausführungen entstehen lediglich 117 Exemplare. Abgelöst wird der „Große“ von der Baureihe W 150 mit der identischen Modellbezeichnung 770. Der W 07 bleibt für Mercedes-Benz ein Meilenstein in seiner langen Tradition bis heute.

Im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart-Untertürkheim sind aktuell zwei „große Mercedes“ des Modells 770 zu bewundern. Zum einen das 1932 als Sonderanfertigung hergestellte Cabriolet F von Kaiser Wilhelm II., der damals im niederländischen Exil lebte. Den Kühler ziert statt des Mercedes-Sterns das Hohenzollern-Wappen. Die Außenfarbe Marineblau ist des abgedankten Kaisers Reverenz an die deutsche Seeflotte.

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Des Weiteren kann die Pullman-Limousine des japanischen Kaisers Hirohito besichtigt werden, die 1935 als eines der ersten Automobile überhaupt in beschusssicherer Ausführung ausgeliefert wurde. Eine mehrschichtige und dicke Verglasung der Seiten- und Heckscheiben sowie eine Panzerung von Dach und Türen sind Teil der Schutzmaßnahmen. Interessantes Detail: Beide Fahrzeuge gehören zu den wenigen W 07, die ohne Kompressor ausgestattet wurden.

Stärkster deutscher Personenwagen

Der 770 wird im Oktober 1930 auf dem Salon de l’Automobile in Paris, auf der seinerzeit weltweit führenden Automobilausstellung, präsentiert. Das größte, schwerste und auch teuerste Modell des Mercedes-Benz-Personenwagenprogramms sichert der damaligen Daimler-Benz AG eine Spitzenposition im internationalen Automobilbau. Ein zeitgenössischer Mercedes-Benz-Prospekt lässt keinen Zweifel an diesem Anspruch und spricht vom „stärksten Personenwagen Deutschlands und einem der größten der Welt“. Weiter heißt es: „Er ist der Wagen mit der besonderen Note, geschaffen für die verwöhntesten Ansprüche, für den Kreis führender Männer aller Länder, die stets die Forderung nach höchster Leistung und größtem Komfort erheben.“

Nach zweijähriger Entwicklungsarbeit beschließt der Vorstand in einer Direktionssitzung am 6. März 1930, den W 07 forciert zur Serienreife zu bringen und die Nürburgring-Erprobung bis Ende Mai des Jahres abzuschließen. Am 6. Juni 1930 resümiert der neue Vorstandsvorsitzende Wilhelm Kissel: Die „Entwicklung eines neuen großen Wagens“ sei erforderlich gewesen, um wieder ein aktuelles Luxusklassefahrzeug im Modellprogramm zu haben. Zu den selbst gesetzten Ansprüchen an die Konzeption des W 07 sagt Kissel: „Es ist selbstverständlich, dass dieser Wagen dem entsprechen muss, was man von Daimler-Benz verlangt.“

Doppelzündung und Aufladung

Anders als mancher Wettbewerber entscheidet sich das Team um den Leiter des Konstruktionsbüros, Dr. Hans Nibel, und Motorenentwicklungschef Albert Heeß nicht für ein Triebwerk mit zwölf Zylindern, sondern für einen Achtzylinder-Reihenmotor mit 7,7 Litern Hubraum. Seine Maximaldrehzahl liegt bei 2.800 pro Minute. Dieser M 07 leistet 110 kW (150 PS), und wenn der Roots-Kompressor beim vollständigen Durchdrücken des Gaspedals zugeschaltet wird, sind es 147 kW (200 PS). Bei einem Minderpreis von 3.100 Reichsnmark kann der „große Mercedes“ auch ohne Kompressor bestellt werden. Dafür entscheiden sich allerdings nur 13 der 117 Kunden. Von den beiden Zündkerzen pro Zylinder wird eine über Hochspannungsmagnetzündung und eine über Batteriezündung versorgt.

Die Kraftübertragung erfolgt über ein Dreiganggetriebe, das durch ein nahezu geräuschloses Maybach-Schnellganggetriebe ergänzt wird. Dieses kann zu jedem der drei Vorwärtsgänge zugeschaltet werden. So stehen in der Praxis sechs Gänge zur Verfügung. Geschaltet wird das Schnellganggetriebe ohne Betätigung der Kupplung über eine halbautomatische Saugluftschaltung, die per Lenkradhebel bedient wird. Die Handhabung der Vierradbremsen erfolgt mechanisch und wird durch eine Bosch-Dewandre-Servobremse unterstützt. Der „große Mercedes“ verfügt vorne über eine Starrachse aus einem Doppel-T-Profil und hinten über eine Starrachse in Banjoform. Die Zentralschmierung geschieht vollautomatisch. Die von der Fachwelt hochgelobte Abstimmung des eher konservativ ausgelegten Fahrwerks führt zu einem Optimum an Sicherheit und Komfort. Das Topmodell von Mercedes-Benz wird mit Holzspeichenrädern oder Drahtspeichenrädern geliefert, die für einen eiligen Wechsel mit Rudge-Schnellverschlüssen montiert werden.

Auch preislich absolut spitze

Die Karosserien des „großen Mercedes“ werden im Sonderwagenbau im Werk Sindelfingen hergestellt. Endmontiert und an die Kunden übergeben werden die Fahrzeuge in Stuttgart-Untertürkheim. Zunächst wird die insgesamt 42-mal produzierte Pullman-Limousine mit sechs bis sieben Plätzen angeboten. Die Cabriolets B, C, D und F sowie ein offener Tourenwagen ergänzen die Karosserieauswahl im September 1932. Hinzu kommen Aufbauten einiger privater Karossiers wie beispielsweise Erdmann & Rossi. Das Karosseriedesign ändert sich während der 1930er-Jahre hin zu immer flüssigeren Formen.

Wie deutlich sich der W 07 vom allgemeinen Preisniveau abhebt, zeigt ein Vergleich: Die Pullman-Limousine mit Kompressor wird während der gesamten achtjährigen Produktionszeit für 41.000 RM angeboten, der 1931 präsentierte 170 (W 15) dagegen für 4.400 RM. Selbst der 540 K, der während der 1930er-Jahre ebenfalls viel zum Renommee von Mercedes-Benz beiträgt, kostet 1936 mit 22.000 RM nur etwas mehr als die Hälfte des „großen Mercedes“.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "bike & busines", "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group